Ein Tausendfüßler voller Schuhe

Über ein Gespräch unter Feuerwehrleuten

Manchmal ist das so.

Es gibt diese Leute, die, oft sogar mit den besten Absichten, glauben man müsste an dem was ist verzweifeln. Es gibt jene Leute, die glauben man müsste mit dem was man sonst noch in Zusammenhang damit tut etwas verarbeiten. Und es gibt Leute, die nicht verstehen, dass es ein Beruf ist und man ihn mit viel Übung und Abstand als genau das und nichts anders sieht.

Das ist zeitweise ärgerlich und stresst.

Pflegende Angehörige im Hauptberuf muss es auch geben. Gibt es, ein paar Tausende, vielleicht bis in die Hunderttausende hinein in diesem Land. Und ein kleiner prozentualer Anteil hat eben keine physisch pflegebedürftigen oder dementen oder aus Handicapgründen Pflegebedarf habende Angehörige sondern Psychos. Punkt. So einfach ist das.

Manche Leute haben Mikeschs unterschiedlicher Suchtformen oder Polytoxikomanen (Mehrfachsüchtige), manche Leute haben Menschen mit Psychosen oder Persönlichkeitsstörungen, manche haben auch welche mit schwerer Depression und es gibt sicher noch andere Arten, die ich jetzt nicht nennen konnte, weil ich sie entweder vergessen habe oder gar nicht kenne. Ich weiß auch nicht alles.

Was ich sagen will: Es gibt Leute, die Mikeschs haben, ob nun solche wie meine oder andere, und unter denen gibt es eine mehr oder weniger kleine Anzahl, die nicht daran verzweifeln. Warum auch? Das ist deren Normaliät. Die reden auch nicht um etwas zu verarbeiten. Sie reden weil es deren Leben ist und ein anderes haben sie nicht. Wer über sich reden will, hat Ai Weiwei treffend in seinem Blog gesagt, braucht eine Geschichte. Und diese Menschen haben, so wie ich oder die Dame, die Sie im übernächsten Abschnitt kennen lernen, einfach darüber nachgedacht, was unsere Geschichte eigentlich ist.

Mehr ist da häufig nicht für diese Leute. Es ist zwar nicht deren Wunschberuf und wahrscheinlich könnten sie sich etwas Besseres mit ihrer Zeit vorstellen, aber sie verzweifeln nicht dran. Sie verleugnen auch nicht mehr. Es ist ein Job, den kann man sich in diesem System – jede zumutbare Arbeit und was zumutbar ist bestimmt man nicht selbst -nicht immer aussuchen. Mies bezahlt zugegebenermaßen und mit Dauerbereitschaft und „fortbilden“ muss man sich nebenher, aber wenn man es schafft sich weitestgehend raus zu nehmen und den Dreh raus hat wie man seinen jeweiligen Angehörigen zu nehmen hat, dann ist es ein Job. Punkt.

K. – die nicht diejenige K. ist, die hier ab und zu mal in der Dokumentation als Schwägerin von Mikesch erwähnt wird – zum Beispiel hat auch eine Mikesch. Etwas anders als meine und weil ihre nicht stiehlt zunächst mal einfacher zu handhaben, aber sie hat eine Mikesch und sie ist auch nicht gefragt worden, sondern per Amtsbeschluss eingesetzt worden. So wie ich damals. K.s Mikesch frisst keine Tabletten. K.s Mikesch macht dafür etwas anderes und unter anderem eine Menge dummes Zeug. Riesenkleinkind, so wie meine.

K. ist wie ich die einzige, die fähig ist ihre Mikesch zu händeln. Das hat nichts mit erhöhter Sozialkompetenz zu tun sondern mit sich nicht an der Nase herumführen lassen und konsequent sein. Im Gegenteil: viele erwachsene Kinder von Suchtkranken gehen beruflich in den Sozialbereich weil sie dort ihre Stärken sehen, da sie das von zu Hause kennen und brechen irgendwann  zusammen, weil sie nicht mehr unterscheiden können was was ist.So eine/r hielte das was wir machen nicht durch. So eine/r würde wahrscheinlich auch nicht verpflichtet werden. So eine/r lässt sich nämlich meist, weil anderes unbekannt ist, auf der Nase herumtanzen und weiß nicht wie das beendet werden kann. Hilflose Helfer.

