Zeppelinstraße Zwölf

Eine kleine Sammlung für Zenith, die deutsche Z-Worte sammelt und für Sie eine Einladung zum Gedankenspiel: wer wohnt in dem, was passiert in dem, wo genau ist das, wie sieht es aus oder wann und von wem wurde es gebaut, das Haus in der Zeppelinstraße Zwölf?

Unsortiert heruntergeschrieben

Halbe Gedanken, die bleiben jetzt so.

Weil es gestern bei Pagophila um „verschämte Lieder“ ging  musste ich irgendwann in der Nacht daran denken wie stark dieser psychische Mechanismus sein kann bei dem Sie etwas instinktiv verstehen und begreifen obwohl Sie die jeweilige Sprache nicht können. Der Diddl-Maus-Junge, fiel mir nächtens ein, hat vor ungefähr zwölf Jahren dauernd Hero von Enrique Iglesias geträllert oder das, was er für den Text hielt. Er kann kein Englisch. Ich meine mich zu erinnern, dass er sich auch die CD irgendwo her besorgt hatte. Das ist für einen Menschen, der als Junge die Kellys und N’Sync mochte vielleicht im ersten Moment kongruent, aber es ist der Diddl-Maus-Junge! Hypermaskulinisierter [sagt man das so?] Gorilla der Marke Schnauze sonst Beule. Jedenfalls konnten Sie ihm damals nicht begegnen, ohne dass Ihnen I can be your hero, baby entgegen kam, was vermutlich auch die einzige korrekt gesungene Zeile war. Mehr brauchte es aber auch nicht. Denn es zeigt den Mechanismus recht bildlich. Diese versagende Pfeifenflasche, die sich nichts mehr traute und von einem Fettnapf in den nächsten schlitterte – wenn ich das so formuliere nehme ich ihn nicht in Schutz – hatte in sich irgendwas, dass ihm gesagt hat, das kann er. Jemandes Held sein. Konnte er auch, die entsprechend heldenhaft behandelte Dame ging wegen Mikesch. Weil Mikesch übergriffig wurde, in diversen Weisen, weil die Frau genau wie Arbeitsstellen etwas war, das dem Diddl-Maus-Junge Zeit weggenommen hat von der Mikesch glaubt, sie stünde ihr zu.

Ich wurde als Kind, bevor mein Bruder auf der Welt war, von einem Zimmer mit Boy George und dem anderen mit Falco beschallt. Mikeschs Leidenschaft für den Österreicher ist nicht so verquer, der muss, trotz Jeany, viele weibliche, schmachtende Fans gehabt haben. Das mit meinem Vater und Boy George durfte niemand wissen. Kann ja nicht sein, dass sich ein heterosexueller Mann so eine Schwuchtel anhört. Wie steht man dann da?! The Communards gingen natürlich auch nicht. Obwohl gerade da wieder etwas auffällt, sehr ähnlich wie das oben bei meinem Bruder: Laut Recherche war Jimmy Sommerville vor den Communards bei Bronski Beat und die haben, auch das musste ich unkundiger Mensch recherchieren, Smalltown Boy gemacht. Ich könnte dem Namen kein Lied zuordnen, kann aber den Refrain zuordnen, dieses run away, turn away, run away, turn away und ich weiß, dass mein Vater da unheimlich stark drauf reagiert hat. Er kann das nicht verstanden haben. Er kann die Sprache nicht. Aber das wird eingesunken sein in diesen Mittzwanziger, der sein Leben eigentlich schon verlebt hatte.

Mikesch, auch des Englischen nicht mächtig, hat einen heimlichen Faible für Pink. Darf man sich nur nicht bei erwischen lassen. Wenn man sie darauf anspricht und warum sie sie es nicht zugibt kommt immer was mit, sie wäre schon zu alt. Weil sie zu alt ist für einen eigenen Musikgeschmack hat sie sich stattdessen eine Weile Schlager angehört, die sie nicht mochte, und Krieg gegen den Stiefvater gespielt, weil der sich von mir mal eine Deine Lakaien-CD geben ließ.

