Die geschlossene Tür

Patrick: Ich hatte den einzigen Sweety der ganzen Schule.
[Irgendein Neuling]: Als Junge mit Rehen und Fliegenpilzen ist mutig.
Patrick: Den doch nicht! Sag mal, Frankie, was lässt du hier für Leute rein?

Frankie hat mehr oder weniger da weiter gemacht wo vor einigen Jahren jemand anderes und ich aufgehört haben als wir unseren themenbezogenen Blog schlossen, weil wir nicht mehr konnten. Frankie nahm unserem Faden auf und machte woanders weiter, erst offen, dann als immer mehr Leute wie der obige Neuling kamen oder Leute die überteuert angeblich vorhandene Waren an den Mensch bringen wollten, geschlossen mit Registrierung.

Ein virtuelles Zimmerchen für Menschen mit merkwürdiger Sammlung und/oder Interesse am Thema. Nicht wegen retro und cool und alternativ und hipster, sondern weil man dabei gewesen ist.

Weil so ein Ranzen damals vier Jahre oder länger getragen wurde.
Weil welchen man hatte die Identität maßgeblich mitbestimmen konnte.
Weil es die Kämpfe gab. Scout gegen Amigo und Coole gegen Loser, die man damals vielleicht noch anders nannte.
Weil es Kinder gab, die ihren Wunschranzen nicht bekommen haben und dadurch nachhaltig litten.
Weil so ein Ranzen etwas über die Person, die ihn trug aussagen konnte.

Das ist in dem Maße wohl Menschen meiner Generation eigen, denen aus dem Geburtenjahrzeitfenster 1974 bis 1985. Bevor die bunten kamen, damit gab es diese Identifikation nicht mehr.

An Frankies virtuellem Tisch war dafür Platz. Auch für hässliche Einschulungsklamotten und mickrig gefüllte Schultüten. Auch überschwängliche Dankesbriefe aus der DDR oder das Inventar von Lederwarenläden wurden besprochen. Ebenso die Rennerei durch ganze Städte um Zubehörteile zu bestimmten Ranzen, die als Auslaufmodell gehandelt wurden oder schon nicht mehr zu finden waren. 1989 eine Federmappe zum Scout-Sondermodell „Jeans“ zu finden muss ein ziemlich nervenaufreibendes Unterfangen gewesen sein. Hat uns Daniel erzählt.

Ich habe immer viel mehr aus diesen Diskussionen ziehen können als andere ahnten. Es wusste niemand, dass ich wie auch immer geartet schrieb oder wieder schreibe. Und falls es jemand gewusst hat, dann nicht von mir. Darum ging es da nicht.

Wenn ich einen Charakter in einem Text habe, der ungefähr mein Geburtsjahr oder meine Generation hat, dann charakterisiere ich diese Figur automatisch so wie wir früher andere Kinder charakterisierten: nach ihrem Ranzen. Das macht es viel leichter, weil es so viel aussagt. Diese Kämpfe damals waren ja kein Spaß, da ging es um Status und soziale Position. Bei uns und bei vielen anderen, die ich kenne wurden die Amigo-Träger in die Öko- und/oder Etepete-Schublade gesteckt. Automatisch.

[Der Mit-Künstler ist ein wandelndes Klischee. Als ich seinen Namen einmal in einer Diskussion erwähnte und um Verwechslungen vorzubeugen sagte, er sei der mit dem blauen Amigo wurde mir – dem Gedächtnis nach – etwas entgegnet wie „ALLE Philipps hatten blaue Amigos, das war so typisch.“ Die Eltern der dann aufgezählten Philipps hatten allesamt Berufe aus den Sparten der Mit-Künstler-Eltern.]

