Die andere Andere

oder Iris will auch in die Schule gehen

Ich habe beim Atelier-Kind von der Schule holen mit einem Vater gesprochen, der möchte, dass seine Tochter bald in die Atelier-Kind-Klasse geht. Die Familie ist neuzugezogen aus einem anderen Bundesland. Nicht nur in der Schule wird man versetzt. Ob die Tochter in die Atelier-Kind-Klasse gehen wird ist noch nicht sicher, noch nicht mal ob sie auf die Schule kommt, die Theateraufführungs-Benörgel-Fraktion von Dezember, zu Teilen irgendwas mit Elternrat oder –beirat, findet das nämlich keine gute Aussicht. Dann sind ja zwei „behinderte“ Kinder in der Klasse… Das kann man ihren Kindern doch nicht zumuten…

Das Atelier-Kind ist nicht behindert, es ist gehörlos und hat wegen der Kommunikation Assistenzbedarf in Form von Dolmetschern. Punkt. Ansonsten ein gewöhnlicher Grundschüler.

Das Mädchen, das kommen soll ist auch nicht behindert. Sie reagiert nur anders. Und weil sie anders reagiert, soll auch eine Assistentin dabei sein. Zumindest bis die Eingewöhnung auf beiden Seiten geklappt hat. Punkt. Ansonsten eine wahrscheinlich sehr passive, aber möglicherweise doch gewöhnliche Grundschülerin.

Das was an dem Mädchen anders ist, ist wie beim Atelier-Kind nicht sofort bemerkbar. Das Mädchen hat Autismus. Sie ist nicht dumm, sie ist nicht zurückgeblieben, sie ist nicht gefühlskalt, sie ist nicht sonst irgendwas außer schnell überreizt, weil das Hirn zu viele Eindrücke auf einmal nicht verarbeiten kann. Deshalb reagiert sie anders. Und das muss man ihr auch nicht abgewöhnen. Man muss sie nicht an die vermeintliche Normalität gleichaltriger Mädchen anpassen.

Und das passt dem Beirat nicht. Das ist ja sooo schlimm, die Arme…

Sie ist nicht arm.

Sie mag nur keine lauten Umgebungen oder Leute, die permanent schwatzen.

Sie mag keine Fotos und erstrecht keine Selfies.

Sie lächelt nicht wenn sie sich freut.

… das muss man doch heilen, da gibt es doch bestimmt eine Therapie. Sind die Eltern wirklich verantwortungsvoll, wenn sie die nicht machen?

[Wenn es Sie interessiert fragen Sie Ihre bevorzugte Suchmaschine nach der „ABA Therapie“ für Autismus und lesen Sie bitte auch ein paar Texte von Menschen mit Autismus, die das durchgemacht haben, dann werden Sie sehen, diese ach so tolle Therapie ist alles außer verantwortungsvoll. Eine Bekannte hat ein Kleinkind, bei dem Autismus diagnostiziert wurde, die wird jetzt insbesondere von medizinischer Seite zugemüllt wie wirkungsvoll ABA doch sei, (nicht nur) deshalb habe ich mich vor einiger Zeit schon eingelesen. Wir sprechen hier von Menschen, die abgerichtet und gebrochen werden sollen und nicht etwa Nutztieren.]

Das Mädchen ist also gar nicht so anders als die anderen Kinder in der Klasse und Schule. Es stört nur, dass dieses Mädchen echt ist, authentisch, sich nicht biegen lässt. Allein das macht schon Probleme. So eine soll doch bitte auf eine Sonderschule.

Das Mädchen kommt von einer Grundschule. Da war sie still, hat auf Ansprache nicht reagiert und sich ab und zu damit beschäftigt Kästchen auszumalen um sich in Stresssituationen zu beruhigen – wer hat noch nie Kästchen ausgemalt? -, aber sie kam gut mit. In der Pause hat sie sich getrennt von anderen ausruhen dürfen. Mehr brauchte sie nicht. Sie hat keinen gestört.

Aber die hier wollen sie nicht haben. Ohne sie überhaupt zu kennen. Es gab keine Probe und nichts.

Wie ich einmal ein Fädchen zu einem Knäul wickeln konnte

Heute vor einem Jahr – ich dachte immer es wäre morgen gewesen – erzählte ich einer damals noch nicht existenten Leserschaft wie ich einmal mit Mikesch im Museum war und den Auslöser dafür wie sie hier zu ihrem Namen kam.

Ich glaube nicht, dass ich damals annähernd wusste wohin mich und dieses Ding das einmal bringen würde.

Vielen Dank Ihnen allen!

 

Morgengedanken

Es ist merkwürdig wenn Sie in einem Buch eine Stelle nachschlagen möchten, das Buch aus dem Schrank nehmen und beim Öffnen finden Sie Ihre Hand genau an der richtigen Stelle.

