Bordsteinschwalben

Der Mit-Künstler sagt: „Wir sind Bordsteinschwalben.“ Er weiß natürlich was das ist und er meint bewusst was ganz anderes, aber ich sage trotzdem: „Sind wir nicht.“

Ich habe nicht Nein, das sind wir nicht. gesagt. Das ist ein Unterschied. Wir sind die einzigen, die es nicht sind im Hühnerstall – ich stelle mir vor, dass man aufatmete als man erfahren hat, dass ich mich bis Juni rauszog, nach der Erfahrung mit den Nebenhöhlen und kaum Luft will ich es in der Pollenzeit nicht darauf ankommen lassen mich in die Atemnot zu katapultieren, und wenn ich nicht da bin fehlt auch der Mit-Künstler -, damit hätte ich Recht gehabt, aber ich sagte etwas anderes.

Der Mit-Künstler hat das Wort wörtlich gemeint. Bordstein und Vogel, dass Schwalben eine Vogelart sind, dafür kann er nichts.

Vom Mit-Künstler heißt es, er sei „Grenzgänger“ gewesen, auf Begrenzungen gegangen, hätte auf Mauern und Brüstungen balanciert. Das war bevor wir uns kannten und zu Zeiten, in denen er selbst sich ein Stück weit aus dem Skript zu lösen begann. Körperliche Risiken um sich selber zu spüren. Kenne ich gut. Ich bin damals Kilometerweit gelaufen, von einer in die andere Stadt, als ich anfing auszubrechen. Zu Fuß von Heidelberg-Wieblingen nach Neckargmünd und so was. Ich wäre gern mal dem Radweg von Heidelberg nach Mannheim gefolgt, doch dazu kam es nie. Das war vor meiner Kopf-OP, heute würde ich spätestens nach der Hälfte stoppen müssen.

Der Mit-Künstler hat ganz ohne Kopf-OP oder irgendetwas anderes plötzlich aufgehört. Physisch. Im Kopf ließe sich prima eine Verbindung herstellen zwischen meinem Interesse an Graffiti – Walburga, meine beste Freundin, war zeitweise bekannt für ihre legal gemachten Murals und lebt jetzt in einem herrlich selbst gestaltetem Haus – und seinem Adrenalinstoß beim Balancieren. Ihn reizen auch Häuserdächer.

Und Bordsteinkanten, in Städten, die nicht unsere sind. Wir müssen einen Umweg fahren weil er nicht aus dem Museum kommen, davon erschöpft sein und sich nicht irgendwie abreagieren kann. Ich weiß, dass er das manchmal braucht, aber ich habe nie gesehen wie so was von statten geht.

„Ich denke, das machst du nicht mehr.“

„Waren wir bei Vostell oder nicht?“

[Wolf Vostell ist der mit den – unter anderem – Betonautos.]

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