Mikeschs Äffchen hat Hunger

Weil wir den Weg abkürzen wollen gehen wir durch das noch geschlossene Einkaufszentrum. Die Passage ist auf, aber die Geschäfte noch geschlossen. Plötzlich schreit Mikesch, und ich meine sie schreit, sie hat Hunger.

Man könnte nun meinen, dass man gegen diesen Hunger rasch zu der Filiale der Franchise-Bäckerei, die schon geöffnet ist, und an den Tresen gehen könnte um sich ein Gebäck auf die Hand zu kaufen und dieses wie auch immer geartete Gebäckstück essend seinen Weg fortsetzt.

Wer das meint kennt nicht Mikesch.

Mikesch, die fast 18 Jahre nach dem Ende ihrer ersten Ehe immer noch meint irgendwer müsste ihr alles in den Mund liefern, fängt wie verrückt an zu rennen bis sie ein gerade öffnendes Café gefunden hat. Da will sie essen. Ich muss notgedrungen mit. Wir sind nicht zum Vergnügen hier.

Mikesch reißt beinahe die Stühle vom Tisch und der Serviererin, ich weiß gar nicht wie das heute korrekt heißt, den Lappen aus der Hand.

„Benimm dich!“ sage ich. Ich hoffe, dass die Frau meinen Blick versteht. Das hier ist ein Riesenkleinkind, impulsiv bis zum Himmel, und ich bin die zwangsverpflichtete Aufsichtsperson, ich kann da nichts für.

Das Riesenkleinkind setzt sich und nimmt die Karte. „Ich will…“

Die Frau schaut Mikesch an, dann zu mir. „Ist die geistig ganz da?“ flüstert sie.

So eine Frage ist diskriminierend. Generell. Hier lasse ich sie aber durchgehen, weil das aufgrund des Verhaltens in Kombination mit der Optik eine nachvollziehbare Frage ist. Wenn ich Mikesch nicht kennen würde, würde ich mich das auch manchmal fragen. Ich finde auch Frauen, die sich „normal“ verhalten, aber sich herrichten als wären sie mindestens zwanzig Jahre jünger albern. Mikesch sieht zwar im Gesicht aus wie fast 60, aber sie ist für ihre Größe extrem schlank und die Klamotten, die sie trägt bekäme man nicht billiger in der Damenabteilung von C&A, sondern bei Forever18 und Madonna. (Wo sie sich jedes Mal wundert wenn sie angestarrt wird.)

Mikesch will also ein Frühstück. Ein komplettes. Aber das große.

dergl nimmt die kleine Käse-Variation. Die kommt mit einem Croissant und zwei Scheiben Weißbrot, nicht viel und alles weich, mit etwas Glück macht mein Kiefer das mit.

Mikesch begutachtet ihr Essen und nimmt von allem, was sich da auf der Platte befindet maximal einen Bissen. Wie üblich. Sie beißt alles an und legt die Sachen zurück.

Aber das Große muss es sein. Jedes Mal. Sonst gucken die Leute. Und ihr Magen, sie Arme, sie kann ja nicht…

Mich macht diese Verschwendung jedes Mal aufs Neue wütend. Seit Jahren. Und ich habe bis heute kein Mittel dagegen gefunden. Ich sitze da und koche innerlich, dass es mir körperlich weh tut. Meine Schmerzen werden stärker. [Mein Stiefvater steht jedes Mal kurz vorm Ausrasten in der Situation.]

Düsseldorf im Sommer: Die große Cola kostet um die 4,50€. Mikesch trinkt einmal an und lässt stehen. Alle anderen haben das kleine Glas für 2,30€.

Ebenfalls Düsseldorf: Mikesch will unbedingt einen Kaffee. Das muss jetzt aber wirklich, weil sie ist so fertig und alles. Ich warne noch vor, wir sind in der Nähe der Königsallee, wenn sie sich hier was bestellt, soll sie es gefälligst auch austrinken, von dem Geld für den Kaffee pro Tasse bekomme ich für zwei Wochen Kartoffeln im Discounter. Nee, nee, kein Problem, sie hat Kaffeedurst, ach übrigens, schöner Buchladen, wo wir gerade waren, dergl, ja wirklich. Der Kaffee kommt in winzigen Tassen. Ich überlege zu fragen, ob es Espresso ist, es soll aber Caffe Crema (?) darstellen. Mir schmeckt er nicht, ich trinke ihn trotzdem, allein gegen die Kopfschmerzen. Mikesch trinkt an – bäh! – und lässt stehen.

Später im Restaurant: Es gibt Mittagsteller, die sind etwas günstiger als sonst. Aber ich kann mir acht Euro sonst auch nicht eben leisten. Ich esse meine Portion leer, das Essen ist gut, ich bin satt. Mikesch bestellt sich – natürlich ohne zu fragen was sie da eigentlich bekommt – die große Portion. Isst zweimal, fragt mich ob das Essen immer so schmeckt [ich bin noch nie in dem Restaurant gewesen] und lässt stehen. Als die Teller abgeräumt werden ist sie auf der Toilette und hinterher knatschig weil ich der Serviererin wahrheitsgemäß sage, dass mein Essen gut war, ich aber nicht weiß warum der andere Teller noch voll ist.

Jetzt sitze ich mit meinen Käse und dem Brot, muss mich zwischen tadelnd und ungläubig anstarren lassen, weil ich das tatsächlich alles esse – es ist eine ganz normale Portion – und denke beim Blick auf die Etagere vor Mikeschs Nase wer sich alles über dieses Essen da freuen würde. Rührei für Hamid in Mikeschs Nachbarwohnung, Mariam dort nähme sicher gern die Konfitüre auf eines der Brötchen, Salma [Sie erinnern sich?] mag gern Vollkornbrot mit Wurst oder Käse, die Kinder von Laith nähmen sich wohl dankbar dem Quark und der Nutella an, Schinken und Lachs für das Atelier-Kind. Den Saft trinke ich selber. Verglichen mit Mikesch haben wir alle nichts. [Mikesch auch nicht so viel wie sie vorgibt, nein, ich mache den gerichtlich Eingesetzten für finanzielle Angelegenheiten nicht, nein, nein! Die werden es schwer haben dafür jemanden zu finden, der Mensch muss sich physisch gegen sie wehren können…]

Mikesch: „Du isst als könntest du dir kein Essen kaufen. Musst du zum Amt gehen, da kriegst du was. Die [Mutter vom Sohn meines Stiefvaters], die hat immer zu essen. Das muss man ja kriegen. Nur als [mein Bruder] damals da war, wo sein Geld alle war hat er nichts gekriegt, weil die 300 € für einen Monat reichen sollten. Wir dachten, ‘ne Woche. Weißt du noch? Wo sie ihm damals gesagt haben, er soll seine Schuhe bei Ebay verkaufen, er braucht nicht so viele.“

 

[Das Äffchen im Titel hat nichts mit mir zu tun, ich vermute, sie hatte Entzugserscheinungen. Die nenne ich Äffchen.]

 

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