Fragmentarische Fragwürdigkeiten

hätte Arbeitsjournal sein können

Meine „Susanne“ hängt. Nein, nein, nicht so, der Text hängt fest und ich komme gerade nicht raus. Mit dem anderen Hängen darf man bei mir keine Witze reißen, da bin ich allergisch. Vom Mikesch-Vater habe ich Ihnen mal erzählt und es gab auch noch andere, mit denen ich mehr zu tun hatte, in meinem Leben, die diese Methode wählten um ihres zu beenden. Ich halte die Entscheidung darüber für ein ureigenes Recht, vielleicht das einzige, dass wir wirklich selber haben und das bedeutet auch, ich ver- oder beurteile diese Menschen nicht, aber darum geht es hier gar nicht.

Es geht darum, dass „Susanne“ hängt. Ich mache diesen Exkurs zum anderen Hängen nur, damit niemand auf die Idee morbider Wortspiele wegen des Vorartikels kommt. Leute kommen auf alles Mögliche, egal ob ich immer „hängen“ in so einer Situation sage oder nicht.

Leute kommen auf alles Mögliche, nur ich gerade nicht. Das will mir sagen ich brauche ein paar Tage Abstand. [Und nicht etwa den nächsten Mikesch-Ausraster, ihr „Aufräumen“ – ja, ich fieses Schwein, ich bin Schreibende, was soll ich machen? – konnte ich so schön nutzen um die Ursprungssituation zu verbessern.] Abstand vom Text. Wahrscheinlich. Bisher ist es eher eine Collage aus Fetzen, die mir selber begegnet sind und fiktionalisiert wurden – ein Schild, an dem ich über ein Jahr auf dem Weg zur Arbeit vorbeifuhr als ich noch in Heidelberg lebte und das so oder ähnlich überall in ländlicher Gegend stehen könnte wird zwar nicht explizit erwähnt, spielt aber eine nicht zu unterschätzende Rolle für zwei wichtige Figuren -, und ich komme mit der Methode klar. Sie wissen ja, ich denke nicht in Sätzen. Aber jetzt habe ich gerade keine Bilder mehr zum Collagieren. Und ich habe keine Ahnung wie diese „Menschen“ sich jetzt verhalten müssten. Im Alltag. Ich kenne die innere Landschaft, das kann ich auch darstellen, aber ich weiß nicht was die sonst so machen. Ich hatte in dem Alter keine Zeit irgendwas zu machen außer in der öffentlichen Oberstufe klarzukommen. Der Mit-Künstler, der von einer öffentlichen Mittelstufe in die öffentliche Oberstufe gerutscht war, ohne dass er die Schule dafür wechseln musste erzählt, er habe sich vor allem darauf konzentriert, seiner Erinnerung nach, einer bestimmten Mitschülerin näher zu kommen und als ich, obwohl es von der Generation her nicht passt, mal beim Handschuhschenker anfragte bekam ich zur Antwort, er hätte sich damals primär darüber den Kopf zerbrochen wie man die Klappe mal zum was anderes als Reinkippen aufbekommt, wo man das üben könnte und ob das vonstattengehen könnte, ohne dass man sich bis auf die Knochen blamiert oder man sich vorher abschießt. [Das Wort „abschießen“ in dem Kontext hat es als stehende Phrase –Milieusprache – bis in den Text geschafft. Ich werde mich beizeiten mit ihm streiten müssen ob ich ihm quasi-öffentlich dafür danken dürfen werde.]

Daraus ließe sich schließen, der Alltag liegt in dem Alter lahm. Aber irgendwas anderes muss man machen. Ich weiß, dass ich dann und wann mit einem Klassenkameraden am Tiefkühl-Pizzen-Futter-Marathon teilgenommen habe. Wir konnten den Kantinenfraß nicht ab und bei einer Stunde Mittagspause reichte es, selbst wenn man nur über die Straße in die Wohnung musste, nicht für mehr. Philipp weiß noch irgendwas von Markenklamotten und Tattoo-Wünschen, die nie realisiert wurden, und Häuserdächern und Mauern über die man ging. Wir waren seltsame Menschen, die sich damals nicht kannten, und ich kann auch nur seltsame Menschen erfinden. Susanne und ihr Sohn sind seltsame Menschen, die eigentliche Protagonistin ist ein seltsamer Mensch, der beste Freund vom Sohn ist ein seltsamer Mensch, weil er obwohl selbst keiner dem Sohn noch beisteht, obwohl er weiß warum Susanne ein seltsamer Mensch ist.

Man muss aber auch mal was machen, das andere Leute normal finden. Gemacht haben. Um die Jahrtausendwende spielte das Leben viele junger Menschen noch nicht zu einem Großteil im Internet. Im Gegenteil es gab damals viele zwischen 18 und 20, die noch nie vor einem Computer gesessen hatten und man konnte sich auch die Einstellung Wer nicht studieren will, braucht auch kein Abitur noch erlauben. Es hatte auch nicht jeder ein Handy. Mein Telefon damals, das letzte, das ich hatte, damals konnte ich telefonieren und wurde noch verstanden, hatte noch Schnur am Hörer. Danach hatte ich kein Festnetz mehr. Viel Alltägliches, aus dem sich aber alles nichts ergibt (in Nebensätzen kann so ein Kleinkram großartige Wirkung haben, keine Frage). Es muss etwas passieren, im Kontext des Textes und seiner Handlung.

Aber sie hängt.

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2 Gedanken zu “Fragmentarische Fragwürdigkeiten

  1. der Alltag liegt in dem Alter lahm.
    Gut gesagt.
    Erst wenn es gelingt, „ordentliche Verhältnisse“ zu schaffen – am besten verheiratet, Kind, Beruf mit Ausbaumöglichkeiten – stellt sich „Normalität der Abläufe“ („Alltag“) ein. Man hat sich eingeschachtelt und verhält sich vorausberechenbar mit kleinen und größeren Unberechenbarkeiten, die man möglichst zukleistert.
    Was man darüber schreiben könnte, ist ziemlich fad. Grüße.

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    1. Ich glaube, der Alltag ist in dem Alter vielleicht was anderes, zu dem ich emotional und von den Interessen her keinen Zugang hatte, aber ich kenne es halt nicht. Es soll ja viele Leute in Oberstufen geben wo dann Parties, Shopping etc. der Alltag sind, aber ich habe es so nicht erlebt und es erzählt mir auch keiner in meinem Alter, den ich kenne so, man liest es nur immer wieder und die, die jetzt jung sind, so um die 20, gestalten ihren Alttag wohl auch so (plus Uni oder Ausbildung), das liest man oft, hilft mir aber nicht weiter. So bleibt wie du so schön sagst, das was man darüber schreiben könnte ziemlich fad.

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