Momentan ist K. ziemlich sauer. Nicht auf ihre Mikesch, die macht nichts was sie nicht sonst auch tut, sondern auf die vermeintlich wohlmeinenden Leute, die glauben, weil sie eine harte Geschichte hat müsste sie daran verzweifeln. Ich kann das nachvollziehen, dass es sie ärgert. Es gibt auch Menschen, die zunächst meinen, ich mache die Fädenrisse gegen die Verzweiflung oder um irgendwas zu verarbeiten. Das ist Unsinn und ich bin immer noch der Meinung, das merkt man auch, kann aber vielleicht bei Menschen, die diese Normalität nicht haben so empfunden werden, weil diese Menschen daran verzweifeln würden. Das hat nichts mit mir zu tun.

Das sage ich auch K. und ich sage ihr wie die Fädenrisse entstanden sind. Wer hier länger liest weiß möglicherweise, dass der Mikesch-Anteil ursprünglich gar nicht so hoch geplant war. Es hat sich so ergeben, dass die Dokumentation dessen überwiegt. Und es ist okay. Ich habe das schon mal gesagt: Kunst ohne Mikesch geht nicht. Kein Mensch ist ohne Prägung. Außerdem und das war nie geplant, aber es freut mich, lesen hier sehr viele Menschen mit, die ebenfalls suchtkranke Eltern oder andere Angehörige haben, und viele von denen fühlen sich hier angenommen und sicher weil ich sage was ich sage. Als Kind im Sucht-Elternhaus lernen Sie Schnauze halten und wenn Sie dann erwachsen sind haben Sie das perfektioniert und möchten vielleicht reden und können nicht mehr, weil die Mechanismen Ihnen in Fleisch und Blut übergegangen sind.

In den Fädenrissen wird geredet. Ich zeichne nicht weich. Ich erzähle Ihnen hier aber auch nichts wirklich hartes. Dass Teile der Süchtigen-Kinder-Normalität für andere hart sind dafür können wir Süchtigen-Kinder nichts. Das hat auch nichts mit Verzweiflung zu tun. Im Gegenteil, das ist in gewissem Maße sogar anmaßend zu behaupten, weil der, der glaubt, wir müssten jetzt aber wirklich an unseren Mikeschs, Mit-Künstler-Müttern und wen es sonst noch alle gibt verzweifeln, der erkennt unsere Normalität nicht an. Diese Normalität müssen wir aber integrieren. Sonst können viele von uns nicht vor Nicht-Betroffenen über die, die wir sind reden und das Stigma bleibt aufrecht.

Abgesehen davon, dass in dem Moment, in dem die Karten offen auf dem Tisch liegen, völlig neutral, Sie damit auch dem Suchtkranken helfen, ohne dass Sie das beabsichtigen. Der Handschuhschenker berichtet, er sei bei Familienfeiern aufs Klo verschwunden, weil er sich einredete wenn er sich nicht wie Vater und Großvater vor allen anderen volllaufen ließe, könne er die Illusion erwecken bei ihm sei es weniger schlimm. Sein Neffe habe ihn einmal unwillentlich bloßgestellt als er gefragt wurde wo denn der Onkel hinsei und in Kinderunschuld wahrheitsgemäß sagte Der ist aufm Klo saufen. Ein Mechanismus mehr weg hinter dem sich der Trinker verstecken kann. Es hat trotzdem noch Jahre gedauert bis er trocken wurde. Das ist relativ normal. Die Krankheit ist tückisch.

Ich habe es hier immer wieder erlebt, dass sich Menschen in nicht freigeschalteten Kommentaren etc. als EKAs – Fachterminus für Erwachsene Kinder von Alkoholikern (andere Suchtformen waren noch nicht dabei) – zu erkennen gaben, aber und das ist nachvollziehbar und verdient Respekt, das nicht öffentlich thematisieren möchten. Und es treten hier in den Fädenrissen immer wieder zwei mutige Menschen auf, der Mit-Künstler, Psychotherapeutinnensohn – doch, das kommt auch bei solchen Berufen vor und doch, das muss man sagen! – und der Handschuhschenker, Sohn und Enkelsohn von Trinkern und selber trocken. Die Artikel, in denen sie vorkommen gibt es nicht ohne deren Zustimmung. Das bedeutet, wenn ich hier überhaupt irgendwas in der Art von dagegen schreiben oder um zu… schreiben mache, und ich sehe mich nicht bewusst in so einer Funktion, es liegt eher in der Natur dieser Sache hier, dann schreibe ich hier gegen das Stigma an. Nichts da Verzweiflung oder Verarbeitung.

