In der Ambulanz

Ja klar, wir schon wieder. [Also ich, aber der Mit-Künstler ist auch da.] Und wieder wird mir das erzählt was ich seit zehn Jahren weiß, weil es da schon von einem hochqualifizierten Heidelberger HNO diagnostiziert wurde – Nasenscheidewand sitzt schief -, der mir übrigens auch prognostizierte, dass das mal operiert werden müsste so in einem Jahrzehnt, also ungefähr jetzt, sonst kriegen Sie massive Probleme. (Keine Ahnung ob das generell oder nur auf mich als jemand mit ICP und genau dieser ICP-Form bezogen gemeint war, ich habe mich noch nie mit anderen über ihre Nasenscheidewände unterhalten. Jedenfalls sind die massiven Probleme jetzt da, akut.) Auch das, was seit der Erstdiagnose meiner Kieferprobleme und spätestens der Kopf-Operation bekannt ist wird nochmal runter geleiert. Ich will das alles gar nicht wissen. Ich brauche es nicht. Ich muss mir das nicht geben. Es steht doch da. Praxen haben mich weggeschickt? Ja, das ist heutzutage so, auch Hausarztpraxen nehmen nur eine begrenzte Zahl an Patienten auf und bei so schweren Fällen, einem mit zwei Behinderungen, da könne das schon mal vorkommen, die Zeit hat keiner mehr, das gibt es nicht vergütet. Und ja klar gibt es einen Unterschied zwischen Behandlungszeiten und Sprechzeiten. Meine alte Nachbarin wurde nach einem Sturz mit dem Rollator weggeschickt weil sie nicht während der Sprech- sondern der Öffnungszeit kam? Ja, das ist halt so. NRW ist arm. Aus Baden-Württemberg komme ich? Na, da ist man reich. So läuft das hier nicht. Antibiotika? Weil ich arbeiten müsse? Selbstständig? Und zu Hause wartet ein Grundschulkind? Da sieht man mal wie weit die Inklusion ist. Ich habe keinen Inhalator? Kriege ich bei Ebay oder Amazon hinterhergeschmissen, die kosten heute nichts mehr. Wie, das soll einer verschreiben? Ach, wurde sogar mal, aber die Kasse hat abgelehnt. Na, sagt Doktor doch, die Dinger kriege ich nachgeworfen. Und kaufen Sie [zum Mit-Künstler] dazu am Besten gleich einen Rollator, so wie ich gehe, falle ich sicher oft. Oh, da, mein ganzer sichtbarer Arm ist blau. Sehe ich das? Aber Sie, Sie sehen doch, dass sie den Arm blau hat. Da müssen Sie aufpassen, die Leute sind heute ganz schnell dabei mit Sie würden Ihre Frau schlagen. Besonders die Feministen, wissen Sie, Herr…?

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2 Gedanken zu “In der Ambulanz

    1. Zustände Deutschland 2016, zumindest in ärmeren Regionen. Laut des Armutsberichts des Paritätischen ist die Region Köln/Düsseldorf und das Ruhrgebiet ähnlich am Ende wie Teile Ostdeutschlands. Und ich zähle nun mal nicht zu denen, die „es“ sich erlauben können… Die nehmen da kein Blatt mehr vor den Mund.

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