Museumsmikesch

In einen Regionalzug ins Ruhrgebiet mit Mikesch, weil sie einen Weihnachtsmarkt sehen will. Und plötzlich doch nicht als wir ankommen. Da ist immer so voll, das gefällt ihr nicht. Ins Museum stattdessen. Da will sie hin.

Wegen meiner.

Sie geht mit dem Finger an eines der Bilder und ich muss ihr sagen, dass sie das nicht darf. Die Aufsicht äußert Verwunderung, denn solches Verhalten hätte sie wenn dann von mir erwartet, denn so sehe ich aus.

Es ist immer dasselbe.

Im anderen Geschoss fragt sie mich, ob hier schon einmal ein Bild gestohlen worden ist. Ich kann das nicht wissen und sage das auch, stattdessen frage ich beim Verlassen des Saales die Aufsicht. Der Mann erklärt Mikesch etwas, das ich nicht verstehe. Ich bin müde und krank. Als Feuerwehrfrau meines Grades hat man aber nie frei.

Im Aufzug sagt Mikesch irgendwas mit Einbruch. Und dass sie nicht glauben kann, dass die Bilder so viel wert sind, das eine hätte ausgesehen wie von Kindern gemacht. Das kann bestimmt das Atelier-Kind viel besser.

Dann kommt eine Ausstellung von einem Kriegskind. Mir war das bekannt und ich denke mir, das Gute am Tagesverlauf ist, dass ich diese Ausstellung sehen kann.

Ich mag das Konzept und mir gefällt die Erzählung die durch die verschiedenen Werke und Artefakte entsteht. Mich berührt das. Auch die Verbindungen zu heute. Ich habe beim Sehen Maikäfer flieg‘, wir wollen nie wieder Krieg… im Kopf. Ich weiß nicht mehr wer mir das vorsang.

Und ich glaube in diesem Raum wirklich, dass das irgendwas mit Mikesch macht. Dass er in irgendeiner Form den Effekt haben muss, der ihr hier in diesem Blog den Namen gegeben hat, wenn auch natürlich nicht so positiv. Ihre Mutter war in den Kriegsjahren Kind. Vielleicht kann sie in diesen Bildern statt des abgebildeten Mädchens die kleine A.M. sehen.

Zehn Minuten später will ich mich treten für meine Naivität.

Das verstehe ich nicht. Das ist langweilig.

Ich habe es versucht und gefragt ob meine Großmutter ihr nie etwas erzählt hat. Oder ihre alte Tante. Die Bilder im Raum zeigen unter anderem normale Kinderszenen. Einschulung, Straßenspiele. Ich denke mir noch Eins, zwei, drei, vier Eckstein – was auf den Bildern nicht vorkommt – oder irgend sowas müssen die doch gespielt haben. Irgendwas.

Sie wüsste nichts. Die hätten alle vom Krieg nichts mitbekommen, seien alle in der Verschickung gewesen [die ganzen sechs Jahre?] und als sie zurückkamen mussten sie arbeiten, da hatten sie keine Zeit um miteinander zu reden.

In meiner Familie wurde nicht geredet. Ich kannte meine Großmutter so lange ich sie kannte phlegmatisch. Ich weiß nicht warum. Wir wussten immer mehr über die Geschichte meines Vaters als über die von Mikesch.

Mikesch hat fast nie einen Bezug zu etwas, mehr noch zu Dingen als zu Menschen. Ich hätte nichts erwarten dürfen und ich weiß nicht genau warum ich es doch tat, wahrscheinlich als Folge von dem Dauerthema der letzten Woche. Nach dem Hinweis mit dem Urheber ihrer Karten war sie wenigstens deshalb traurig. Der war noch ganz jung und hatte so kleine Kinder. Und der mit den Tieren, der Franz Marc, der ist ja auch gestorben. An dem Tag, an dem er aus dem Krieg nach Hause sollte. Das ist vielleicht schlimm.

Vielleicht hat sie diese Ausstellung überfordert. Ich weiß nicht ob sie so „bald“ in sich umschalten kann, dass sie das eine zur Seite schiebt und sich auf das andere einlässt. Vielleicht, weil nie jemand offen mit ihr geredet hat, glaubt sie, diese Zeitspanne gäbe es nicht. Das kann sie auch meinen wegen ihrem Vater.

Vielleicht bleibt es nur gerade so bei mir, weil es mich ohnehin beschäftigt und die Art der Werke mir eine Inspirationsquelle gibt.

Vielleicht auch weil ihre Reaktion ein Hinweis darauf ist, dass sie auch das was ich mache niemals annähernd verstehen wird [und ich mir manchmal vorstelle, dass sie danach gefragt wird.]

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