Kunstworte II: Elfriede Jelinek

Mein Brief an Elfriede Jelinek ist eine Besonderheit in diesem Projekt. Er beginnt mit Anrede und einem Satz in Briefform, fällt dann aber in eine Form wie Jelinek selbst sie in ihrer Prosa verwendet. Das war ein Experiment und ich vermute so wie es viele Menschen gibt, die in Jelineks Texte nicht „reinkommen“ (mein Buchhändler hat das mal so ausgedrückt: „Ich komm nicht rein“), wird auch dieser „Brief“ vielen unverständlich bleiben. Wenn man ihr Werk kennt, findet man möglicherweise die Stellen, die sich auf ihren Einfluss auf mich beziehen.

 

Hi Elfriede,

ja, da staunen Sie, dass ich Ihnen schreibe, nicht wahr? Ist gut, ich weiß schon. Eigentlich.

Eigentlich müsste man. Es ist klar, dass man eigentlich müsste. Aber – ja doch! – keiner weiß was. Ich hatte zu viele irgendwann, die eigentlich NIEMALS sind, weil ich einfach nicht angefangen habe. Das ist schon ein komisches Wort, dieses ICH meine ich. Wer ist das denn, diese Endsilbe von LÄCHERLICH – nun gut, wenigstens ein Teil davon, die letzten drei Buchstaben, ich geb’s zu, aber ich war ja schon immer die Dritte, das ist eben so, mich gibt es nicht anders – Oh halt, ich vergaß, das Wort lächerlich kennt man in meiner Familie gar nicht, das darf ich eigentlich gar nicht sagen. Dumm nur, dass man die Sachen, die man eigentlich nicht kennt immer so sichtbar nach außen trägt. Vielleicht liegt es ja daran und ich denke mal wieder zu kompliziert. Was man anhat, nein, was sage ich, was man trägt, das sieht man im Normalfall nicht selber. Habe ich wenigstens so gelernt. Und spiegeln gilt nicht. (Angstmachen dafür umso mehr.)

Eigentlich müsste man. Ja, was denn nun? Immer. Oh, was sich da die Industrie freut! Inkontinenz für alle! Arbeitsplätze! Yeah! Los, fangt an zu scheißen. Und seht dabei gefälligst von wem ihr wirklich beschissen werdet. (Die werden so oft übersehen. Arme Bescheißer!) Nicht von Leuten wie mir, auch nicht von Ihnen, Elfriede, und von Flüchtlingen gleich gar nicht, wir bescheißen alle niemanden, auch nicht so in echt von „Islamisten“. Überhaupt, wäre das nicht eher das deutsche Kolonialvolk auf Mallorca? Isla heißt spanisch Insel. Misten. Mist machen auf der Insel. Kleinvieh macht auch Mist. Nur hier nicht natürlich das Schlachtvieh, denn das kann sich verreisen gar nicht mehr leisten, weil es so viel bei dem anderen Vieh ausmisten muss oder bestellten Mist hinbringen oder dessen Mist ausbaden. Dass wir uns da verstanden haben (Sie und ich sowieso)! Bei dem Misten auf der Insel wird doch jede Menge geballert und die ganzen kleinen Feiglinge geköpft. (Hängen da auch diese hübschen Poster mit den Soldaten?) Vor Leuten, die sowas machen habe ich viel begründeter Angst.

Was? Mein Bruder nach Malle? Da ist er mal gesehen worden? Ach, Elfi! Sie wissen doch, da gibt es in der Familie Geld, das es nicht gibt. Fragen Sie mich doch nicht so einen Mist!

