900 Sekunden

Da sitzt dieses zerbrochene Männlein.

Ich weiß nicht ob ich das begreifen kann, weil in den Papieren nichts steht, das nicht schon Jahre da gestanden hätte. Es ist nur anders formuliert. Das was bis jetzt nach ambulanten Diagnosen als eines zusammengefasst wurde und deshalb abstrakt bleiben konnte ist jetzt aufgefächert in einzelne Komponenten, die jede für sich eine Diagnose ergeben und in der Ballung unsere Situation.

Es ist alles beim Alten. Deshalb begreife ich die Reaktion nicht. Sehe auch keinen Vorteil darin, dass ich diese Fachsprache verstehen gelernt habe.

Nichts ist mehr wie sonst. Deshalb begreift das zerbrochene Männlein meine Reaktion nicht.

Versteht nur, dass die Menschen im Büro ihm Fragen stellen und ihm sagen was auf ihn zukommt. Er soll die Konten trennen, damit Mikesch wenn sie – wann auch immer – nach Hause kommt nicht mehr an sein Geld kann. Das sage ich ihm seit Jahren, wenn er sich darüber beklagt, dass sie das gemeinsame Konto mal wieder bis zur Sperrung geräumt hat und er ohne einen Cent in der Pampa sitzt. Das ist seine Sache. Er soll dem Hausarzt die Situation klar machen und zusehen, dass er einen anderen für Mikesch findet. Nicht mein Problem. Auf ihn als Ehemann hört so ein Arzt noch als erstes, deshalb sagen die Menschen im Büro, ist er auch der erste Kandidat falls gerichtlich die Gesundheitsfürsorge an jemanden geht.

Weniges davon ist überraschend. Nur dass er so Vieles davon ausblenden konnte. Und eigentlich noch nicht mal das. Wirklich überraschend für alle Beteiligten wäre wenn er umgehend nach dem was ihm gesagt wird handeln würde. Auf dem Rückweg bei der Bank halten würde, einen Termin ausmachen oder die Sache gleich regeln würde, denen das Papier da hinlegen würde und sagen deshalb ohne mit der Wimper zu zucken. Das wird nicht passieren.

Ich habe die ganze Zeit während ich das sehe die letzte Strophe eines alten Liedes von Deine Lakaien im Kopf.

Who’s gonna tell me what I want
What’s the difference between now and then
The glass is broken but nobody’s wounded*

Es ist umgekehrt, vielleicht gespiegelt.

 

 

*“Nobody’s Wounded“ von Deine Lakaien (Ernst Horn und Alexander Veljanov) 1986

Advertisements