Sendepause

Für mich, die was das angeht nicht viel gewohnt ist, ist das fast unglaublich. Fast fremde Menschen wünschen mir alles Gute für die OP und man merkt, die meinen das, auch hier in den Fädenrissen, der Mit-Künstler rennt rum wie ein aufgescheuchter Gockel, weil dies, weil jenes…, der Handschuhschenker und das Atelier-Kind erarbeiten trotz Sprachbarriere einmütig den Speiseplan – der Operateur hat gesagt, Bratkartoffeln und Kartoffelpuffer soll sie essen, also kriegt sie das auch, ob sie das essen will ist zunächst egal -, die Atelier-Kind-Eltern bringen Mulltücher zum Spucken. Und von der Mit-Künstler-Mutter kommt ein Satz wie Und wenn du Atmungskrämpfe kriegst?, der zwar nicht gerade positiv ist, aber immerhin zeigt, dass sie zugehört hat.

Von meiner Familie nichts. Das wäre okay, ich erwarte da nichts und ich will auch nichts außer meiner Ruhe, aber es kommt eben doch was.

Mikesch: Entzündet sich eh… Sei bei den Weisheitszähnen vom Diddl-Maus-Junge, also einer ganz anderen Sache, auch so gewesen. Das war vielleicht schlimm, der musste dafür ins Krankenhaus. Und dann hat das lange gedauert mit der Entzündung. Angeblich weil er nach der Narkose geraucht hat…

[Wenn man sich kaum, dass man aus der Narkose wieder da ist eine Fluppe ansteckt obwohl man nicht rauchen soll so lange die Fäden drin sind, sind Entzündungen nicht ausgeschlossen. Außerdem hat der Herr nicht die weltbeste Mundhygiene generell.]

Aber natürlich ist das nicht sein Problem gewesen, sondern das der Ärzte. Die hätten halt nicht erwarten dürfen, dass ein Raucher nicht raucht. So eine unverschämte Forderung, aber ehrlich.

Und wie sie kann nächste Woche von mir aus einen Bankraub verüben oder Amok laufen [ich sehe nicht ein wegen einer schlimmen Sache meine Wortwahl zu ändern], ich komme nicht und das Amt weiß das?! Wie das denn? Was ist denn, wenn was ist?!

Ich weiß nicht wie das wird. Vielleicht steht hier nächste Woche sehr viel oder auch gar nichts.

Aber ich habe schon seit einer Weile eine Idee: Sie sahen hier vor noch nicht so langer Zeit eine Auftragsarbeit, die sich ein anderer Blogger gewünscht hatte und einige von Ihnen kennen auch das Generatorprojekt, das Jutta Reichelt eine Zeitlang auf ihrem Blog betrieben hat. Wenn Sie mögen, lassen Sie mir in den Kommentaren ein paar Stichworte, vielleicht mache ich in der Rekonvaleszenz etwas Fiktion draus.

Mikesch aus Bad Trikesch

Mikesch bringt ihre Nachbarn wieder auf die Palme. Und ich muss wieder hin.

Diesmal ist es eine Nachbarin.

Jedes Mal wenn die morgens aus dem Haus geht wartet Mikesch hinter der Wohnungstür und wenn die Frau vorbei geht reißt sie die Tür auf und singt:

Jutta aus Kalkutta
Kauf mal Butter
Für die Mutter
Auf’m Kutter

Zur Erinnerung: Mikesch ist 60 – in Worten sechzig – und nicht sechs und hat die meiste Zeit über keinen Gesichtsausdruck.

Die Frau hat das eine Woche ignoriert. Dann stellte Mikesch – relativ groß, sehr schlank und in Klamotten, die 18-jährige tragen – sich der Frau in den Weg.

Die hat es erst noch mit Humor versucht.

Das hatte keine Wirkung. Mittlerweile findet sie es sehr schade, dass weder mein Stiefvater noch der Diddl-Maus-Junge Peter heißen, weil sich das auf Gezeter reimt.

