In Gebirgen tanzende Tonmusiker

Weil es so schön zum Artikel drunter passt:

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Das wird wohl nichts

Ich glaube, das wird nichts.

Dabei hat Juttas Geschichtengenerator doch diese Woche so ziemlich mein Lebensthema.

Eine ihrer Generatorkarten, deren Inhalt man in eine Geschichte, Skizze, was auch immer einbauen kann lautet Flo (Junge oder Mädchen?) und wäre das mit der Inspiration und dem Fluss so wie häufig in der öffentlichen Meinung verlautbart, weil ein Schreiber in dieser grundsätzlich vor Ideen sprüht, dann müsste ich gerade bei dem Thema doch auch als unwillige Schreiberin eine Tintenpatrone nach der anderen leeren ohne mittendrin aufzuhören. So als gebürtiges weibliches Kind mit etwa zeitgleich eingetragenem und später teuer angeglichenem alleinstehendem männlichen Vornamen.

Wenn das so einfach wäre, müsste mich doch sofort und ganz authentisch in beispielsweise eine Florentine, aus der gegen ihren Willen überall Flo gemacht wird („Dein Name ist halt so lang“…) hineinversetzen können. Insbesondere wenn die dann auch noch mit Florian angesprochen wird, weil niemand weiß wen er zu erwarten hat. Das wäre eine einfache Variante.

Zu einfach. Auch wenn es eine bayrischstämmige Florentine wäre, deren Eltern mal was Besonderes machen wollten und statt nach Berlin (macht jeder) nach Düsseldorf abgehauen sind. Da könnten sie in den 70er Jahren nicht versucht haben Bowie (der war sowieso in Berlin) sondern auf der Jagd nach dem heiligen Kling-Klang Kraftwerk zu treffen. Immerhin sind sie ja von der Provinz aus lange gefahren auf der Autobahn und interessieren sich für Roboter und den TEE. Ralf bekommen sie nicht als Mädchennamen durch, Wolfgang auch nicht und könnte auch gut der Vater geheißen haben, Karla klänge bayrisch-provinziell und Florian ist ein bayrischer Traditionsname, wenn man da Florentine draus macht merkt keiner, dass man hier genau so fremd ist wie die ganzen Gastarbeiter. Besser noch nimmt man den Namen Flora, dann kann man das Kind hinterher mit der Margarine hänseln (was die Eltern natürlich nicht wissen). Das packe man alles in einen Topf, schüttele, und weil dergl keine schönen Geschichten kann erhalte man mit der ausgewachsenen Flo ein passiv-aggressives Ekelpaket.

Zu einfach.

Ich könnte es natürlich für andere etwas schwerer verständlich und für mich realistischer machen und beispielsweise von einer weiblichen Augustin erzählen. Die hätte mein Endungsproblem und müsste wohl ebenso wie ich einen Verwaltungsakt anstrengen um eine Augustine zu werden. [Mein eigener Name passte etwas mehr in die Zeit.] Das ginge auch mit einigen anderen, besonders in Bayern verbreiteten Namen. Da gab es Severins (männlich) und Severines (weiblich), bei denen bei der Anmeldung was verkehrt gelaufen sein könnte. Aber auch eine norddeutsche Kerrin [was keine zwangseingedeutschte, englisch gesprochene Karen darstellen soll], die einen bei sich so vorkommenden Namen hat wäre möglich, die bekäme dann in einem nicht norddeutschen Bundesland genauso wie Augustin oder ich selbst früher Post an Herrn… und müsste sich andauernd rechtfertigen.

Oder ich könnte mit Gruß an den Handschuhschenker eine Frau auftreten lassen, der ein Männername, der seinem ähnlich ist eingetragen wurde. Eine Herwig, die eine vermasselte Hedwig ist oder eine abgeleitete Hergard oder Herlinde darstellen soll. Der blöde Witz aus seiner Kindheit würde übertragen möglicherweise eine Sexismus-Debatte auslösen, keine gute Idee also.

Oder, nach dem selben System, eine Irmfried, deren Name als weiblich im Amt definiert wurde weil Irmgard, Irmtraud, Irmlind und Irma weiblich sind.

