Zustände

Unfertig, unordentlich, Un-Worte…

Ich komme in das Wort von der Philipp-Mama nicht rein. Ich kann nicht sagen, ich sei Prosapoetin. Und ich weiß auch warum. Weil mir das Wort zu weich ist. Das hat – subjektiv für mich – so was weiches, nettes, angepasstes, so was von schöne Künste.

Ich weiß, dass ich es anders besetzen könnte und ich weiß warum dieser Widerwille, fast Abscheu gegen dieses Wort in der ersten Besetzung da ist. Das liegt in meiner Biographie begründet, jedenfalls im weiteren Sinne.

Meine Kreativität ist genauso Teil meiner Identität wie mein Handicap. Ich kann beides nicht von mir trennen, auch deshalb nicht, weil ich aufgrund von Letzterem nicht die gleichen Rechte in Deutschland wie temporär nicht gehandicapte Menschen habe. [Das ist ein Wink für den Menschen, der hier liest und mich gefragt hat warum ich gerade so viel Zeug zu Teilhabegesetz und Co. im Atelier liegen habe.]

Und als mit Handicap geborener Mensch, insbesondere als mit Handicap geborenes Mädchen, ist die Erwartung vieler Menschen an Sie: Sie haben immer nett zu sein, dürfen keine Bedürfnisse haben, sondern immer nur – und das für jedes normale Verhalten Ihnen gegenüber – Dankbarkeit, sind grundsätzlich Objekt und natürlich, Sie müssen erstens unter Ihrem Handicap leiden (N-E-I-N!) und zweitens alles genauso erleben wie Nicht-Gehandicapte (kann schon aufgrund der meist unterschiedlichen Sozialisation nicht klappen) und wenn Sie das nicht tun, dann müssen Sie Nicht-Gehandicapte um deren „Normalsein“ beneiden. N-E-I-N. Wieso auch, die können alle mal so werden wie ich oder sonst wer mit angeborenem Handicap, ich aber kraft Kunstfehler und andere mit angeborenem Handicap kraft deren Ursachen nie wie die Menschen, die temporär ohne sind. Es gehört zur Natur von Lebewesen, dass sich deren Zustand bis hin zum Tod im Laufe der Zeit ändert. Wer ist dann normal, weil schon an einen gewissen veränderten Zustand gewöhnt, wenn man unbedingt in solchen Kategorien denken will? Den Schuh mal für eine Minute so drehen. Und nein, die Leute mit Handicap, die das so sehen sind nicht böse oder aggressiv oder radikal. Es wird sicher den ein oder anderen geben, den man als Mensch nicht so toll findet, aber das gibt es in jeder Gruppe von Menschen und hat nichts mit den Standpunkten zu tun. Man muss sich immer fragen woher es kommt.

[Sie merken, ich hatte in den letzten Tagen etwas zu viel mit noch nicht Gehandicapten zu tun, die meinen unsere Forderungen nach Gleichbehandlung, einem Recht auf Sparen, dem Recht seine Assistenten oder den Wohnort frei zu wählen, einen Bausparvertrag oder eine Lebensversicherung abzuschließen – das sind Beispiele – seien Forderungen nach Sonderrechten. Sind sie nicht. Gleiche Rechte sind keine Sonderrechte.]

Aufgrund der Stigmata, die es da also gibt will ich kein weiches Wort. Ich bin nicht lieb und nett oder niedlich. Ich tauge nicht zum Musterkrüppel, wie ihn andere gern hätten, oder zur „Klara“ (wie das Mädchen bei Johanna Spyri in den Geschichten vom Heidi [in den Texten heißt es das Heidi]). Ich bin auch kein Wunderkind, das sich für Oh guck, so arm dran, aber was die alles kann eignet oder irgendeines „Verwerters“ Quotenbehindi. Hier nicht. Vielleicht machen das andere und geben noch Kusshand. Ohne mich.

Außerdem passt ein weiches Wort nicht zu dem was ich künstlerisch mache. Ich bin da sehr technologisch im Vokabular.

