Kunstworte VI: Klaus Nomi

Mein Brief an Klaus Nomi.

If they saw my face
Could I still take a bow
Will they know me, know me, know me
Now?

Das, lieber Herr Sperber, schrieb Kristian Hoffman für Sie, den sogenannten Nomi Song, nach dem auch später ein Film über Sie benannt wurde, und darin heißt es von Ihrer früheren Mitbewohnerin Gabriele, dass Sie die Person nicht wieder von der Kunstfigur trennen konnten. Sie waren nicht mehr Herr Sperber, mit Vornamen Klaus, sondern Ihrer eigenen Aussage nach Klaus Nomi, I’m from the planet Nomi.

Nomi, das muss ein weit entfernter Ort gewesen sein. Ein großes Versprechen, das Ihre innere Leere füllen würde, etwas, an das Sie sich klammerten obwohl Sie genau wussten der Ort war durch kein Gefühl und keine Handlung zu finden.

Es heißt, mit dem Erfolg stießen Sie Ihre Freunde weg, hatten, auch als es in Ihrem Leben schon etwas gab, das Sie nur zu schmerzlich daran erinnerte, vergessen, dass Sie just a simple man waren.

Die Verführung ist groß, ich verstehe das gut. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Man hat etwas an sich als Mensch mit dem man nicht „hineinpasst“ in die Umgebung und man hat ein Talent. Aus dem Talent wird ein Traum und aus dem Traum die vorgestellte Rettung. So wie Sie schon als junger Mann Opern singen wollten und Sie, den schwulen Konditor, niemand ernst nahm, so nahm mich als junge Frau, als ich noch schreiben wollte niemand ernst. Empfanden wir so. Die Falle fing uns beide. Sie sangen nicht mehr um des Singens, ich schrieb nicht mehr um des Schreibens willen.

Es ging darum sich zu beweisen und seinen rechtmäßigen Platz einzufordern, den andere mit dem Verweis auf unsere Andersartigkeit besetzt hielten. Sie arbeiteten als Schließer in der Berliner Oper, ich wurde Bibliothekarin. Nahe genug dran und im Kopf immer kurz vor dem Absprung in das was wir wirklich waren. Gleichzeitig jedes Mal kilometerweit vom Sprungbrett entfernt, denn wenn wir waren, wollten wir nicht irgendwer sein, sondern jemand. Jemand bestimmtes. Und dazu brauchten wir in der Fantasie das, was so viele Künstler glauben zu brauchen: Absolute Originalität.

So etwas gibt es nicht, aber wer daran glaubt und sich an den Gedanken klammern muss, egal wie oft er dadurch auch fällt, der geht daran zu Grunde oder dreht sich im Kreis. Dieser Kreis nimmt irgendwann zwar Fahrt auf, aber er wird nur schneller, schneller und schneller und führt nirgendwo hin, weil genug und jeder Fortschritt doch immer zu wenig ist.

Sie erfanden in New York, wo sie sich zugehörig fühlten, den Nomi. Traten auf und machten Platten. Wahrscheinlich ging es Ihnen aus Ihrer Sicht meist gut mit dieser Figur, sonst hätten Sie nicht daran festgehalten.

Ich hatte immer Angst davor, dass ich es schaffen könnte mich zu „beweisen“ wie ich es damals verstand, weil das bedeutet hätte, dass ich mich hätte zeigen müssen, exponieren und das war mir ein Horror. Ich habe immer gefürchtet dann meine mühsam erkämpfte autonome Identität zu verlieren. Ich wuchs auf mit Menschen, die nach außen Lügengebilde lebten und irgendwann den Bezug zur Realität verloren haben, teils mit fatalen Folgen für unbeteiligte Personen. Und genau diese Menschen waren es doch von denen ich zum Verrecken nicht abhängig sein wollte. Deshalb wollte ich es ja schaffen. Und natürlich wieder nicht.