Alles ganz normal

Vermeintliche böse Zungen behaupten, die Philipp-Mama war des Backens des versprochenen Geburtstagskuchens unpässlich. Aus üblichen Gründen. Und tatsächlich findet sich entsprechender Müll, weil die Nachbarn den Sohn deswegen aus dem Bett klingeln, denn der Unrat ist in deren Haus über die ganze Empore verteilt, weil die Tüte wohl gerissen ist. Wenn Sie in seiner Situation das Pech haben mit der Mutter in derselben Straße zu wohnen, weil die da hin gezogen ist nachdem Sie zuerst da waren und jetzt nicht wegziehen können mangels bezahlbarem Wohnraum, kann Ihnen das passieren. Dann kommen an Ihre Tür Menschen, die Sie sonst vielleicht auf der Straße erkennen würden und verlangen von Ihnen, dass Sie Ordnung machen weil Sie der Sohn sind und Ihre Mutter hackedicht. Wenn Sie selbstschützend sagen, dass Sie das nicht interessiert weil Sie Sie selbst sind und nicht Ihre Mutter, bei der es sich um einen eigenverantwortlichen Menschen handelt, sind Sie kalt, herzlos, ein feiger Hund und möglicherweise Empfänger einer Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung. Schon gehabt, wollen Sie nicht nochmal. Das bedeutet, wenn Sie nicht gerade super emotional stabil sind gehen Sie sehr wahrscheinlich schon deshalb rüber, damit Sie Ihre Ruhe haben und die Alte Ihnen nicht vor die Tür kotzt oder vor das nächste Auto torkelt. Auch wenn Sie nicht wollen. Als Trinkerkind tun Sie das. Auch wenn Sie es besser wissen. Das sichert Ihr Überleben.

Weil Sie selber nicht wissen mit dem Müll wohin, es gibt nämlich keine weitere Tüte, gehen Sie nochmal zu sich um einen Müllsack zu holen. Zu den Nachbarn sagen Sie laut und deutlich, dass Sie gleich wieder kommen, Sie holen den Müllsack und das Kehrblech. Weil Sie dabei die Tür hinter der Ihre besudelte Mutter liegt, was Sie selber nicht, aber den Nachbarn sicher ekelt [dass Ihre Mutter sich dafür schämen könnte und die geschlossene Tür auch für sie ein Segen ist ist Ihnen egal] zutreten sammelt sich im Flur eine Traube und als Sie wiederkommen werden Sie als Rabensohn und aggressiver Mensch beschimpft, dem keiner helfen muss den Müll auf zu heben. Sie müssen nur angestarrt werden wie im Zoo und sich unmöglich finden lassen als Sie Ihrer nach Ihnen schreienden Mutter durch die Tür zurufen, dass Sie gerade nicht können, denn Sie räumen den Müll auf.

In etwa so verliefen auch die Geburtstage Ihrer Jugend. Das ist ewig lange her und Sie können sich kaum dran erinnern. Nur daran, dass genau das Ihre Feier war. Später gehen Sie mit Ihrer Mit-Künstlerin und dem Atelier-Kind und seinem Bruder Eiscreme kaufen, erzählen, dass Sie damit früher schon gefeiert hätten und dass sich manche Dinge anscheinend nie ändern. Ob Sie jetzt 16 oder 36 oder 56 oder 176 werden.

Alles ganz normal.

 


Ja, ich finde es auch schade, dass das offenbar mein Sprachstil für Geburtstagsgeschichten ist – vergleiche Transformer – , und es ist so traurig, passiert aber jeden Tag überall auf der Welt. Besonders in der zivilisierten. Vielleicht kennen Sie sogar jemanden und der sagt es Ihnen nicht, Klappehalten und nicht traurig sein können Menschen wie wir nach außenhin prima. Auch an anderen Feiertagen.

 

Gedanken zum Thema Produktivität

In den letzten Tagen stellte ich mir mehrfach die Frage nach dem was Produktivität bedeutet. Was es für mich bedeutet, ich meine nicht die Definition mit dem Marktwert, bei dem nur das fertige Produkt und nicht Vorarbeit oder Prozess zählen. Das ist eine kranke Definition und eine große Falle. Ich kenne keinen, der nie rein getappt ist. Ein jeder hat so seine Geschichten damit.