Der Steampunker, der allerlei faszinierendes Zeug im Gepäck hat, das er uns auf unser Objekt dübeln will/soll/darf/kann bleibt daran hängen, dass ich sage, dass ich eigentlich, ganz eigentlich Monteurin bin. Und schlägt irgendwann im Laufe des Dübelns vor, dass dann doch Prosateur ein geeignetes Wort wäre, denn es beginnt wie der Philipp-Mama-Liebling Prosapoet und endet wie Monteur.

Im ersten Moment klingt das gut und ich bin sogar ein bisschen begeistert.

Dummerweise wusste keiner von uns Ex-Lateinern, dass es das Wort im Französischen gibt und was es bedeutet. Das erklärt uns der Mit-Künstler, dessen Schulfranzösisch nicht gerade mehr frisch ist.

Mir hätte auch der Anklang an Deserteur in der Aussprache gefallen. Ich bin ja bekanntlich desertiert. Aus meiner merkwürdigen Familie mit ihrem Skript.

Aber so…

Wieder nichts.

 


 

Wenn Sie mehr über das Teilhabegesetz und den Kampf darum etc. wissen möchten, empfehle ich Ihnen die kobinet-nachrichten. Dort sind derzeit diverse Stellungnahmen diverser Verbände, Behindertengruppen (physisch Gehandicapte, Blinde, Gehörlose…) und von Einzelpersonen zu finden.

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Namensfragen

Das ist irgendwie seltsam. Sie erinnern sich vielleicht, dass die Violinistin mir zutrug, ich müsse mir ein Pseudonym suchen. Nicht dass ich weiter darüber nachgedacht hätte. Steht nicht an. Ich habe keins.

Was ich wollte war ein zweites WordPress für eine private Sache registrieren und weil mir kein URL einfiel, dachte ich, ich mach’s mir einfach.Das was ich eigentlich wollte ist vergeben.

Aber: Da hat man schon so einen seltenen Namen wie dergl und er ist ebenfalls nicht frei, sondern reserviert. Fühlt sich komisch an. Ein anderer Apfelstern-Fan? Hm.

Der Trunkenbold

Der Handschuhschenker macht zum ersten Mal Bekanntschaft mit Enno. Das ist Zufall, denn er ist nur da weil er an Philipps statt den Kanister bringt. Ich mag keine Menschen in meiner Wohnung, aber es geht nicht anders, wir brauchen den Behälter im Laufe des Tages. Der Mit-Künstler wollte ihn abholen, hat es aber nicht geschafft.

Als er – der Handschuhschenker – damit ins Atelier kommt ist Enno zugegen. Hat sein *krah, krah* hinter sich – motzt gern ein bisschen weil es derzeit keine Äpfel in diesem Haushalt gibt und Auguste sich an Kiwifrüchten laben kann – und den nassen Lappen auf dem Boden entdeckt. Einen Zipfel davon hat er im Schnabel.

Vielleicht im Spiel, vielleicht zum Trinken.

Der Handschuhschenker schaut sich das an bevor er wieder gehen will.

Eine Minute. Vielleicht auch zwei.

Enno will den Lappen mitnehmen, scheitert aber weil der durch die Nässe so schwer ist. Stolpert, strauchelt oder wie auch immer man das bei Kolkraben nennen kann, wenn denen das Gleichgewicht im Stehen abhanden kommt.

Der Handschuhschenker schaut. „Trunkenbold!“ sagt er.

Treibstoff

Ich kannte das Phänomen. Kennen ist heute zu viel gesagt und Ich kenne zu sagen ist brandgefährlich.

Ich kannte es damals bei dem abgelegten Romanprojekt von 2004/05. Da fing es schwerfällig an und machte sich irgendwann selber. Treibstoff war nicht nur harmlos der Fluss, sondern eine Stresssituation. Als die später nachließ versiegte auch das Projekt und stoppte im vierten Kapitel. [Es handelt sich das 86 Seiten Dokument mit den 25 Seiten-Kapiteln, das ich Ihnen hier nicht zumuten will. Dort gibt es nicht nur eine bewusst gekünstelte Sprache, sondern auch viel und langen Blocksatz.] Man merkt beim Lesen, es ist irgendwann nur noch gewollt und getrieben, der Bezug zwischen Text und Notierer ist nicht mehr da.

