Kunstworte IV: Christa Päffgen/Nico

Der vierte Brief in diesem Projekt geht an Christa Päffgen. Er hat die Besonderheit, dass ich darin eigentlich nichts von mir anspreche, sondern Dinge aus ihrem Leben, die ich auch im Leben meiner Eltern wiederfand. Ich finde sie auch in Bezug auf ihr Werk nicht unproblematisch. Päffgen (1938-1988) war unter dem Namen Nico ab den 50er Jahren zunächst Modell, dann Schauspielerin und später Sängerin. Sie starb an einer Hirnblutung, die möglicherweise mit ihrer jahrzehntelangen Heroinabhängigkeit in Verbindung gebracht werden kann.

Wie ist das, liebe Christa, wenn man immer seine Biographie abändert? Unzählige Väter aus dem Hut zieht und sein Geburtsdatum ändert? Wie fühlt sich das an mal so, mal so zu erzählen? Sich auf diese Art an den Halm zu klammern, auch noch während man den anderen, den Körper nicht mehr hat? Ich würde gern sagen, dass ich Sie wegen der Probleme meiner Mutter (18 Jahre jünger als Sie) frage, aber das ist zum Teil erlogen, denn ich möchte das wissen, weil ich diese Denke nachvollziehen können möchte. Meine Mutter hat keinen Körper wie Sie ihn hatten, aber sie hatte ganz ähnlich höhere Ambitionen. (Ist aber leider völlig unbegabt. Machte sich aber gut als Verkäuferin.) Vielleicht hat meine Mutter Sie einmal als Werbegesicht gesehen, ansonsten kannte sie Sie nicht. Ihr ist auch Delon egal, La Dolce Vita ist ein Eiscafé, Warhol ist ihr kein Begriff und auch die Velvets kennt sie nicht. Ihr Freund Herbert Tobias ist ihr unbekannt. Mehr müssen Sie dazu nicht wissen.

Vielleicht braucht es Ihr Geltungsbedürfnis, dass mich nicht nur interessiert wie sich jemand so kaputtwracken konnte, sondern auch, dass The Marble Index eines der wenigen Alben überhaupt ist an dem ich als ich noch spulte nicht rumgespult habe. Mich interessiert Ihre Rolle bei Velvet Underground nicht, da ging es doch gar nicht um Sie, das bilden Sie sich ein.

Es heißt, sie waren ein Monster, glaubt man James Young. Menschen können durch die Krankheit monströs werden, aber die Anlagen, die sind vorher schon da. Monstertum kommt nicht durch Fixertum, obwohl das Fixertum meist doch das Schlechteste aus dem Menschen herauskehrt. Christa, ich will wissen wie Sie ein Monster geworden sind. Das interessiert mich an Ihnen. Was kratzt mich Ihr Ruhm? Einen Scheiß. Ihre Gönner hatten selber Probleme, die Ihres Freundes Tobias sind bekannt, die der großen Tunte Warhol auch, Lou Reed, von dem Sie empfanden, er neidete Ihnen etwas, hatte es auch nicht einfach. Und wer weiß schon bei jemandem, der so beliebig mit seiner Biographie umging ob John Cale Sie in Ihrem letzten Lebensjahrzehnt wirklich abgezogen hat. Christa, das ist kein Vorwurf. Auch mein Vater – ich bestehe darauf einen zu haben! – erfand sich eine andere Biographie und um die zu decken auch meine Mutter, indem sie seine übernahm. So sehr bis keiner von beiden mehr wusste wer sie eigentlich waren und dass es sich um zwei Einzelpersonen handelte. Ich will wissen wie das geht. Sie heißen Christa und kamen aus Köln. Da endet es aber auch. Es gibt über alles andere Unsicherheiten. Meine Eltern waren auch so und beide haben noch heute sämtliche Väter, die es nicht gibt um nicht den einen, den sie jeweils tatsächlich haben, zu haben. Papa, Papa, wo warst du im Krieg? Was hast du gemacht? Du warst zu jung? Ach so, okay. Dann ist es nicht deine Schuld. So stelle ich mir die inneren Dialoge dieser zwei Wirtschaftswunderkinder vor, die all die schönen Sachen bewundert haben, die Sie beworben haben, Christa. (Ja, es gibt mehrere Quellen darüber, dass Ihnen der Name zu deutsch war.) Der Junge hat sie vielleicht auch gehabt, einige der schönen Sachen, das Mädchen entschied sich koste es was es wolle es muss den einen Weg gehen, den es gibt um an diese schönen Sachen zu kommen, und noch mehr, auch alle, die es nicht gibt. Kommt Ihnen das bekannt vor? Kennen Sie das?