K. versteht das, weil ich nur sage was meine Normalität ist. Wir bemitleiden, sie bringt das Beispiel, ja auch niemanden, der keine Mikesch hat. Andersrum wird nämlich ein Schuh draus. Wir könnten uns ja auch jedes Mal, dass uns jemand „mikeschloser“ begegnet denken Armes Schwein, hat noch nichts erlebt im Leben. Welch bemitleidenswerte Naivität. Ich weiß vom Mit-Künstler, dass er ab und zu so denkt und K. sagt, sie kann das nachvollziehen und sei gerade in der Phase, dass sie mit Leuten, die „nichts erlebt haben“ gerade gar nichts mehr zu tun haben will. So was kann passieren im Prozess sich an die Rolle zu gewöhnen, die Leute wie sie oder ich innehaben und die ja noch mal anders ist als beispielsweise beim Mit-Künstler.

Wir – K. und ich – wissen von einem anderen Menschen in unserer Situation, der als er lernte seine Situation zu akzeptieren sämtliche Social Media-Profile, die er bis dahin hatte löschte und weil er sich dem Druck mit „Unkundigen“ nicht aussetzen wollte. Erklären und Rechtfertigen müssen wir schon genug bei Behörden, da kann es sein, dass es Zeiten gibt, in denen wir Schutzräume und eventuell übermäßig erscheinendes Verständnis verlangen. Erschöpfung ist das, nicht Verzweiflung.

Noch jemand anders hat überhaupt keine Kontakte zu irgendwem mehr. Nicht aus Scham oder Verzweiflung, aus Überforderung. Überforderung nicht durch den stark fordernden Angehörigen sondern die Erwartungen der anderen. Entweder du lässt dich bemitleiden oder du lässt dir nichts anmerken, dazwischen darfst du nicht sein. Das kann fertig machen. Dann kann so ein Rückzug gut tun.

K. weiß das. Sie ist durch ihren Groll auf die Reaktionen, gegen den sie noch kein Mittel hat, erschöpft.

Es gibt einen Tausendfüßler voller Schuhe.

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11 Gedanken zu “Ein Tausendfüßler voller Schuhe

  1. eine für mich wichtige Richtigstellung, denn auch ich habe so manches Mal Verzweiflung aus deinen Zeilen rausgelesen, wo nur Zustandsbeschreibung und manchmal auch Erschöpfung gemeint war. LG Gerda

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    1. Auch so ein Gespräch – also Angehörige unter einander – gehört in die Doku, dass das auch etwas „richtig stellt“ oder erklärt ist zweitranging, wobei es natürlich sehr schön als Nebeneffekt ist, wenn es das tut. 🙂

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  2. Ja, genau so fühle ich mich, wenn ich bei dir die Mikesch-Geschichten lese: naiv. Nix erlebt. Dass du „bemitleidenswert“ davor setzt, verstehe ich auch, dass du manchmal erschöpft bist, sowieso.
    Ich versuche zu verstehen (ja, ich weiß warum) und nicht zu nerven, mehr bekomme ich nicht hin.
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Dieses bemitleidenswert (stammt von K., hätte aber auch so ziemlich jeder andere mir bekannte Feuerwehrmensch, inklusive mir selbst, dort einfügen können, gedacht haben wird das jeder von uns schon mal) ist eine Art Reflexreaktion. Denn in dem Moment, in dem bei einem dieser „Haben die nichts erlebt“-Gedanke einsetzt passiert eine Form von moralischer Überlegenheit, die einen in dem Moment schützt. So ein paar andere Mechanismen stehen ja auch da (dieses „Abschotten“ von Social Media zum Beispiel).

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    1. Ich kann deinen Gedankengang nachvollziehen, Gerda, wenn ich nicht drin steckte würde ich mich das auch fragen vermutlich. Das ist jedoch ein Aspekt, meine ich, wie dieses etwas, das nicht da ist herauslesen, das du in deinem ersten Kommentar hier zum Artikel erwähnst. Du kannst ja als Leser, wie alle anderen wenn sie irgendwo irgend was lesen, im ersten Moment nur nach deinem Erfahrungsschatz reagieren, denken und eventuell beurteilen. Das ist richtig und gut. Um in diesen „nichts erlebt“-Gedanken zu kommen, darein wie er entstant und warum er da ist, musst du um den zu verstehen die Perspektive wechseln, in jemanden (ob mich, K. oder wer immer noch betroffen ist, ist egal) hinein, der in der Situation ist. In dem Moment gibt es keine Empathie für andere oder die Überlegung, was der oder die denken könnte, in dem Moment, durch alles was man sonst situationsbedingt drin hat, gibt es nur diesen Schutzmechanismus. Das ist so, damit das abprallen kann, sonst würde man möglicherweise dem Tropfen, der sprichwörtlich das Fass zum Überlaufen bringt gegenüber stehen. Es gibt sicher auch Leute, und ich bin überzeugt, jeder von uns Betroffenen hat das irgendwann in irgend einer Form schon mal gemacht, die das bewusst als Verdrängungsmechanismus oder zum Druckabbau einsetzen, aber die meisten mir bekannten, die diese Dauerbetreuung innehaben sind psychisch dafür schon zu stabil und zu reif.