Spätere Versuche generell und für anderes den handwerklichen Mechanismus wie dort erfahren zu reanimieren entpuppten sich als zweck- und ergebnislos.

Ich konnte damals noch schreiben, lange, aber nie wieder so.

In den letzten Tagen sitze ich oft an dem Text, der sich irgendwann nach außen geschält hat in der Zeit, in der ich über Produktivität nachdachte. Und lange Tage ging es nicht vor oder zurück. Ich hatte den Wunsch, aber der Bezug fehlte. Seit einigen Tagen, kurz nach der Mikesch-Entlassung, läuft es. Es tut sehr gut und ist entspannend, ich habe mittlerweile eine komplette Bonbondose voller leerer Patronenhüllen – kann man immer brauchen – und heute Vormittag zwischen zwei Papierkramen wegen Mikesch stellte ich fest, ich habe da im Grunde schon ein ganzes Kapitel. Kann es auch bei Kurztexten geben. Denke ich.

Monteure, King Kong, Möbel

oder: SMS-Dialoge mit Mikesch (die wahrscheinlich irgendwas gegen ihre Termin-Nervösität tun musste)

 

Ich kann dann nicht mitkommen, da kommen die Monteure! Ich schreibe den Satz jetzt zum vierten Mal.

In deine Wohnung?

Ja, klar in meine Wohnung. Wohin denn sonst wenn mein Fenster kaputt ist?

Im Kopf habe ich Müsste doch auch eigentlich klar sein. Daran merken Sie, dass ich den Akut-Feuerwehrdienst nicht mehr gewohnt bin. Diese Mikesch-Macke ist harmlos und so häufig, dass ich das sprichwörtliche müde Lächeln… aber jetzt rege ich mich auf.

Hätte ja sein können…

Mein Badezimmerfenster befindet sich in meinem Badezimmer und mein Badezimmer ist in meiner Wohnung. Das haben die provisorisch gemacht und jetzt kommen die bald und machen es richtig. Dann ist das Fenster wieder heile.

In deiner Wohnung?

Als ich die SMS dem Mit-Künstler zeige sagt er ich soll schreiben Nein, Mikesch, in Hong Kong. Ich habe allerdings keine Lust und auch kein Geld mich per SMS über Gorillas zu unterhalten – Mikesch würde mich nämlich darüber aufklären, dass das nicht Hong Kong sondern King Kong(sic!) heißt und kein chinesisches Essen ist -, also befolge ich Philipps Rat nicht.

In deine dreckige Wohnung?

Meine Wohnung ist nicht dreckig.

Wohl, du hast alles kaputte Möbel. Da kannst du keinen rein lassen.

Es ist tatsächlich so, meine Möbel sind Sperrmüll. Das spielt allerdings keine Rolle weil für Mikesch alle Möbel, die älter als zwei Jahre sind und ihr nicht gefallen kaputt und damit gleichzeitig Sperrmüll sind. Bei mir sowieso. Denn wissen Sie, das allerwichtigste Möbelstück von der ganzen Welt, also das, was wirklich jeder haben muss und am Besten noch dreifach, das fehlt hier. Ein Fernsehen braucht man unbedingt. Sonst kann doch kein Mensch schlafen.

Und eine Couch hast du auch nicht.

Zumindest nicht im Atelier-Raum, mein Sofa steht im Hinterzimmer und wird nicht benutzt, weil ich es einfach nicht brauche.

[Das, was ich habe ist Mikeschs Meinung nach übrigens ausnehmend hässlich oder ich ausnehmend doof – oder beides -, es ist nämlich blau. Nur blau. Frauen brauchen aber Sofas mit Blümchen! Außerdem habe ich das Ding in Waldorf erworben und das auch noch in den Nullerjahren. Aber echt jetzt.]

Ich frage Mikesch was meine Möbel damit zu tun haben, dass bei mir etwas repariert wird und ich nicht zu irgendeinem Gespräch, bei dem man mich eh nicht braucht, kommen kann wegen der Handwerker wegen derer ich anwesend sein muss, weil sie sonst nicht rein können. Bei Mikesch müssen sie das dazu sagen.

Du hast überall nur Glühbirnen.