Ich habe in den vergangenen vier Wochen so etwas ähnliches getan wie gegen die Uhr zu spielen. Bewusst und mit Absicht. Und ich habe anderthalb Kladden und ein paar Word-Dokumente gefüllt mit Abschnitten, Varianten, Planungen und Ideen für ein Projekt. Mein Zeitraum dafür waren vier Wochen und ich hatte kein Ziel. Ich wusste nur, wenn ich dieses Projekt mache, ziehe ich mich über das Frühjahr aus allen anderen raus und das hatte nur indirekt mit diesem zu tun. Ich kann so etwas kaum konkret planen. Also plane ich es konkret in dem ich es nicht konkret plane. Indem ich nur sage, dass ich dran bleibe, aber fast niemals eine konkrete Vorgabe mache was Ziel oder Ende betrifft.

Und nun sehe ich diese Kladden, diese zu allen möglichen Zeiten und unter allen möglichen Bedingungen – ich lasse dafür auch mitten im Satz Leute stehen -, teils aufgrund der Eile unleserlich gemachten Notizen und frage mich Was hast du da eigentlich die letzten vier Wochen gemacht?

Ich weiß was. Ich habe ungefähr zweihundert Seiten gefüllt, Randnotizen auf losen Zetteln [der Mit-Künstler sucht übrigens seine abgelegten Parktickets].

Wo bist du jetzt?

Da wo ich jetzt bin. Weiter. Ich habe Susanne kennengelernt, die in diesem Projekt nicht gerade unwichtig ist und die urplötzlich so hieß. Hallo!

Aber ist das produktiv? Hast du irgendwas geschafft?

Sie wollen die Antwort nicht wissen.


 

Vielleicht möchte sich noch irgendjemand anders Gedanken dazu was Produktivität bedeutet machen und mitteilen. Oder erzählen was das für eine Tücke ist. Oder… Wir könnten die Blogposts ähnlich wie bei einer Parade sammeln.

 

 

Gipfeltreffen

Es sitzen im Büro in der Klinik mehrere Menschen, die mehr oder weniger direkt über die Zukunft von Mikesch zu entscheiden haben. Daumen hoch, Daumen runter. Geld da, Geld nicht da. Risiko ja, Risiko nein. Ärzte, Kassenleute, Sozialmenschen. Irgendeiner von denen ist, wenn ich mich nicht irre, vom Amt. Antwort auf meine Nachfrage bekomme ich nicht, könnte ja sein, dass ich noch was anderes wissen will und dann kann man die Sache nicht mehr innerhalb von dreißig Minuten abhandeln. Zeit ist Geld und das hat keiner, schon gar nicht für so eine wie Mikesch. [Schön, direkt mit Schuldzuweisung nach dem Motto, es gibt keine psychischen Erkrankungen, Sucht ist eine Willensfrage, die Alte hat sich ihren Zustand ausgesucht und selber verursacht und man müsse ihr nur mal zeigen wo der Hammer hängt, notfalls mit Klatsche, in diesem Fall bildlich gesprochen für Fixierung und wegsperren.] Der Fall wurde bis dato amtlich verwaltet, also muss hier irgendein Mensch von dort sein. Aber wir sind ja nur die Angehörigen, uns muss man sich nicht vorstellen.

Ein Mensch, ein Arzt, der meinem Stiefvater auch hinlänglich bekannt ist erklärt lang und breit den Realitätsverlust. Das ist nicht so einfach wie es sich hier liest. Mikesch hat wie alle anderen Menschen auf der Welt Persönlichkeitsrechte und dazu gehört für mich, dass ich keine Diagnosen veröffentliche. Wenn ich das in diesem Fall täte wäre sehr schnell klar, dass das im Gegenteil sehr schwer ist mit dem Realitätsverlust [und anderen Sachen]. Nicht nur weil niemand so genau weiß, was passiert außerhalb von Mikeschs Kontrolle und was davon spielt sie um eine bestimmte Reaktion in ihrer Umwelt hervorzurufen, die sie in einer Phase, in der sie dasselbe Verhalten ungewollt und per Impuls gezeigt hat als positiv für sich erfahren hat.

Allein so etwas kann so stark beeinträchtigend bei einem Menschen auftreten, komplett ohne anderes, dass dieser Mensch ein Fall wie unsere Mikesch wird und vielleicht in therapeutischen WGs und therapeutischen Tagesbetreuungen landet. Auf Dauer. Für Jahre. Weil mit schweren Fällen nicht anders umzugehen ist.