Und der Diddl-Maus-Junge macht eh nichts und vor dem Stiefvater streitet Mikesch alles ab. Angeblich ist das nicht sie auf der Handyaufnahme. Es gibt ein Video. Jutta lässt sich nämlich nicht alles bieten und dieses den Weg blockieren geht zu weit. Zumal Mikesch bekanntlich gern handgreiflich wird. Die Frau hat Angst. Kann ich verstehen. Hätte ich mit 1,55m auch. Mikesch ist etwa 1,70m.

Stiefvater: „Ich seh dich da und ich hör dich furzen.“

Fünf Sätze Schlagabtausch über diesen Sachverhalt statt über den Spottvers.

Ich zum Stiefvater: „Du musst nicht diskutieren, du musst ihr klarmachen, dass das nicht in Ordnung ist. Ihr verscherzt es euch hier langsam.“

Er: „Mikesch, warum machst du das?“

Damit beißen Sie bei ihr auf Granit. Außerdem macht sie das aus Langeweile. Sie bekommt so negative Aufmerksamkeit und das ist besser als keine und mit der Aufmerksamkeit kann sie subjektiv schlecht empfundene Gefühle „wegmachen“.

Mikesch singt ihren Vers.

Er: „Was das soll?“

Sie reagiert nicht.

Zu mir: „Was mache ich jetzt?“

Mikesch ist jetzt wieder sauer auf die böse dergl weil die gesagt hat, die Nachbarin kann auch die Polizei rufen.

dergl lernt Schleifen binden (wie alle anderen)

Zum Ende der zweiten Sommerferienwoche gibt es einen Artikel mit beiden Leserlieblingsprotagonisten.

Das Atelier-Kind findet meine Art Schleifen zu binden für Babys. Als ich das in meiner Funktion als Dolmetscher dem Handschuhschenker mitteile meint der, ich mache das wirklich komisch.

Ich habe nie Schleifebinden gelernt. Das hat mir nie einer gezeigt. In Kindergarten und Schule fand man, das müsse man zu Hause lernen, zu Hause fand man, Kindergarten und Schule seien dafür zuständig. Meine Klassenkameradinnen fanden, dazu seien meine Finger zu steif und das ein Grund mir die Technik nicht zu zeigen. Meine Klassenkameraden zeigten mir einen Trick. Der funktioniert auch prima einhändig und so mache ich das seit etwa 28 Jahren.

Atelier-Kind und Handschuhschenker finden, das kann so nicht weitergehen. Ich müsse zumindest einmal in meinem Leben die konventionelle Methode angewendet haben. Das gehört zu den Dingen, die man wirklich mal gemacht haben muss.

Und entwickeln einen entsprechenden Ehrgeiz. Es muss doch möglich sein unter Einbindung der nicht wirklich brauchbaren Hand. Fixieren und Ziehen. Mehr ist das nicht. Einmal in sechsunddreißig Jahren. So wie ich das mache sieht es so kompliziert aus, zu Trinkzeiten wäre der Handschuhschenker mit offenen Schuhen rumgerannt, wenn das die einzige Art Schleifen zu binden wäre. Das hätte er motorisch nicht hinbekommen. Behauptet er. Das Atelier-Kind behauptet, der Großneffe wird meine Art Schleifen zu binden mit einem Jahr beherrschen. Das ist übertrieben. Findet er nicht. Sein Bruder ist nur zu lahm.

Dreißig Minuten habe ich gestern alle anwesenden Schuhe mit Senkeln gebunden und Wollreste auf und wieder zu geknüpft.

Reichen dreißig Schleifen in sechsunddreißig Jahren?!

Arbeitsjournal-Fragment

Nun habe ich fast eine Woche ein altes Textstück, das letzte, das noch mitten im Kollaps entstand überarbeitet und kann mich nicht entscheiden ob das Ende abgehackt wirkt oder genauso wie es ist das Beste ist, das dieses Stück haben kann. Die Entwicklung ist eindeutig. Ich habe viel lernen können seit ich es abbrach. Noch weniger einig bin ich mir was einen Titel angeht. Damals hatte dieses abgebrochene Stück einen. Der passt jetzt nicht mehr weil das Ganze in eine andere Richtung als damals geht. Es ist länger und versucht eine Situation, die irgendwie unbeschreiblich ist zu beschreiben. Der Kontext, in dem der Ur-Titel damals entstanden ist, ist jetzt auch nicht mehr und er wäre auch jetzt zu „offensiv“. Das worum es geht ist für viele Menschen normal und passiert jeden Tag irgendwo und -wem, für die Menschen im Text ist es besonders und der alte Titel stellte das hervor. Geht nicht mehr. Passt nicht mehr zu dem was ich aus dem Text gemacht habe und will ich auch nicht mehr haben.