Da ist Mikesch nicht die einzige, die sich darüber aufregt. Aus irgendwelchen Gründen, die mir zu hoch sind, regen sich weibliche Menschen gerne künstlich darüber auf, dass ich keine Lampenschirme mag.

Mikesch füllt zwei SMS mit einem Loblied auf Lampenschirme.

Als das nichts bringt nimmt sie den Balkonboden. Da habe ich weder Kunstrasen noch Dekorfliesen. Also ehrlich, nee, sieht das scheiße aus ohne. Außerdem darf sie da ihre Kippen nicht rumschmeißen, dann drehe ich ja immer gleich durch. Als ob es ihr Problem wäre, dass ich keine Aschenbecher habe, reicht schon, dass sie dafür immer auf den Balkon muss…

Mikesch Badezimmer! Mein Badezimmer sieht genauso aus wie bei allen anderen in diesem Haus. Mehr hat die gar nicht zu interessieren. Die machen das Fenster und sind weg.

Also das kann es ja nun echt nicht sein, auch wenn ich es zigfach wiederhole. Wie kann denn im Badezimmer ein Fenster kaputt gehen?! Bei ihr geht das doch auch nicht. Und wenn, dann muss doch die Hausverwaltung…

Die schicken mir die Handwerker und dreimal dürfen Sie raten warum bei Mikesch kein Badezimmerfenster kaputt gehen kann.

Hier sind sie, die lustigen Tage…

Mikesch ist rappelig.

Sie hat nämlich Bescheid bekommen, dass sie sich gleich morgen bei einem Maßnahmeträger einzufinden hat. Weil sie nämlich erstmal nur arbeitslos und nicht krankgeschrieben ist und deshalb genauso wie alle neuregistrierten Arbeitslosen aktiviert [die haben das Unwort tatsächlich in den Brief geschrieben] werde müsse.

Das findet sie gar nicht gerecht.

Ich auch nicht. Das hätten die früher sagen können. Beziehungsweise hätten die vorher mal in den Computer schauen müssen.

Mit Mikesch erleben Sie bekanntlich so einiges, von dem der ein oder andere glaubt, dass es das nicht gibt, aber eins weiß ich auch nicht:

Wie kann denn jemand Montag morgen um 8.00h bei einem Maßnahmeträger in X. vorsprechen sollen und gleichzeitig am selben Montagmorgen um 8.00h  bei Bearbeiter Soundso bei der Agentur in Y. über seine berufliche Situation vorsprechen?

Klonen und Zellteilung hat auch Mikesch nicht im Reportoire.

Beide Briefe sind vom selben Absender.

Beide Briefe sind kein Zufall. Das passiert immer wieder mal. Gehört lesen und Termine abgleichen irgendwie zu den überragenden Fähigkeiten, die man erst mit Erwerb eines Doktortitels erwirbt? Glauben die das?

Hurra, wir sind alle Wunderkinder.

[Mikesch wird morgen, so weit habe ich sie, den Agenturtermin wahrnehmen, dann sollen die von mir aus bei der Maßnahme anrufen und den Sachverhalt aufklären.]

 

Noch mehr alte Zettel: Hilde

Datiert in Bleistift auf kariertem Recycling-Papier 29.08.2011 6.54h. Man merkt schon ein bisschen die spätere Sprache raus.

 

Sie sieht diese Szene, die nicht ihre ist. Die auch nicht ihre sein kann, da sie nicht drin vorkommt. Vielleicht auch nicht vorkommen kann. Stattdessen ist da ihre Mutter als junge Frau und steigt nackt aus einem Bett aus dunklem Holz mit dicker weißer Wäsche, geht über Holzdielen mit einem abgenutzten orientalisch wirkendem Teppich und steigt in ein anderes Bett am Fenster. Es sieht aus wie das erste, ist aber ein anderes. Im ersten Bett wendet sich jemand, man sieht nur den Haarschopf. Ihre Mutter hebt das Bein an, eine Spur daran ist feucht. So wie wenn man weint denkt sie einen Moment lang. Hilde ist kein Kind mehr, sie weiß was das heißt. Und sie versteht warum das Zimmer immer abgeschlossen war. Glaubt sie. Wenn auch nicht dieses.

Und warum dann in Farbe?