Therapeutische WG-Plätze, erklärt er weiterhin, sind bei Menschen in Mikeschs Lebenssituation heutzutage ausgeschlossen. Nicht nur weil sie verheiratet ist und relativ alt, sondern weil die Betreuung dieser Menschen heutzutage wie auch vermehrt die Betreuung von demenzkranken Menschen aus Kostengründen zu Hause zu erfolgen hätte. Deshalb, auch das erklärt er extra und ich habe das Gefühl extra für den Stiefvater, können auch Angehörige zwangsrangezogen werden. Das geht alles über mehrere Ämter und die arbeiten Hand in Hand und so ähnlich wie bei der sozialen Teilhabe von Behinderten [scharfer Blick zu mir Weiß der denn nicht, dass im Assistenzfall nie ein Amt zuständig ist und das jedes Amt jedem anderen möglichst viel zuschieben will um Kosten zu sparen und dass jeder jede nutzbare Lücke auch nutzt? Das sieht man doch, dass Sie da Erfahrung mit haben müssen. Wie verpeilt ist der?]…

Weiß in diesem Raum jeder.

Was er dann sagt ist viel gewichtiger. Er erklärt Mikeschs Denkweise. Und warum Mikesch nicht mehr zu gebrauchen war wenn sie von der Arbeit kam. Auf der Arbeit musste Mikesch acht Stunden lang eine Rolle spielen, die für sie nicht real ist. Das ist wie wenn jemand eine Tierrolle spielt. Man weiß es ist nicht echt. Sie musste aber durchhalten, sonst hätte man ja bemerkt, dass sie anders ist.

Stiefvater versteht das nicht.

Auch nicht die Sachen, die sich mit der Biografie ihrer eigenen Mutter überschneiden und dass die zwar nicht bewusst forciert, aber nach Art einer selbsterfüllenden Prophezeiung entstanden sind und dass dieser innere Konflikt Teil der Krankheit ist und auch sehr wahrscheinlich mit der Grund warum die zwanzig Jahre alte Mikesch vor vierzig Jahren einen achtzehnjährigen Alkoholiker heiratete. Das war einerseits etwas das sie „kannte“, weil sie aus einer rigiden Welt kommt, andererseits etwas, das ihr ermöglichte von ihren Eltern sich zu „emanzipieren“, aber gleichzeitig auch deren Vorstellung zu erfüllen. Und dieser Konflikt tobt heute noch weiter. Da ist immer noch Mikesch, die raus will aus der Rigidität und nicht weiß wie (der Arzt erklärt hier unter anderem einen Aspekt ihres Verhältnisses zu mir, ich bin ja nicht nur deshalb die Böse weil ich ein Handicap habe oder aus dem Suchtskript ausgestiegen bin, ich bin ja auch böse, weil ich nicht Hausfrau geworden bin und keine Kinder habe), gleichzeitig das einzige, das sie kennt aufrecht erhalten muss, weil sie sonst glaubt zu sterben und dafür sogar ihre Kinder opfert und da ist Mikesch, die fest überzeugt ist ihr steht eine Belohnung zu. Diese Belohnung ist, dass sie genau so leben darf wie ihre Mutter. Dass ihr also einer nur weil sie Kinder hat alles in den Mund liefert, dass sie überall Mittelpunkt ist und besonders bei der Tochter, so wie ihre Mutter es für sie war.

Er versteht noch nicht mal die Parallele mit dem Diddl-Maus-Junge und der jüngeren Mikesch-Schwester. Die jüngere Mikesch-Schwester hat bis sie ungefähr 40 war bei der Mutter gelebt und dann Hals über Kopf geheiratet. Die Mikesch-Mutter war generell pflegmatisch, hatte aber auch für jede Vermeidung von Aktivität oder aus dem Haus gehen die Ausrede, sie müsse Rücksicht auf X. nehmen. Der Diddl-Maus-Junge wird dieses Jahr 30, wohnt immer noch da und das wird sich auch so schnell nicht ändern. Er zeigt ähnliche Auffälligkeiten wie die Mikesch-Schwester.

Der Stiefvater kennt die Mikesch-Schwester nicht. Ich habe sie zuletzt irgendwann um 1998 gesehen. Die Mikesch-Geschwister reden nicht miteinander. Ausnahme Mikesch und ihr Bruder, der Mann von K., die hier ab und zu erwähnt wird.

Der Stiefvater versteht das alles nicht.