Habe ich eigentlich mal irgendwas, das mehr als eine Seite einnahm unbetitelt gelassen? In Word hat es viereinhalb Seiten.

0,8 Zentimeter

Ah, okay. 0,8 Zentimeter, mehr geht nicht, denn wenn er an die andere Seite geht kollabiert vielleicht etwas oder es trifft gerade weil es so verschoben ist wieder einen Nerv.

0,8 Zentimeter an einer Stelle, an der kein Nerv ist. Unter örtlicher Betäubung in etwa fünfundvierzig Minuten erledigt. Narkose lassen wir erstmal eine halbe Stunde drin, bis Sie wirklich nichts mehr merken.

In zwei Wochen.

Wenn das verheilt ist muss mir ein anderer Arzt eine Zahnkrone versetzen, sonst verschiebt sich wieder was.

Also zirka noch einen Monat total.

Der Mit-Künstler kümmert sich. Der Handschuhschenker hat sich angeboten und eine angefangene Schachtel Ibuprofen, die bis 10/2016 verbraucht werden muss, gespendet. Salma und ihr Mann, die im Krankenhaus tätig waren und dort schon ganz anderes gesehen haben, wollen auch helfen. Das Atelier-Kind hat versprochen mir jeden Tag ein Wassereis zu schenken, damit es gar nicht erst zur Schwellung kommt.

Ich habe Stromgeld überzahlt und zurückbekommen. Das heißt, ich habe einen Puffer falls ich doch mehr Medikamente als verschrieben brauche oder mehr waschen muss, falls ich tagelang Blut ausspucke.

Ich weiß also prinzipiell, dass ich so versorgt bin, wie ich sein kann in meiner Situation. Fast könnte ich glauben, ich könnte an dem Tag nach der Operation wirklich einfach schlafen.

Aber ich könnte auch wetten, dass genau dann jemand Bestimmtes ganz besonders durchdreht. Die kann es nämlich partout nicht ertragen, wenn sich um andere Leute gekümmert wird, weil es denen de facto schlecht geht. Wie sie das selber handhabt, habe ich im letzten Jahr mal erzählt.

Megamikesch

Mikesch ist ganz, ganz megasauer auf mich – wie bescheuert dieses mega- sich von einer 60-jährigen macht bekommt sie sonst auch nicht mit -, und zwar wegen der Socken. Weil die K., die hat so tolle und sie nicht. Das findet sie gemein von mir.

K. hat mir zum Verstricken zwei 100gr Knäule bunte Wolle einer guten, aber teureren Marke gegeben. Pro Knäul im Fachgeschäft 9,95€.

Mikesch hat mir zum Verstricken zwei 100gr Knäule einfarbige Wolle aus einem Bekleidungsdiscounter gegeben. Pro Knäul 0,99€.

Folglich können ihre genau so gestrickten Socken im Resultat nicht genau so sein wie die von K. Selbst wenn sie qualitativ hochwertige Wolle gegeben hätte, ein einfarbiges Knäul ist nicht gemustert sobald man es auf den Rahmen legt. Es ist dann immer noch neonpink und nicht rot-blau-lila-gelb-grün.

Ich habe mich vorsichtshalber, es könnte ja sein, dass ich einfach keine Ahnung habe, beim Atelier-Kind erkundigt: Ihm, als Bald-Drittklässler, ist klar, dass sich die Farbe nur dann ändert wenn man sie einfärbt.