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  3. Ich habe das mit großem Interesse und irgendwie auch Zustimmung gelesen, auch wenn mein Erfahrungshorizont ein anderer ist. Aber es ist eben leider ein Phänomen, das sich in ganz unterschiedlichen Bereichen findet: die Rollifahrer, die es nicht mehr hören können, dass sie „an den Rollstuhl gefesselt sind“, die depressiv Erkrankten, die nicht einfach nur „schlecht drauf sind“ – sehr vielen Menschen geht es anders (manchmal besser, manchmal schlechter), als der größte Teil ihrer Umgebung vermutet. Und es wäre so unglaublich viel geholfen, wenn wir uns so verhielten, wie es eigentlich selbstverständlich wäre: Menschen offen zuzuhören und sie als das akzeptieren was sie sind: uneingeschränkte ExpertInnen ihres eigenen Lebens. (Und die allermeisten, die ich kenne, die sich in irgendwie besonderen Lebenslagen befinden, haben überhaupt nichts gegen konkrete Fragen ((dafür hattest du ja hier auch schon mal das tolle Beispiel von der neuen Kollegin), sondern können nur dieses oft sehr anmaßende Besserwissen darüber, wie es ihnen eigentlich geht oder gehen müsste nicht mehr ertragen. Das kann ich gut verstehen).

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    1. Dieses Beispiel, dass es das auch bei Handicaps gibt habe ich, kannst du dir vielleicht denken, bewusst raus gelassen. Die „arme“ dergl die nicht richtig laufen kann oder „Spastiker“ ist (sich auch schon mal „Spasti“ gefallen lassen muss und wenn sie sich wehrt als aggressiv hingestellt wird, was natürlich keiner nachvollziehen kann), und jetzt kann sie auch nicht mehr essen und nicht richtig reden… Das arme, arme Atelier-Kind, das angeblich so viel verpasst weil es nicht hört… Das arme Baby einer Bekannten, das jetzt mit Autismus diagnostiziert wurde…

      Wenn wir das aber drehen – ich kenne zum Beispiel Leute mit ICP, die sagen, außerhalb von Assistenz wollen sie exakt null Kontakt zu nicht gehandicapten Menschen, viele Gehörlose wollen nichts mit Hörenden zu schaffen haben, viele Menschen mit psychischen „Kisten“ haben vorwiegend Kontakte zu Menschen, die auch betroffen sind… – dann sind wir böse und aggressiv und was weiß ich. Weil sich keiner fragt woher es kommt. Wie eben auch mit diesem Haben die nichts erlebt? oben. Man soll sich immer in die anderen reinversetzen können und das am besten sofort und 24 Stunden täglich, aber jeder andere darf sich von dir sofort angegriffen fühlen statt mal zu überlegen warum du vielleicht so denkst. Wenn zum Beispiel von Geburt an gehandicapte irgendwann einfach entnervt sind weil ein Spätgehandicapter sie zujammert, wenn man sich nicht die ganze Lebensgeschichte von irgendwem anhören will oder wenn, das gibt es auch, man selber auch mal Vorurteile gegen irgendwas oder wen hat… Da dürfen wir dann nicht mehr Mensch sein sondern müssen übermenschlich reagieren. Wie eben auch als pflegende Angehörige. Und nein, mir braucht jetzt keiner – du tätest das nicht, weiß ich ja – mit mir armen mit Doppelbelastung kommen, weil ich beides bin und dazu – Dreifachbelastung – noch Süchtigen-Kind. Der Mit-Künstler ist nur letzteres und wie es dem so geht hatten wir hier schon.

      Bei Depeche Mode in „Walking in My Shoes“ gibt’s diese hübsche Zeile But before you come to any conclusions try walking in my shoes und viele verlangen zwar, dass man das für sie tut, machen es aber nicht umgekehrt auch so. Obwohl dann viele Missverständnisse gleich aus der Welt wären.

      Konkrete Fragen sind für die allermeisten, die ich kenne kein Problem.

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