Eigentlich müsste man… Ja, was denn jetzt schon wieder?! Sind wir uns mal einig? Vielleicht haben wir es bald? Ja. Toll. Man dankt. (Damit ich nicht „ich“ sagen muss.) Bloß ich, ich hab’s natürlich nicht. Allein dafür habe ich was anderes. Sie glauben mir nicht. Oh, klar nicht. Nein, sicher. Sicher und sich. Zuerst wollte ich es andersherum schreiben. Ich habe ziemlich viel das keiner sonst hat und Sie auch nicht, ob Sie es mir glauben wollen oder nicht. Besser nicht, denn mich gibt’s nicht in den Medien (sehr gut). Und die Medien sind der Stellvertreter von Mutti und Mutti hat immer Recht. Auf die muss man hören, dass das mal klar ist. Wenn nicht wehe! Kennen Sie ja, Elfriede. Rebellion gehört zum Erwachsenwerden, auch wenn Mutti das nicht passt. Kennen Sie auch, wir proben anders den Aufstand. (Und bekommen Plüschtiere geschenkt, damit wir uns unserer Rolle entsinnen.)

Und dann war da noch… dieses Phänomen des Nacktseins gegen die Gelte… äh… Kälte. Und für das GELTungsbedürfnis. Das nennt sich dann Social Media. Zum Glück bin ich so unsozial. Wirklich, echt jetzt, besonders Frauen finden, ich sei nur ein halber Mensch (oder so ähnlich, jedenfalls fangen die immer an zu heulen wenn ich sage, dass ich den Mist nicht mache, wahrscheinlich schauen die in dem Moment der anderen Hälfte von mir beim Sterben zu, so traurig wie die da sind). Ich weiß wovon ich rede. Ich stapele immer zu tief. Ja, so bin ich nun mal. Immerzu. Und auch schon immer. Mich gibt’s nämlich gar nicht. Das hat meine Mutti damals entschieden, meine Mama. Schon bevor sie mich kannte, mit den Jungennamen. Ich bin nur leider, leider ein Mädchen. Aber leider, leider, leider, leider keins wie sie sich vorstellt. Seitdem wartet sie jeden Morgen darauf, dass sie mich nicht mehr kennt und stattdessen eine da ist, die sie kennen möchte wenn sie aufwacht. Eine, die genau so ist wie sie sich das will. Dumm nur, dass diese Frau nie ganz weiß was sie und sich will, vielleicht sogar gar nicht. Manchmal. Und manchmal sogar überhaupt gar nicht. Auf jeden Fall will sie etwas, das sie nicht kennt. Und natürlich will sie das alles überhaupt nicht. ÜBERHAUPT NICHT! Das ist alles immer bäh und die Leute krank und böse. Und überhaupt sind die Leute alle komisch. Jeder, der ihr nicht passt. Und das tut keiner. Sie aber ist die Allerkomischste von allen. Auch für sich selber, darauf wette ich. Allerdings mag ich keine Comedy. Vielleicht weil ich so viel davon unfreiwillig und gratis bekomme.

Ich hatte viele „Irgendwann“, die eigentlich „Niemals“ sind weil ich einfach nicht angefangen habe. Na, dann mache ich das doch jetzt. „Jetzt“ ist ein gutes Wort. Und ein guter Zeitpunkt, da wenn nicht jetzt, wann denn dann?! Ja, das kann ich doch nicht wissen! Ich hätte nicht übel Lust auf ein Essen beim Raja Rani, aber das geht jetzt nicht, denn erstens bin ich nicht da und zweitens haben die um fünfuhrachtundvierzig am Morgen noch nicht auf. Was ich überlegen kann, und zwar jetzt und ab jetzt ist was es mir – Verzeihung in mir meine ich – auslöst oder was es in mir auslösen würde, wenn ich ab jetzt zu meinem Frauennamen dazu sagen würde „Ich bin Künstler.“ Täte das was? Zur Sache, meine ich? Spielte das eine Rolle? Also ICH will keine spielen, so viel ist sicher. Ich hatte nämlich genug Theater. Ach, wie ist das schön!

Aber ach, ich hab das Jetzt vergessen. Und verlassen. Na, so lange ich den Text noch weiß…

Sagen Sie mal, hat man eigentlich den Klauber schon gesehen? Heute, gestern, morgen? Nein! Wo ist der denn schon wieder?

Ja doch!

Danke trotzdem!

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