Fragmentarisches zwischendrin

Man bekommt so Vieles mit wenn man wetterbedingte Funkstörung bedingt schlechtes Netz hat. Im Kreativen (man hat Ruhe und hetzt sich nicht selber weil man unbedingt noch dies oder jenes recherchieren muss) wie im Anderen.

So erfahre ich, dass die Mutter von dem Mädchen, das in die Atelier-Kind-Klasse soll – es kann sich nur um Monate handeln bis das entschieden ist, es käme die für die Assistenzfinanzierung verantwortlichen Stellen billiger das Mädchen einfach auf einer Förderschule abzustellen, folglich werden die alles versuchen damit die Eltern nicht alles versuchen um ihre Tochter auf die Grundschule zu bekommen -, Kontakt zu den Atelier-Kind-Eltern aufgenommen hat. Möchte wissen wo es hierzulande und in der Nähe Aktionen und Aktionsbündnisse gibt, die sich gegen das soeben in NRW beschlossene Gesetz richten. Das Gesetz heißt zwar etwas mit Inklusion, kann aber für viele „kompliziertere“ Fälle von Menschen genau das Gegenteil bedeuten.

Zum Beispiel für das Mädchen. Oder das Atelier-Kind. Beide kommen in der Grundschule mit, sind aber aufgrund ihrer Andersartigkeiten nicht so leicht „übersehbar“ und damit einfügbar wie beispielsweise ein sehbehindertes Kind, das noch nicht so stark beeinträchtigt ist, dass es einen Vorleser als Assistenz benötigt. Ein Mensch mit Handicap, der keine Assistenz für irgendwas benötigt, zumindest nicht im ersten Moment, ist quasi kostenlos. Das Atelier-Kind und die potentielle neue Mitschülerin sind es nicht. Da sitzt immer ein (mies bezahlter und zum Teil auch völlig unqualifizierter) Mensch neben, der hervorsticht, egal wie angepasst an die nicht betroffenen Kinder das Kind sonst ist.

Für so ein Kind, angepasst und so inkludiert wie es geht, aber eben mit Assistent in der Schule kann das Gesetz, das zwar etwas mit Inklusion heißt bedeuten: Abmarsch zur Förderschule!

Scheißdrauf ob du da gar nicht hinwillst.
Scheißdrauf ob du dafür von deiner Familie getrennt wirst, weil es vor Ort keine gibt.
Scheißdrauf ob du da unterfordert bist.
Scheißdrauf ob du nicht gehandicapte Freunde hast, die du dadurch verlierst. (Wie war doch dieses I-Wort gleich und was bedeutet es?)
Scheißdrauf ob die Pädagogen da nicht qualifiziert sind.

Es ist bekannt, dass zumindest bei dem hier regional zuständigen Träger jeder angestellte „Pädagoge“ – in Anführungsstrichen weil auch Fälle bekannt sind, in denen Leute „unterrichten“, die mitnichten ein pädagogisches Studium irgendeiner Fachrichtung absolviert haben sondern etwas Fachfremdes abbrachen und dann als „Lehrkräfte“ quer einstiegen -, jedes Fach in jeder Förderschulform unterrichten muss/soll/darf. Und das seit Jahrzehnten.

Ich stelle mir vor wie unser wissbegieriges, schlaues, pfiffiges Atelier-Kind, das in gewissen Fächern zu den besten seiner Klasse zählt und sogar in Deutsch gleichauf ist – da das für Menschen, die von Kindheit an gehörlos sind eine Fremdsprache ist, können beim Erwerb von Lesekompetenz und schriftlichem Ausdruck Unsicherheiten oder Schwierigkeiten auftreten – vor einem „Gehörlosenpädagogen“ sitzt, der keine einzige Gebärde kann, seine Schüler womöglich noch „taubstumm“ nennt und keinen Schimmer von der Lebenswelt und Kultur dieser Kinder hat, die sich zu Tode langweilen und irgendwann eingehen, weil sie aber auch wirklich jeden Antrieb verloren haben.

Ich weiß von Menschen mit körperlichen Handicaps wie so was läuft und ich weiß von Leuten, die ohne Handicap geboren wurden, in ihrer Kindheit oder Jugendzeit durch Gründe wie Krankheit oder Unfall ein Handicap bekamen, auf „Förderschulen“ landeten und dort innerhalb von kürzester Zeit von normal intelligenten und altersgemäß entwickelten Mädchen und Jungen zu Musterkrüppeln mutierten.

