Am Fenster

oder: Gestern beim Einkaufen
andernfalls: Wir sind schon komische Leute

„Eine Frau steht vor einem Fenster und betrachtet ein Buch“, sagt der Mit-Künstler zuerst nachdenklich und nach einer halben Minute Stille noch einmal schmunzelnd. Das Glas mit der Spiegelung wirft mir dieses Lächeln zu und ich muss in dem Moment selber an diesen Satz denken, den ich damals im Macke-Brief erwähnte, den mit der Frau und dem Kleid.

An uns vorbei gehen Leute, neben uns wühlen welche auf Tischen, andere drängen sich in beide Richtungen durch die Tür, aber es gibt nur uns in der Scheibe. Obwohl ich sie alle auch sehen kann. Uns und diese Stille. Die Stille im Lautsein, die nur ein Moment lang Stillsein ist. Stillstand, Momentpräsenz.

Ich warte auf das charakteristische Ich fass es nicht! und das Kopfschütteln und weiß genau, es wird nicht kommen. Und wenn es kommt, dann werde ich es nicht sehen, weil ich auf die Bücher unten in der Auslage sehe. Es ist ganz seltsam, das habe ich lang nicht mehr getan.

Früher verband ich häufig bestimmte Papiere oder Kladden mit einem bestimmten Text, redete mir ein, sein Gelingen könnte davon abhängen ob er nun in diesem oder jenem Notizbuch entstünde und brachte stundenlang in Papeterien zu. Bis ich ging, entmutigt und traurig, dass ich mir diese Bücher ja doch nicht kaufen könnte. Das, was ich mir einredete würde den Durchbruch eines Projektes bedeuten musste ich sein lassen. Zurück und damit auch scheitern.

Ich bin Papiermensch. Schöne Bücher für das, was ich schrieb und für jeden Text ja das passende Papier waren der einzige Konsumfetisch, den ich je hatte. Ich, die aus der materiell fixierten Familie. Nur selten habe ich etwas gehabt und noch weniger gekauft – manchmal tauschte ich etwas -, das, was ich wollte oder zu brauchen meinte war für mich oft unerschwinglich.

Mit dem großen Kollaps verschwand auch dieses Interesse. Mir waren die Bücher plötzlich so egal als ob sie mich nie interessiert hätten.

Schräg unter meinen Augen stehen unterschiedlich hoch verschiedene Paperblanks. Die großen, deren Preis mir eine Woche Nahrung bezahlen würde oder zwei – überstädtische – Fahrten zu Mikesch, jeweils hin und zurück. Das sind die Kategorien, in denen ich denke.

All diese Bücher sind aus der Serie mit den Handschriften. Da stehen Monet in hell und dunkel, Einstein, Austen, Wordsworth, Mozart, Poe, Hugo und Woolf. Das, was den Mit-Künstler zu seiner Bemerkung veranlasst ist der Hugo. Ich habe Die Elenden nur übersetzt und in einer gekürzten Fassung gelesen und ich mochte das Buch, aber ich hatte keine besondere Bindung dazu. Die müsste ich hier bei Woolf und den Monets haben, Wordsworth vielleicht noch, auch wenn ich nicht viel von ihm kenne. Von Hugo las ich auch nur das eine. Es ist noch nicht mal die Aufmachung des Buches, die mich fasziniert (obwohl sie wirklich sehr schön ist), es ist, dass ich versuche die Schrift zu lesen, obwohl ich kein Französisch kann, und dabei vor Augen habe wie ich genau dieses Buch mit meiner eigenen füllen würde. Morgens bei den Seiten, nicht mit einem Text im eigentlichen Sinne. Die Morgenseiten sind eine Art Meditation für mich, automatisch und ohne zu denken, einfach der Fluss und die Tinte. So wie da auf dem Buchdeckel Victor Hugos Schrift fließt, sie ist nicht eigentlich lesbar. Meine ist es zu sehr und dann zeitweise auch wieder gar nicht. Und genau das ist es: Der Fluss, den man da in der Schrift sieht, weniger die Geschichte dahinter.

Der Mit-Künstler sieht sich das bestimmt minutenlang an. Ich habe keine Ahnung wie lange ich am Fenster stehe. Und dann bricht er es wie in einer Szene, so dass das alles nochmal surrealer wirkt.

„Eine Frau steht vor einem Fenster und betrachtet ein Buch“, wiederholt er.

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900 Sekunden

Da sitzt dieses zerbrochene Männlein.

Ich weiß nicht ob ich das begreifen kann, weil in den Papieren nichts steht, das nicht schon Jahre da gestanden hätte. Es ist nur anders formuliert. Das was bis jetzt nach ambulanten Diagnosen als eines zusammengefasst wurde und deshalb abstrakt bleiben konnte ist jetzt aufgefächert in einzelne Komponenten, die jede für sich eine Diagnose ergeben und in der Ballung unsere Situation.

Es ist alles beim Alten. Deshalb begreife ich die Reaktion nicht. Sehe auch keinen Vorteil darin, dass ich diese Fachsprache verstehen gelernt habe.

Nichts ist mehr wie sonst. Deshalb begreift das zerbrochene Männlein meine Reaktion nicht.