Natürlich könnte ich auch einen falschgeschrieben Hilma, Helma, Elma, Sigma, Reima, Ingma (alles weibliche Schreibweisen, die entsprechenden Männernamen enden auf r) so dann und wann mal einen Tobsuchtsanfall ausgelöst durch entsprechende Identitätsprobleme bekommen lassen…

Ich glaube, das wird nichts.

Neues von Mikesch

Mikesch hat ihr Handy bekommen oder darf es benutzen, ich weiß nicht wie das gehandhabt wird, und hat einen großen Mitteilungsdrang.

Ich soll zu Besuch kommen und der David Bowie ist tot, schon länger, aber das hat sie jetzt erst erfahren, und der Diddl-Maus-Junge hat gestern einen Pfleger angerempelt, weil er sie besuchen wollte und nicht rein gelassen wurde und wurde dann rausgeschmissen und sie hat mir schon drei Joghurt vom Mittag aufgehoben, die muss ich bald holen kommen, die sind nämlich nur dieses Jahr und nur noch bis 13. Februar haltbar [da sie keine Milchprodukte isst oder erwirbt ist ihr Erstaunen darüber durchaus glaubwürdig] und außerdem hat sie schon ein Bild gemacht, das will sie mir zeigen.

Ich komme nächste Woche. Das weißt du, das ist abgesprochen.

Nee. Warum nicht morgen? Ich darf schon in den Garten gehen. Ist doch Sonne.

Weil du erst nächste Woche Besuch bekommen darfst.

Ich hab schon ein Bild gemacht. Aber nicht gemalt. So mit Knubbels das Bild.

Sie meint ein Klebebild mit Papierkügelchen. Es sei eine Blumenvase drauf. Blumenvasen sind doof, die anderen Vorlagen fand sie kindisch. Außerdem hat sie gefuscht, da wo die roten Kügelchen hin sollten hat sie weiß gemacht. Und kann ich mir das vorstellen, da in dem Raum hängt ein Bild von van Gogh. Komisch wie viele Leute den kennen…

Gedenktag

Heute wird den Opfern des Nationalsozialismus gedacht, dazu gehören auch die Opfer der sogenannten Euthanasie.

Nicht nur hatte unsere Künstlergruppen-Violinistin das Glück ein paar Monate „zu spät“ geboren zu sein, es gäbe auch kein Atelier-Kind und keine Atelier-Kind-Familie (Gehörlose galten als „erbkranker Nachwuchs“), keine dergl (auch Kunstfehler wurden beseitigt) und beispielsweise, wäre er Deutscher, keinen Edward Snowden (er hat Epilepsie). Die Band Joy Division, die ich sehr schätze, und ihr Nachfolger New Order wären nicht möglich gewesen. Ian Curtis hatte Epilepsie und Bernard Sumner hätte gar nicht zur Welt kommen können, da seine Mutter Laura Cerebralparese – eine andere Form als ich – hatte.

Der Maler Gerhard Richter wurde unter anderem durch ein Portrait seiner Tante, einem Euthanasie-Opfer bekannt. Die Perlengazelle hat die Geschichte dazu irgendwann einmal unter dem Titel Eine Art Familientreffen erzählt.

Auch viele, viele andere Menschen, die wir heute als berühmt wahrnehmen – und das unterschlägt noch die vielen, die es nicht sind und die es trotzdem gibt – obwohl sie „anders“ waren oder sind wären, hätten sie zu der Zeit gelebt und wären Deutsche gewesen, „weg“ gewesen. Bei den Künstlern zum Beispiel Camille Claudel, Vincent van Gogh, Andy Warhol (hatte nach einer Erkrankung in der Kindheit motorische Störungen), Mark Rothko, Elfriede Jelinek (ein „Psycho“)

 

Die Liste kann gern erweitert werden.

Gedanken zum Thema Seiltanzen

Gerade in all dieser Zeit an die ich mich nicht gewöhnen kann, könnte ich neben all dem, das ich ohnehin tun könnte, dem einen und den Mengen der anderen Dinge, etwas besonderes tun.

Ich könnte Seiltänzerin werden.