Die äußerliche Erscheinungsform meiner ICP machte, dass ich in Rehamaßnahmen oder der Umschulung oft von Menschen angesprochen wurde, die in der Jugendzeit oder während sie auf das Abitur zusteuerten Schlaganfälle bekamen. Wenn diese Leute nicht nur nach Alltagstipps fragten (wie bindet man sich mit einer Hand möglichst rasch die Schuhe, wie öffnet man im Stehen – wenn man sie nicht zwischen die Knie klemmen kann – eine widerspenstige Flasche und solcherlei), dann erzählten sie fast immer das Gleiche: Runter von Realschule oder Gymnasium auf Sonderschule und da verrecken, weil es nichts zu lernen gibt und man absichtlich dumm gehalten wird, weil sich keiner für seine Schüler interessiert, die können eh nichts und landen alle in der Werkstatt. Perspektiven: Entweder Werkstatt oder Berufsbildungswerk (BBW), was von einigen als dasselbe empfunden wird. Wer es noch schaffte ein (Fach)abi einzusammeln Berufsförderungswerk (BFW), da sind die Perspektiven schon besser und viele Universitäten würden bevor sie einen Studenten mit Handicap aufnahmen erstmal erwarten, dass der eine abgeschlossene Berufsausbildung vorlege, um seine Reife zu beweisen. [Ich weiß nicht ob das immer noch so ist, in meiner Umschulungszeit gab es etliche Betroffene, die ihre jeweilige Ausbildung nur machten um damit an irgendeiner Uni zugelassen zu werden.]

Seit 2012/2013 gibt es zumindest in meinem Bundesland ein Gesetz das vorschreibt, dass Menschen mit Behinderung nur noch für sie speziell entwickelte Maßnahmen genehmigt werden dürfen. Ich habe deshalb eine SAP-Schulung nicht bekommen. Der Träger wollte mich nehmen, durfte aber nicht, weil er keine Assistenz stellen konnte. Mit einer Hand schaffen Sie nun mal nicht die Schnelligkeit des Zehn-Finger-Systems.

Das wird von alleine nicht besser werden. Vielleicht bekommt die Generation vom Atelier-Kind überhaupt keine Chancen mehr für einen Beruf, wenn man jetzt nicht aufmuckt.

Ich will das jetzt nicht weiterdenken.

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2 Gedanken zu “Fragmentarisches zwischendrin

  1. Förderschule, Förderklasse, Förderkurse … was habe ich mich über diese Begriffe schon geärgert, weil sie so hinterhältig sind. Mittlerweile assoziert jeder, der etwas Erfahrung mit den deutschen Schulsystemen hat, automatisch das Negativ dessen, was sie eigentlich, wörtlich genommen, bedeuten sollten. Ich mag Deinen Text übrigens sehr.

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  2. Die Begriffe sind mindestens falsch bis pervertiert. Im deutschen öffentlichen System müsste mit „Förderschule“ eigentlich das Gymnasium bezeichnet werden, weil dort die gefördert werden, die es sich leisten können (du findest dort im Regelfall keine Kinder von Arbeitern, Mini-Jobbern und Erwerbslosen.) Mit „Sonderschule“ müsste man eigentlich grundsätzlich Privatschulen, die nicht nach dem deutschen öffentlichen System arbeiten bezeichnet, weil sie ihr Klientel natürlich aussondern (für das Klientel im positiven Maße).

    Text ist so gut wie nur runtergeschrieben. Wie gesagt, kenne etliche Betroffene, ich weiß wie die Atelier-Kind-Eltern gekämpft haben, damit ihr Sohn eben nicht auf „Förderschule Schwerpunkt Hören und Kommunikation“ (wörtlich genommen würde das doch bedeuten, da sind Hörende auf der Schule, die zuhören und klar zu kommunizieren lernen…) landet, der Fall von dem Mädchen – ich berichtete hier – ist akut (die war auf einer städtischen Grundschule, es hat geklappt, warum soll es hier nicht klappen?), ist halt was aus meinem Alltag.

    Es ist übrigens ein offenes Geheimnis, dass ich als Bibliothekarin zu dem einstelligen Prozentsatz derjenigen gehörte, die eine Ausbildung im dualen System abbekamen, desweiteren, dass mich in all den Jahren als Schulbibliothekarin trotz 1A-Referenzen NIE eine staatliche Schule als Schulbibliothekarin akzeptierte aus Gründen. Auf den Internationalen Schulen auf denen ich teilweise die alleinige Herrin über 3.000-5.000er Bestände war, waren es auch lediglich deutsche Eltern, die etwas daran auszusetzen hatte, dass so eine den Laden schmiss. Egal woher die Schüler sonst kamen, welche Religion, Ethnie, Wertvorstellungen etc. keine Eltern haben sich beschwert. Nur die Deutschen haben gemault…

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