Heute früh beim ersten Kaffee fiel mir plötzlich die Stelle bei Herta Müller ein, an der Irene aus „Reisende auf einem Bein“ ihren Koffer packt und immer mehr Blusen dazulegt. Sommerblusen. Dann kommt Ceaucescu und sagt, dass es „dort“ kälter sei. „Dort“ ist Deutschland, Irene packt für die Ausreise. Ich habe, es sei denn es ist mir entfallen, dieses Jahr noch nicht in „Reisende…“ gelesen. Ich mag dieses Buch sehr und Müller lese ich immer wieder, aber seit ich wieder Sätze formulieren kann lese ich generell sehr wenig. Jedenfalls fiel mir auf wie gut dieses Sinnbild ist (wie einige andere auch, das mit der Milch und dem Baukran an späterer Stelle zum Beispiel), und dass ich solche prägnanten, dem Kundigen sofort ins Auge springenden nicht habe.

[Das Wort „Kundiger“ ist hier schwierig, ich weiß kein Besseres, man muss Irene natürlich in den Kopf kommen um das zu sehen, kann man das nicht – konnte ich beim ersten Lesen auch nicht -, dann springt es einem natürlich nicht sofort ins Auge. Dasselbe gilt wohl wenn man Müller nicht „visuell“ liest, ich glaube, man braucht Bilder im Kopf um in ihre Sachen reinzukommen.]

Dass ich sie nicht habe ist ein Glück. Früher als ich noch bewusst und willentlich Prosa machte wollte ich welche. Szenenweise hatte ich sie sicher auch. Ich vermute sogar, dass meine „Susanne“ mit ihrem zerhackten Strom – ich höre genau dann auf, wenn mir eine Passage nicht mehr automatisch kommt, der Mit-Künstler nennt es mein Elektro-Projekt und mein eigene Assoziation damit war Elektrisch blau, weil es in einer (nicht stahl)blauen Kladde entsteht – das ein oder andere hat. Aber ich „mache“ sie nicht mehr, sie sind.

Und mir fiel ein welches Glück das ist und wie es vielleicht kommt weil die „Susanne“ weniger literarisch denn eine Collage ist, mich also nicht in die alten Muster sperrt.

 


 

[Hätte ich vielleicht mit dem ausschlaggebenden Artikel zusammen ins andere WordPress – auf dem ich wieder alles herunterwarf – packen sollen, dann hätte ich zumindest einen Ton… Könnte ich tun…]

Zeichen und Fragen

Und wieder komme ich nicht umhin mich zu fragen was eigentlich ein Arbeitsjournal ist. Dass ich hier einen Artikel hatte, von dem ich nachdem ich ihn wie alle anderen Beiträge herunter geschrieben hatte merkte so könnte es gehen gab mir die Idee, ich könnte es wie ein Blog versuchen, auf dem anderen WordPress, das noch unter Verschluss steht. Es könnte funktionieren, weil das, was ich in dem Artikel schrieb sich als hilfreiche Reflexion erwiesen hat. Weniger statisch als jede Notiz im Papieräquivalent.

Wenn ich zurückdenke welche Probleme ich mit dem ersten Artikel in den Fädenrissen hatte, meiner Erinnerung nach gab es vier oder fünf Versionen bevor er öffentlich wurde, ist das ganze Ding hier ein riesiger Schritt nach vorn. Warum sollte dann ein Arbeitsjournal nicht funktionieren? Ich muss es ja nicht aussetzen, nur für mich, das andere WordPress steht ohnehin wieder frei, da kann ich mir was Nettes machen. Und wenn ich doch wollte, könnte ich andere mitgehen lassen

Es dümpelt und strauchelt und ich muss mich erinnern, dass das auch bei den Fädenrissen der Fall war. Auch bei dem, was jemand anderer und ich früher gemacht haben. Der ein oder andere sonst wird das ebenfalls kennen. Große Lust, vielleicht auch viel zu sagen und vage Ideen, aber die Umsetzung ist Ilsebill (will nicht so wie ich wohl will)…

Das könnte natürlich auch ein gutes Zeichen sein. Ein Arbeitsjournal auf Blogsoftware entwickelt sich wie normales Blog…

Das war’s

Tage, in denen wir vergessen haben was das Wort Hass eigentlich bedeutet und dass es einer, der es meinen könnte nicht sagen würde und einer, der es sagt meistens nicht weiß was das ist. Ein machtvolles Wort, seiner Bedeutung beraubt und hingespuckt, leichtfertig und ignorant und deshalb bei Dingen sinnlos und bei Menschen grenzwertig.