Das ist ein Teufelskreis. Sie kennen Ihn. Und Sie kennen auch die Leere, die er macht und die es um jeden Preis zu füllen gilt. Sie hatten da eine Methode. Ich glaube, es war Rosa von Praunheim, der etwas sagte wie, dass viele wechselnde Partner für den Schwulen der Ersatz seien für den Einen. Und den hätten Sie möglicherweise gebraucht, waren aber zu dem Zeitpunkt schon so sehr Nomi und so wenig Klaus, dass sie keine Beziehungen mehr aufbauen konnten. Ihre Ambitionen, sagen Zeitzeugen, überschatteten alles, Freundschaften zerbrachen, weil der Nomi immer und immer perfekter sein musste, immer mehr und mehr Professionalität aufweisen musste.

Ich kenne das vom Schreiben, Herr Sperber. Ich stelle mir eine ähnliche Unruhe und Panik bei Ihnen vor (die man freilich nicht als solche benennen kann und die es zu unterdrücken gilt) wie bei mir als ich zwanghaft Teilstücke wieder und wieder überarbeitete und letztlich zerschrieb, bis ich sie in Erschöpfungszuständen aufgab und verfluchte. Das füllte meine Leere und wenn der Moment vorbei war, war sie größer. Ich habe mich nie so an Menschen gehangen wie andere das tun. Ich komme aus einer Welt, in der man einander bis zur Hörigkeit gehört und ich wollte immer frei sein. Als das nachließ waren – und sind – mir zum Erstaunen vieler aus ähnlichen Verhältnissen stammender beständige und tiefe Freundschaften wichtiger als Beziehungen. Ich kann das, was andere in einer Beziehung erhoffen auch in einer Freundschaft finden.

Sie konnten es nicht. Sie fanden GRID. Als einer der ersten berühmten Fälle. Ihnen sollten andere, auch Ihnen bekannte folgen.

In Deutschland waren Sie trotzdem fast niemand. Selbst Ihre amerikanischen Wegbegleiter sagen, Sie wären genau so rasch weg gewesen wie Sie plötzlich aufgetaucht waren, man hatte Sie bald vergessen. In Frankreich bekamen Sie eine goldene Schallplatte.

From ancient worlds I come
To see what man has done
What’s fact and what is fiction
To touch the contradiction

Es heißt, Keys Of Life sei das einzige Lied, das Sie selbst geschrieben und vollendet haben. Der Oper kam Ihr Tod dazwischen. Wem hätten Sie die eigentlich zeigen wollen? Hätte die ins Village gepasst? Oder wäre sie nur ein weiterer Schubs am Kreisel gewesen, weil Sie sich mit dem Publikum verschätzt hätten? Haben Sie begreifen können warum Ihre Inszenierung funktionierte als Sie die Arbeit daran aufnahmen? Irgendwann hätten Sie die Mechanismen durchschaut. Vielleicht hätten Sie dann etwas anderes gebraucht um die Leere zu füllen oder zu ertragen, dass Sie eben doch Klaus Sperber waren.

Da wo Sie jetzt sind können Sie Ihrem Wunsch nach Arien mit Maria Callas singen.

Danke!

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4 Gedanken zu “Kunstworte VI: Klaus Nomi

  1. „Ich komme aus einer Welt, in der man einander bis zur Hörigkeit gehört und ich wollte immer frei sein.“

    Aus dieser Welt komme auch ich.
    Du hast ein großes Talent mit Worten und ein gutes Gespür für Abgründe und Tiefen.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich danke einfach mal, denn es ist schwer etwas dazu zu sagen, weil sich vieles nur erspüren lässt, deshalb war auch dieser Brief im Besonderen sehr lange in Entstehung.

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    1. Verdient vielleicht, aber er soll ja auch willige und fähige Leute von sich gestoßen haben, da beißt sich die Katze in den Schwanz, finde ich, eine klassische Form von Selbstblockade wenn das Ego zu stark wird.

      Es ist übrigens interessant, dass wenn ich Nomi offline erwähne ihn kein Mensch kennt oder kennen will, aber meine Leser kennen ihn – spricht für deren Qualität 😉 – und jedes Mal, wenn ich einen Post über ihn habe rast das jeweilge Ding durch die Wand was die Aufrufe betrifft. Was natürlich gut ist, es wäre nicht schlecht gäbe es mehr Klaus-Fans.

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