Mikesch: Ich dachte, du nimmst die, kaufst mir andere und machst mir ‘ne
Überraschung. Aber nie, nie denkst du an mich. Alle anderen…

…bekommen auch geliefert wie bestellt.

Ich hätte jetzt gerne vom Atelier-Kind erzählt

Ich hätte jetzt gerne etwas erzählt, das mit der ersten Sommerferienwoche vom Atelier-Kind zusammenhängt. Der ist gerade in Vollzeit hier, weil die Atelier-Kind-Eltern noch keinen Urlaub haben. So ist das im Niedriglohnsektor. Und als Mensch mit Handicap müssen Sie noch eher als einer ohne froh sein überhaupt eine Stelle zu bekommen, egal ob aufgrund des Spar…äh Teilhabegesetz-Theaters gerade vorwiegend behinderte Akademiker mit Job beleuchtet werden -wieso eigentlich fast immer nur Rollstuhlnutzer? Das verzerrt das Bild. Ich bin Fußgänger und brauche trotzdem Assistenz und nicht als einzige. Wer repräsentiert uns da? – , das ist in der Realität die Minderheit. Als Eltern mit Handicap hängt je nachdem was Sie haben und wo Sie wohnen auch noch das Damoklesschwert über Ihnen, dass Sie entweder die Ihnen vom Amt gezeigte Arbeit annehmen oder Sie könnten Besuch vom Jugendamt bekommen und die Ihnen unterstellen, Sie könnten sich behinderungsbedingt nicht um Ihren Nachwuchs kümmern. Ist besonders bei Familien wie der Atelier-Kind-Familie quatsch, aber halt! – Die sind dagegen, dass man ihre Kinder mittels Cochlear Implantat von ihrer Taubstummheit heilt, weil sie sagen, wenn die Kinder als Erwachsene ein CI haben wollen, können sie das tun, aber so sollen sie erstmal die Chance haben eine Identität zu entwickeln und die meisten Gehörlosen sind sehr glücklich, dass sie gehörlos sind? Suspekt, suspekt….

Sie verstehen was ich meine.

Außerdem kann ich Ihnen jetzt nichts vom Atelier-Kind erzählen. Ich hatte Nachtdienst und muss dokumentieren. Ein Nachbar von Mikesch hat sich nämlich das Unmögliche erlaubt, also das, was Sie auf gar keinen Fall nachmachen sollten, wenn Sie es sich mit Mikesch nicht verscherzen wollen, das qualifiziert Sie nämlich als behindert im Kopf (sic!) [Zitat Mikesch].

Und da musste die dergl heute eben mal mit dem Nachtbus fahren. War nämlich sonst keiner da.

Das Blöde ist nur, die Doofe, die hält immer zu anderen. Doof, die dergl, aber so was von, die hinterfotzige Sau. [Zitat Mikesch.]

Die hat nämlich gesagt, dass das richtig vom Nachbar war die Polizei zu holen und dass der sich nicht schlagen lassen muss – muss er wohl, ist doch ein Mann! -, und dass das Körperverletzung ist und er sich richtig verhalten hat nicht zurückzuhauen, weil man ihm vielleicht sonst was Falsches unterstellen könnte. Aber das ist ein Mann. Männer dürfen sich gar nicht wehren, dann sind das nämlich Frauenschänder. Jawohl!

Außerdem hat die dergl wieder ihre Litanei abgelassen, dass man überhaupt niemanden hauen darf, auch wenn man Mikesch heißt. Und dann hat die Doofe noch der Polizei gesagt, die Mikesch, die immer nett zu allen ist und sich nur das nimmt was ihr zusteht, sei süchtig, also so was wie der Arsch, der früher gesoffen hat, und dass die Mikesch in der Psychiatrie war und klaut. Wenn die Doofe das nicht gesagt hätte, dann hätten die das bestimmt nicht rausgekriegt. Weil dem Nachbarn, dem hätte dann bestimmt keiner geglaubt.

Möchte jemand von Ihnen ein Feuerwehrleute-Praktikum für meinen Rekonvaleszenz-Zeitraum nach der wahrscheinlich anstehenden OP? Unbezahlt, unversichert und unverschämt natürlich.