Wir wissen das und sagen es trotzdem. Es sind nicht einfach Die Scheiß-Farben, es ist nicht nur Dein Chef geht mir am Arsch vorbei! (ich über seinen Chef wegen einer Zusatztour, die uns Zeit wegnimmt, er muss fahren, ich weiß es ja), Hau der Fotze aufs Maul und gut ist! (er über Mikesch wegen dem Üblichen) und es geht bis Ich hasse…. „…dich.“ können wir uns gerade noch verkneifen in dieser Anspannung einer Zeit wo der Tag nur drei Stunden hat, weil wir nicht länger haben.

Da ist auch noch der Paketdienst und die Philipp-Mama. Da ist auch noch Mikesch, das Atelier-Kind und die Monteure, die schon wieder kommen müssen, weil schon wieder etwas kaputt ist und die alles einsauen. Da ist das knappe Geld wegen ungeplanter Ausgaben. Da ist meine „Susanne“ für die mir, jetzt wo ich nicht kann, das ein oder andere kommt. Gerade weil ich nicht kann, das ist immer so. Da ist dieser maternde Kopfschmerz.

Einiges er, einiges ich.

Und mittendrin fällt mir ein der Radiosender, damals als ich nach Schwerin ziehen wollte/sollte – sowohl als auch -, den mir A. empfohlen hat. Etwas Lokales aus Halle/Saale, das aber wohl auch da zu empfangen gewesen wäre. (Sie aus Halle/Saale hatte mit dem Empfang natürlich keine Probleme.) Weil ich dem Empfang nie testen konnte – aus Gründen – zeigte sie mir damals die Homepage vom Programm „Radio Schwarzbrot“. Wir lachten weil einer der Moderatoren die damals noch übliche Kommunikationsform der Kontaktanzeige in der sogenannten schwarzen Szene durch den Kakao zog. Die Kontaktanzeigen waren auch ohne dessen Kommentare und nur für sich in den entsprechenden Magazinen gelesen oft großes Kino. [Ich kenne die Wendung „großes Kino“ übrigens nur daher, dank einem anderen A., der „Schwarzbrot“ auch kannte und auch lachte.] In irgendeinem dieser Kommentare zu den Anzeigen benutzte der Moderator die Wortschöpfung „anhassen“ und das ist was mir mittendrin einfällt.

Man hasst Dinge heutzutage nicht, man hasst sie eher an (würde ich vermuten), aber wie geht das? Ziemlich leichtfertig wohl und es muss einen ziemlichen Sog, eine ziemliche Verlockung haben, wenn schon Philipp und ich zum „Ich hasse…“ kommen und uns „…dich.“ Gerade noch verkneifen können, obwohl wir einfach nur gestresst, müde, hungrig, verschmerzt und vom Perfektionismus zerfressen sind.

Stadtpoem

Und dann wollte das Kind noch wissen wie das mit den Schlössern gehen sollte. Wenn ein Gefühl gut war, warum musste man es dann mit einem Stück Metall festketten, damit es sich fügte?

Die Großen sagten, die Schlösser waren ein Ausdruck des Gefühls, aber das Kind verstand nicht. Wenn das Gefühl erst gezeigt wird wenn es auf einem Stück Metall steht und das Metall an ein Geländer gekettet wird, wie echt konnte das Gefühl dann sein? Konnte man das nicht auch sagen oder irgendwas machen woran die Leute merkten, dass man so fühlte?

Wie viel Wert hatte es dann noch wenn eine Mutter ihre Kinder küsste?

Das Kind war ratlos.

Schreckmoment

Auf der Straße steht ein weißer unbeschrifteter Reisebus mit offener Tür. Leer und nah genug am Lager, dass ich Angst habe, er bedeutet irgendjemandem könnte es wie Mariam und Hamid gehen. Ein Massentransport am helllichten Tag bei Sonnenschein. Ich kenne niemanden aus dem Lager, alle mir bekannten neuen Mitbürger in der Situation, die mir bekannt oder sogar näher bekannt und vertraut sind (Salma, Laith…) sind woanders untergebracht. Das macht den Gedanken mit meiner hoffentlich falschen Interpretation des Busses nicht viel leichter. Dann fällt mir ein: Zenith! Die „wohnt“ da! Was ist wenn… Wenn, dann ist sie die Dritte, die ich persönlich kannte und verglichen mit Mariam und Hamid „gut“.

Ich reiße mich weiter und denke, ich muss dringend jemanden ausfindig machen, der eine Handynummer von ihr hat.

 


 

[Notiert per Hand am Donnerstag und zum Glück war der Grund für den Bus eine Projektion meinerseits. Keiner weiß was er sollte, aber das nicht. Zenith ist da, es wurde auch sonst niemand geholt.]