Ich grüße Sie.

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4 Gedanken zu “Kunstworte IV: Christa Päffgen/Nico

  1. Obwohl du schreibst, dass der Brief nicht biografisch ist, scheint er für mich sehr „nah“ zu sein. Ich meine nahezu zu spüren, dass Christa Ähnlichkeiten mit deinen Eltern hat. Und mich macht es wütend, wenn jemand Dinge erfindet, insbesondere, wenn es die Eltern sind. Das ist verwirrend und verbreitet Unsicherheit, die alle um sie herum, die mit dieser Person/Personen im Kontakt sind, nicht nur aushalten müssen, sondern die sie ebenfalls in eine Verwirrung stürzen. Geht es darum?

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    1. Im Gegensatz zu den anderen „Briefen“ ist er nicht biografisch. In den anderenb „Briefen“ beschäftige ich mich mit etwas von mir, hier mit etwas mit dem ich zwar auch zu tun habe, aber nicht so direkt. Das mich aber natürlich auch beeinflusst.

      Meine Eltern, insbesondere mein Vater und da hangen wir ja alle dran, sind – ich will nicht „waren“ sagen, da beide noch leben – Menschen, die kurz gesagt für Öffentlichkeit alles gemacht haben. Insbesondere mein Vater auch auf Kosten anderer Menschen, die dadurch erheblichen Schaden erlitten haben. Um diese Öffentlichkeit zu bekommen musste er sich eine komplette Persönlichkeit erfinden und er hat auch Dinge über uns erfunden und diese von ihm erfundene Person definierte sich nicht nur wie bei Christa über äußerliches sondern wie bei ihr auch darüber „Ich bin XY, deshalb steht mir das und das im Leben zu“ (sie hat bis zu ihrem Lebensende immer wieder ihre Warhol-Zeit an die Glocke gehangen und bei Warhol um Geld geschnorrt). Und diese Persönlichkeit konnte sich danach ändern wie sie ihm gerade die meiste Aufmerksamkeit brachte, Hauptsache er war der Star des Geschehens. Das konnte Nico auch gut. Mit meiner Mutter ist ganz stark die Paralelle, die auch im „Brief“ benannt wird dieses unbedingt „Habenwollen“ von Status und den dazugehörigem Klimbim und dafür eigentlich alles machen, sich aber gleichzeitig „zu fein sein“ etwas dafür zu tun. Wie das endete, welchen Weg sie also sah, sieht man ja am Ende vom Brief, beziehungsweise kann es erahnen. Und da sie keine eigene Identität hat – das war wie Verschmelzung, sie hat sich fast wie einen physischen Teil von meinem Vater gesehen, ich weiß noch, dass sie sich umbringen wollte, als er sie damals verlassen hat, mein Bruder war da noch ein Kind, weil sie dachte, sie überlebt das nicht – wurde sie eben auch immer mehr zu eben so einer Kunstperson. Das ist mit ein Grund warum sie später süchtig wurde, das fing erst an als mein Stiefvater nüchtern wurde (dann hätte sich etwas geändert, das sie gezwungen hätte sich zu ändern und das war lebensbedrohlich, weil sie sich überhaupt nicht kennt, sie hat zum Beispiel auch eine stark eingeschränkte Mimik, weil Emotionen etwas sind mit dem sie nicht umgehen kann und das folglich abgespalten wurde). Ich weiß nicht ob das erklärbar ist, eigentlich muss man die Leute sehen um das zu verstehen. Und natürlich ist so was sehr verwirrend, besonders als Kind weißt du irgendwann nicht mehr was wahr und was falsch ist. Besonders bei so einer „Bühnenperson“ allerdings auch nicht als Erwachsener, weil du irgendwann nicht mehr weiß was ernstzunehmen.

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      1. Du schreibst „ich weiß nicht ob das erklärbar ist“, aber bei mir kommt ein Bild davon recht deutlich an. Naja, natürlich ist das mein Bild, denn eine Vorstellung von einer Sache ist ja immer recht subjektiv… Ich kann mir gut vorstellen, dass es schwierig wird als Folge zu wissen, wann etwas ernst genommen werden kann. Und genau das machte mich beim Lesen vorhin so wütend- dass so etwas ausgelöst wird in anderen.

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        1. Dann ist es dir erklärbar, bei anderen Leuten, relativ vielen, formt sich kein Bild. Das kann ich vorab nicht einschätzen, weil man das aud der Warte aus der ich das sagen muss immer anders sieht. Möglicherweise liegt ob sich jemand einlassen kann und möchte daran: ich glaube, es gibt viele Menschen, die sich schützen müssen und deshalb „blocken“ müssen.

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