Denn zwar habe ich diesen Monat eine Offerte für einen Kindertext – ein Genre, das ich einfach nicht kann – ausgeschlagen, aber, ich habe das vereinzelnd in den letzten Monaten erwähnt, ich beginne wieder Filme zu sehen. Für eine Filmemacherin nichts ungewöhnliches natürlich. Und ich weiß, dass ich mittlerweile wieder transkribieren kann. Ich könnte, in ewiger Nähe zum Überlebungsmechanismus, den ich vor allem in Kommentaren mehrmals erklärte, versuchen eine Geschichte zu erzählen.

Das Dumme dabei ist zum einen die Sprache, es wäre fiktiv und klänge möglichweise dennoch wie hier, weil das eine eben das andere prägt, und zum anderen geben einzelne Szenen noch keine Geschichte.

Ich weiß, ich könnte eine Mischung aus einem uralten Text (vor zwölf Jahren abgebrochen), bei dem mir die Handlung und der Spielort gut gefallen (außerdem das Handwerkliche) und der der einzige ist, den ich aus dem Zeitraum nicht vernichtet habe – weil er mir so gefällt – und einigem von dem machen, dass mir seitdem begegnete. Ich könnte eine Protagonistin schreiben, die eine Mischung aus diversen Typen darstellt, die mir vor allem in der Umschulung begegneten, Frauen mit typischem „behinderten“ Lebenslauf. Sie wäre daher nicht wie ich, meiner ist untypisch, aber doch nicht anders. Ich könnte sie wie K. aus meiner Umschulungszeit Süchtige werden lassen [K. war nicht süchtig weil sie ein Handicap hatte, süchtig geworden wäre sie auch so, muss man so oft dazu sagen, dass es zum automatisiertem Reflex wird. Überdies gelten nach einigen sozialen Definitionen von Behinderung Suchterkrankungen als „psychische Behinderung“, unter anderem in der beruflichen Rehabilitation] Allein das macht noch keine Handlung.

Ich weiß auch, dass es quasi-historisch werden würde. Das ist immer so. Ich könnte etwas, das war erzählen. Bei mir haben Leute niemals Smartphones oder nutzen dauernd ihre Handys, ich kann mir nicht vorstellen über jemandem mit MP3-Player oder E-Reader zu schreiben. In dem Text von 2004, der damals in der Gegenwart spielte, gab es kein Internet. Ich hatte selbst keins und die meisten Menschen, die ich damals kannte auch nur begrenzt. Das war noch nicht so wie heute. Damals zerbrachen reale Freundschaften noch nicht weil ein Teil nicht bei Facebook und Co. mitmachte. Aber auch ein solcher Text muss sich irgendwo hin entwickeln, nicht nur innerhalb des Charakters, sondern auch äußerlich im Sinne der Zeit.

Als Seiltänzerin müsste ich das alles wieder sehr genau planen. Will ich doch gar nicht.

Morgenlicht

So viel Zeit an die man sich nicht eigentlich gewöhnen kann. Ich meine ich mich nicht, aber zu sagen man ist leichter weil es entpersonalisiert und „man“ sich sagen kann andere kennen das auch. Und ich meine seit Mikesch stationär ist und ich das erste Mal in Jahren so was wie „Urlaub“ habe. Es gibt das eine, das ich tun könnte, und anderes in Mengen, aber es will nicht einsinken, dass ich dafür jetzt die Zeit habe, weil ich egal was ist nicht zuständig bin. Es will nicht in meinen Kopf. Mich kann gerade niemand wegen irgendetwas verständigen. Das ist so gut, dass es unglaublich ist.

Und das macht diesen Zustand zur Hetze. Im Kopf ein ewiges Wenn nicht jetzt, wer weiß… und der Gedanke, dass die Zeit mir wegkommt, wenn ich nicht sofort beginne. Gleichzeitig diese Erschöpfung nach dem langen Tanz auf der Stromleitung. Und das Warten, dass es wieder losgeht. Wie ein Rückfall in alte Verhaltensmuster. Aber auch ganz anders, den Hebel aus der öffentlichen Wahrnehmung, den man einfach nur umlegen muss gibt es nicht.

Elendiges Drauf-Gedrilltsein und das (W)wissen*: andere in ähnlichen Situationen kennen das auch.

*Wie Sie es lesen wollen.