Das dumme* Huhn

*nach eigener Aussage

Der Mit-Künstler erzählt, er habe Y. aus dem Hühnerstall auf dem Gang getroffen und sie habe ihm erzählt, sie hätte eine genehmigte Ausstellung abgesagt. Sie will nicht mehr Künstlerin sein. Die Leute sehen ihre Gegenstände als Deko-Objekte und kaufen sie nur wenn sie zu viel Geld haben. Hat aber keiner. Denn Y. ist nicht in irgendeiner der gentrifizierten Filterblasen ein Teil des Viertels. Andere, die ähnliches machen und sogar bei ihr abkupfern werden ihre Teile dort los weil sie ein Teil des Establishments sind. Es ist irgendwie schick zu sagen, man kennt die Künstlerin und das sei eine ganz normale Frau. Bla bla… Ihr, Y., dagegen wird nicht nur gesagt, dass das was sie macht derzeit Trend und deshalb in Einrichtungs- und Dekoartikelläden jedweder Couleur billiger zu haben ist, sogar in den Aktionen bei Aldi, sie bekommt auch nicht das, was sie sich so sehr wünscht. Sie möchte, dass die Leute ihre Gegenstände kaufen weil sie den Prozess nachfühlen können. Und dazu macht sie das was ihr selber gefällt. Und sie mag shabby chic -Dinge.

Sie war glücklich, dass sie es geschafft hat Künstlerin von Beruf zu sein, aber irgendwie ist das alles Scheiße, weil sie keiner als solche ernstnimmt. Der Rest vom Hühnerstall lebt in einer Filterblase, der Mit-Künstler und ich leben in einer Filterblase. Der Rest trumpft dauernd damit auf wer sie alle sind und wie erfolgreich und wo sie verkehren, der Mit-Künstler und ich tun so als ginge uns das am Arsch vorbei. So als Nischenkünstler könnte Y. nicht leben.

Ich kann sie verstehen, wenn es so ist wie Philipp erzählt. Sie möchte kommunizieren und merkt, dass die Werkzeuge, die sie in ihren Möglichkeiten hat dazu nicht taugen. Ich kenne das Problem. Es gab Zeiten, vor Jahren, da machte ich Texte mit der unbewussten Intention etwas zu lehren. Dass das so war wurde mir erst später im Rahmen einer künstlerischen Inventur klar. Dieses Belehrenwollen wird nicht anders sein wie Y.s Appell bitte irgendwo in eine Gruppe von Menschen aufgenommen zu werden, weil sie sich nach Zugehörigkeit sehnt und das nicht kommunizieren kann. Es heißt, die Leute hier haben gegen den Landesteil aus dem sie stammt um einiges größere Vorbehalte als gegen den aus dem ich stamme. Man könnte auch rekapitulieren woraus Kreativität entsteht, woraus Naivität und so weiter…

Das spielt aber keine Rolle. Für Y. ist die Enttäuschung wichtiger. Die Erkenntnis, dass es auch in dem Bereich von dem sie es sich am Meisten versprochen hat nicht unbedingt um Fähigkeit oder Intention geht, sondern Selbstpräsentation. Dass ein Werk nicht automatisch anspricht. Auch dann nicht, wenn es einen selbst ansprechen würde. Dass man aktiv suchen muss um zu finden. Und immer und immer wieder prüfen was man eigentlich will.

Mit all dem wollte sie nie etwas zu tun haben. Sie hat geglaubt, die Zeit setzt sich von selbst in Gang. Und dass sich dann auch der Raum bewegt.

Jetzt bewegt sie sich.

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