Der Stiefvater versteht auch nicht den Plan, den der Sozialmensch vorstellt. Er ist nicht für Mikesch speziell, so einen könnte man aber für sie anfertigen. Es ist ein Plan wie Menschen, die so krank sind wie Mikesch leben, wenn sie nicht mehr stationär sind.

Der Sozialmensch sagt etwas davon, dass ich nicht für die Tagesbetreuung zuständig bin. Es sei seine und nicht meine Aufgabe sich darum zu kümmern, dass Mikesch eine Struktur bekommt und wenn sie die nicht bekäme, wenn sie also die ganze Zeit zu Hause fernsieht, dann ist das nicht meine Angelegenheit oder Verantwortung.

Stiefvater will wissen was er machen soll.

Sozialmensch schlägt sinnbildlich vor Diddl-Maus-Junge in den Arsch treten. Da könne der gleich Inklusion lernen, sehr wahrscheinlich bekämen nach Aktenlage und Kenntnis nach welchen subjektiven Kriterien das beurteilt wird alle drei, sowohl er selbst als auch Mikesch als auch der Diddl-Maus-Junge [über den es keine Gutachten gibt] einen höheren GdB als ich. Mikesch womöglich GdB 100. Psychos bekommen hier immer mehr. Und selbstbestimmten Menschen mit physischem Handicap wird sogar noch weggenommen. GdB-und Merkzeichen-Entzug als Strafe für’s selbstständige Leben und sich inkludieren wollen. Viele Nachteilsausgleiche, die man angeblich bekommt gäbe es auch nur bei Berufstätigkeit, aber die meisten physisch Gehandicapten fänden keine Arbeit. Soll er mich nur mal fragen, meint der Sozialmensch, ich wüsste da sicher ein Lied von zu singen.

Sozialmensch schaut demonstrativ auf irgendeine Akte in der meine Berufe stehen. „Einserprüfung in Medizin“, sagt er fast ehrfürchtig.

Der ganze Raum schaut mich an. Auch die Möbel und die Pflanzen. [Bevor Sie jetzt auf dumme Ideen kommen, ich bin kein Mediziner, ich habe was mit Medizin im Namen als Prüfungsfach umgeschult.]

„Darum kann sie die Alte auch im Zaum halten“, sagt die Frau, von der wir dann erfahren, dass sie von irgendeinem Amt kommt.

Ich kann den Vorstoß nicht machen zu sagen, ich will so nicht über Mikesch gesprochen haben. Das ginge nach hinten los. Ich kenne das Kaliber.

Der Stiefvater sagt auch nichts. Hört nur zu als der Sozialmensch auflistet was meine Angelegenheit ist und was nicht. Worum er sich jetzt zu kümmern hat. Alles andere wäre aus der Affäre ziehen.

Später, unten vor der Tür, meint er: „Und das am frühen Morgen.“

Ich bin müde.

Das unbekannte Wesen

Die Philipp-Mama hat meinen Kafka-Brief gelesen und findet das geht nicht. Der Brief geht, aber das nicht. Das meint, dass ich als des erzählenden Schreibens mächtiger Mensch keine richtige Bezeichnung habe. Das passt ihr nicht, weil ich ihrer Meinung nach vor lauter Grünzeug den Salat nicht erkenne. Bei anderen Leuten wären das der Wald und lauter Bäume.

Kafka, sagt sie, hat bekanntlich (sic!) prose poetry gemacht! Das könnte ich überall nachlesen. [Es fanden sich bei der Recherche tatsächlich einige Erklärungen dieses Begriffes auf englischsprachigen Seiten, die Kafka als Beispiel in anderen Sprachen listen.] Und da sein Einfluss noch immer erkennbar ist, ihrer Ansicht nach stärker als zum Beispiel der später stark hervorgetretene von Herta Müller aus der Zeit vor dem Kollaps, geht das nicht. Das meint, dass ich behaupte keine prose poetry zu machen [ich kann mich nicht unter einen Schirm stellen von dessen Existenz ich nichts weiß]. Ich sei prose poet, ist doch einfach.

Anatol Knotek ist visual poet und was das ist, ist auch auf Deutsch erklärbar. Wenn Knotek, den ich nicht persönlich kenne, sich visueller Poet nennt, dann gibt es davon eine Definition. Ob seine die von anderen ist kann und muss ich nicht wissen.

Aber was ist genau ein Prosapoet? Und sagt man das überhaupt so auf Deutsch?

Gestatten, dergl, Installationskünstlerin und Prosapoetin?!