Versteht nur, dass die Menschen im Büro ihm Fragen stellen und ihm sagen was auf ihn zukommt. Er soll die Konten trennen, damit Mikesch wenn sie – wann auch immer – nach Hause kommt nicht mehr an sein Geld kann. Das sage ich ihm seit Jahren, wenn er sich darüber beklagt, dass sie das gemeinsame Konto mal wieder bis zur Sperrung geräumt hat und er ohne einen Cent in der Pampa sitzt. Das ist seine Sache. Er soll dem Hausarzt die Situation klar machen und zusehen, dass er einen anderen für Mikesch findet. Nicht mein Problem. Auf ihn als Ehemann hört so ein Arzt noch als erstes, deshalb sagen die Menschen im Büro, ist er auch der erste Kandidat falls gerichtlich die Gesundheitsfürsorge an jemanden geht.

Weniges davon ist überraschend. Nur dass er so Vieles davon ausblenden konnte. Und eigentlich noch nicht mal das. Wirklich überraschend für alle Beteiligten wäre wenn er umgehend nach dem was ihm gesagt wird handeln würde. Auf dem Rückweg bei der Bank halten würde, einen Termin ausmachen oder die Sache gleich regeln würde, denen das Papier da hinlegen würde und sagen deshalb ohne mit der Wimper zu zucken. Das wird nicht passieren.

Ich habe die ganze Zeit während ich das sehe die letzte Strophe eines alten Liedes von Deine Lakaien im Kopf.

Who’s gonna tell me what I want
What’s the difference between now and then
The glass is broken but nobody’s wounded*

Es ist umgekehrt, vielleicht gespiegelt.

 

 

*“Nobody’s Wounded“ von Deine Lakaien (Ernst Horn und Alexander Veljanov) 1986

Salma und die Sucher-Ei

Erst Weihnachtsgeschichten, dann Wortbedeutungen.

Weiß jemand von Ihnen etwas über dieses Fest am Ende vom März (dieses Jahr) für das die Hasenschokolade [Salma sagt nicht Schokoladenhasen] verkauft wird und für das man Eier bunt einfärbt zu erzählen?

Ich muss mal wieder passen. Dieses Mal nur bedingt aus den Gründen von Dezember, eher weil das bei uns nie gefeiert wurde. Wir bekamen irgendein übermäßig großes Geschenk, über das wir uns zu freuen hatten und dann hatten wir ruhig zu sein. Mein Vater hat pappträgerweise buntgekaufte Eier [wir machen doch so was nicht selber] gefuttert, Mikesch Unmengen Schokolade von Milka. Das war das ganze Fest.

Die Philipp-Mama hat Hefekranz gebacken und Eier an den Strauch vor der Tür gehangen. Also muss es mehr geben, das damit in Zusammenhang steht.

Schulmappen-Geschichte

Mein Tisch, mein Sessel, mein Morgenkaffee und mein Federmäppchen von früher. Das war alles.
Da schrieb ich diese kleine, fiktive Geschichte für Jutta über etwas, das Millionen Kinder meiner Generation im Westdeutschland der 80er Jahre erlebten und bringe so einen schönen Stein in Form einer tollen, informativen und inspirierenden Diskussion ins Rollen.
Der Amigo gegen Scout-Konflikt war meiner Generation eigen. Wir hatten ein ganz besonderes Verhältnis zu unseren Schultaschen, eines das keine Generation davor oder danach gehabt zu haben scheint.

Oder täusche ich mich?

Haben Sie auch was zu erzählen zu dem was zunächst Mappe, dann Ranzen oder Tornister hieß? (Hat jemand vielleicht sogar Geschichten aus der DDR?)

[Ein wahres Erlebnis erzählte ich schon einmal hier.]

Tabula rasa

Und könnte man doch tatsächlich aus dem Wachs einer Tabula rasa als Materie eine Form erschaffen. Etwas, das nicht im ersten Sinne eine Kerze ist, wenn wir hier die Kerze als Lichtspender ansehen, und doch eigentlich genau das, ohne dass es so aussieht.

Meine Wachstafel hat schon leichte Kratzer, das merke ich seit Wochen. Ich könnte mal wieder eine Geschichte erzählen, seiltanzen gehen. Das habe ich irgendwann, ich glaube schon nach Mikeschs Verlegung, mal hier erwähnt und offenbar übe ich auch ganz fleißig. (Das ist gelogen, ich mache es, weil ich es mache. Und auch wieder nicht, es gibt sie ja doch, die ein oder andere fiktive Spielerei.) Und so langsam aber sicher presst sich etwas durch die Wachsschicht.

Ich könnte mir täglich eine Stunde nehmen und einfach lassen, ohne Nachzudenken oder zu wollen.

Ich merke, ich stelle mir die richtigen Fragen.
Aus wessen Perspektive erzähle ich?
Wie heißen diese Figuren?
(Ein Name ist für mich nicht von der Identität trennbar.)
Es hieß früher, meine männlichen Charaktere seien glaubwürdiger.
Früher ist schön länger her.

Und könnte man doch tatsächlich aus dem Wachs einer Tabula rasa als Materie eine Form erschaffen. Ich verärgere meine Figuren bevor sie auf dem Papier stehen weil ich „man“ statt „ich“ sage, obwohl ich weiß, ich bin möglicherweise die einzige hier, die das so erzählen kann. „Hier“ mag in den Fädenrissen sein oder der reale Ort. Außer mir kann es vielleicht noch die Violinistin, aber die glaubt, sie hat keine Hand für Wachstafeln. Wer aber nicht mit Wachstafeln kann, musste ich lernen, kann nicht gegen die Minenfelder und das Papiergetier. Wird sehr wahrscheinlich sogar gefressen, egal wie viele Patronen er im Füllhalter verschossen hat.

Ich gehe jetzt aufräumen, damit die Wachstafel Platz hat.