Sowas kann man nutzen (wenn man dabei war, ich glaube Rekonstruktion für jemanden, der die Zeit nicht in dem Alter erlebt hat ist schwer bis unmöglich). Der Sohn meiner „Susanne“ ist zur Spielzeit Anfang 20 und ging in den 80er Jahren zur Schule. Er hatte einen Ranzen wie Patrick aus dem Dialog oben. Ein hübsches, geschlechtsneutral hellblaues Modell, erhältlich von 1985 bis ungefähr 1989, nicht selten – sonst wäre er nicht so lange im Verkauf gewesen, andere Modelle hielten sich kürzer – aber auch nicht so oft um unter dem blauen Scout-Renner „Marine“ (1975-1989/90) nicht aufzufallen. Das charakterisiert dieses Kind. Er ist nicht sehr besonders, aber eben nicht wie alle, er verschwindet nicht in der Masse. Diese Charakterisierung ist wichtig dafür wie ein anderer Charakter ihn wahrnimmt. Dieser Charakter, in den achtziger Jahren ein Mädchen, trug einen der anderen Scout-Renner, den pinkfarben „Lollipop“ und tat das um, wenn sie schon als gehandicaptes Mädchen stigmatisiert und gehänselt wurde, wenigstens damit ein bisschen wie alle zu sein, sich damit normal zu fühlen, weil sie das gleiche mochte wie alle anderen auch.

[Es ist eine Schande, dass dieses Modell von der Firma so gut wie totgeschwiegen wird und ich bin sicher ein Großteil der Leute, die dort heute arbeiten wissen nicht mal, dass es sich nicht um das gleichnamige bunte Modell aus den neunziger Jahren handelt, denn gerade dieser Ranzen bescherte der Firma ungeheure Marktanteile. An meiner Schule mit geringer Schülerzahl gab es mindestens zehn insgesamt, an Frankies Tisch meldeten immer wieder Leute, bei einer Klassengröße von zwanzig Kindern hätte es in der Jahrgangsstufe bis zu dreißig oder vierzig gegeben.]

Ähnlich habe ich das früher schon genutzt. Immer. In „Von den Fremdkörpern“ kommen die Scout-Modelle „Alpine“ und „Airborn“, rot und gelb, vor um das Alter der Frauen aus dem Laden und den Generationenunterschied zur Protagonistin aufzuzeigen. Nicht zuletzt auch, dass das damals mitunter einen großen finanziellen Einsatz bedeutete alles passende Zubehör zum Ranzen zu erwerben, das sagt auch etwas über die Eltern aus. Die Mitte der achtziger Jahre Geborenen können sich in dem Maße schon nicht mehr vorstellen wie stolz einen das machen konnte alles passend zu haben, für diese Generation war das schon ziemlich normal alles dazuzubekommen.

Manchmal war auch das erste, das ich instinktiv über eine Figur wusste welcher Ranzen in der Kindheit getragen wurde. Der Rest ergab sich, sogar der Name. Der passte dann eben zum Charakter den der Ranzen „vorgab“

Jetzt ist Schluss. Eine Inspirationsquelle und ein schier unendlicher Fundus von Anekdoten, lustig, fröhlich, stolz, traurig, wütend, weg.

Ich verstehe es, es wird fehlen. Nicht nur mir.

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6 Gedanken zu “Die geschlossene Tür

    1. Ich weiß ja nicht welche Generation du oder deine Kinder bist/sind. Das muss wirklich was sehr eigenes der Leute sein, die die einfarbigen Scout- oder Amigo-Ranzen getragen haben, also bis etwa 1990/91 in der Grundschule waren (und bezog sich auch in dem Maße nur auf die zwei Marken). Mein Bruder wurde 1993 eingeschult und da gab es dieses Phänomen schon lange nicht mehr und die ein paar Jahrgänge vor uns kannten es eigentlich auch nicht. Das brach etwa Mitte der 80er los. Ich war als 1987er Einschulungsjahrgang praktisch mittendrin.

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        1. Es heißt, hat sich sogar die „Zeit“ (?) mal drüber ausgelassen, wir wären die erste Generation mit Marken-Konflikt gewesen, deshalb auch diese Kriege.

          Funktionalität konnte ewin Grund sein, den gewünschten Ranzen nicht zu bekommen, Scout worb damals mit der Verarbeitung von Weltraumfahrt-Materialien (ich habe noch alte Werbematerialien) und praktischer Unkaputtbarkeit, was vielleicht bei Eltern gut punktete. Ich hätte zum Beispiel nie einen Amigo bekommen. Widerrum kenne ich Amigo-Träger, die keinen Scout oder was anderes bekommen hätten, weil Amigo damals der vom Gewicht her leichteste Ranzen war. Das war insbesondere in dem Jahr in dem der „Lollipop“ von Scout rauskam – den wollten plötzlich alle – schonmal Grund für Familienkrisen. Amigo gab es nicht in derselben Farbe.

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