Wochenende, Fernsehleute, Malbuch

Mikesch macht einen Wirbel auf der Station, sie würde einen aus dem Fernsehen kennen. Den, der da bei der Heidi Klum in der Jury. Auf Nachfrage weil ihr das keiner glaubt, sagt sie, sie hätte den Mal in Düsseldorf gesehen, da wäre er auf der gleichen Straße wie sie gelaufen. Die dergl war auch da, aber die hat ihn nicht erkannt, weil sie nicht Heidi Klum guckt und deshalb nie jemanden erkennt, die Doofe.

Weil Mikesch ihren Wirbel über mehrere Tage hinzieht wird die Doofe einbestellt und soll den Wahrheitsgehalt von Mikeschs Behauptungen angeben.

Ich war irgendwann im letzten Sommer mit ihr zusammen in Düsseldorf und als wir über die Königsallee gingen zog sie mich am Arm, da sei [ich habe den Namen nicht verstanden], ob ich den auch kennen würde. Menschen, deren Namen ich nicht verstehe kann ich nicht als mir bekannt oder unbekannt identifizieren. Ja, sie kenne den auch nur von der Heidi Klum. Ab da wusste ich, dass es sich um jemand handelt, wenn es denn die benannte Person war, den ich auch nicht kennen muss. Selbst wenn ich einen Fernseher hätte, ich müsste diesen Menschen nicht kennen.

„Das heißt aber doch nicht, dass du den kennst, Mikesch. Du kannst sagen, dass du in Düsseldorf mal an dem vorbeigelaufen bist, das stimmt ja, aber kennen ist zuviel.“

„Nee. Wieso?“

„Weil du ihn nicht kennst. Du bist dran vorbeigelaufen, wenn er es überhaupt war. Und jetzt machst du hier total Chaos weil du so was erzählst und bist sauer weil dir nicht geglaubt wird. Dir muss aber auch keiner glauben, du kennst den Mann nämlich nicht.“

„Wohl.“

„Nein. Schau mal, als ich vor ein paar Jahren Inge in Mülheim besucht habe ist in der Fußgängerzone Helge Schneider an uns vorbeigelaufen. Ich weiß, dass das Herr Schneider war, weil der Zeitungsverkäufer ihn namentlich gegrüßt hat. Herr Schneider muss ja auch mal was einkaufen und da war ein Einkaufszentrum. Aber ich kann doch nicht behaupten, dass ich Helge Schneider kenne.“

[Ich würde auch nicht behaupten, dass ich den Typ aus dem Lokalfernsehen – ich weiß nicht ob Mikesch das schaut – kenne, der mir hier und dem ich mit einem anderen Reader folge, obwohl der mit seinen Kommentatoren, also mitunter auch mir, kommuniziert, wir also in gewisser Weise mitunter miteinander „reden“. Ich weiß von ihm, aber ich kenne ihn nicht. Hallo Seppo!]

„Ich kenn den aber!“

„Dann kennst du ihn, aber du hörst auf alle Leute damit zu nerven. Die wissen das jetzt und wenn man etwas schon weiß und es trotzdem immer noch mal gesagt bekommt, dann ist man irgendwann genervt und dann wird man schon mal sauer.“

„Du, der [Stiefvater] hat mir ein ganz doofes Malbuch gekauft. Eins für Kinder.“

„Hast du ihm gesagt was für eins du haben möchtest?“

„Ja, für Erwachsene. Und dass du gesagt hast wo es das gibt. Ich hab im Internet geguckt. Bei Amazon. Da gibt es ganz viele. Auch mit van Gogh. Mag ich auch.“

„Ist doch toll.“

„Aber er hat gesagt, das gibt es gar nicht.“

„Vielleicht nicht in dem Laden vorrätig. Muss man bestellen.“

„Macht er nicht.“

„Hast du gefragt?“

„Ja.“

„Und er hat gesagt, dass er es nicht bestellt?“

„Er sagt, so viel Geld gibt er für so was nicht aus.“

„Ist das Malbuch mit van Gogh teuer?“ [Die Kunst-Malbücher aus dem Museumsshop für das Atelier-Kind zu besonderen Anlässen liegen bei um die acht Euro, sind also auch nicht gerade günstig.]

„Nur fünfzehn Euro.“

Und die Filzstifte sind übrigens auch der letzte Scheiß…