Eruption

Mikesch hat diese bewundernswerte Eigenschaft und kann nicht nur mitten im Satz das Thema wechseln oder einen Namen in den Raum werfen und erwarten, dass jeder anwesende Mensch den von ihr gemeinten nicht anwesenden Menschen sofort, augenblicklich (!) als gemeint identifizieren kann, auch wenn dieser nicht anwesende Mensch den anwesenden völlig unbekannt ist.[Nein, ich komme mit obigem Satz nicht an Mikeschs Verstrickungsqualitäten heran. Ich habe es versucht, aber ich bin diesbezüglich ein Trampeltier. Philipp sagt, der Satz ist verständlich.] Mikesch kann diese Eigenschaft auch variieren.

Mikesch teilt mir folgendes mit: „Der Matthias ist gestorben.“

Aha. „Welcher Matthias?“ Matthias ist ein häufiger Name und alle Matthiasse, die mir derzeit persönlich bekannt sind – zwei an der Zahl, die sie beide nicht kennt – sind mit ziemlicher Sicherheit nicht tot. Den einen hat Philipp am Telefon und führt dieses Telefonat in dem Raum, in dem ich die SMS bekomme. Da Tote niemanden anrufen können muss der also noch leben. Der andere saß gestern noch mit uns zusammen und wäre dem etwas passiert, dann wüssten wir das und nicht Mikesch, die ihn wie erwähnt nicht kennt.

„Der Matthias aus deiner Schule.“

Ah ja. Ich bin tatsächlich mit einem Matthias zur Schule gegangen. Vor zwanzig Jahren. Es gab das allgemeine, stille Abkommen, dass man sich außerhalb der Schule nicht mehr kennt. Deshalb blieb niemand in Kontakt. Außerdem waren Matthias und ich nicht befreundet. Und da Matthias eben kein seltener Name ist rutschte mir genau dieser Matthias irgendwann durchs Radar. [In der Oberstufe hatte ich ebenfalls einen Mitschüler dieses Namens, den kennt Mikesch aber erstens auch nicht und zweitens hieß er nicht mit Rufnamen so.]

Ich weiß auch nicht woher sie von seinem Tod weiß. Oder wann er gestorben ist. Warum sie mir das überhaupt erzählt. Es interessiert mich auch nicht.

Matthias. Architektensohn. Darauf gedrillt irgendwann das High-Tech-Upperclass-Klientel-Büros seines Vaters zu übernehmen. Was er darüber dachte egal. Das war bei uns so. Dafür bezahlten die Eltern. Wie die Welt sich wirklich drehte spielte eine untergeordnete bis keine Rolle.

Bei einigen zeigte sich das recht bald, das erwähnte ich schon mal. Ich bin bis heute froh, dass ich nie in irgendeiner Form mitzog. Ich hatte die Voraussetzungen, es gab den schmalen Grad. Ich hätte fallen können. Aber ich habe nie etwas genommen, ich habe nie getrunken, ich wurde nicht kriminell und ich trat auch keinen obskuren Vereinen bei. So gehen typische Lebensläufe meiner Mitschüler. Einige endeten mit Suizid wie jetzt. Und statt zu überlegen – im Idealfall vorher! – wie es diesem Menschen geht, was einer ertragen kann kommt jedes Mal Er/sie/mein Kind hatte doch alles…

Mikesch kann übrigens nicht verstehen warum das Mädchen, das jetzt seinen Papa vermisst (stelle ich mir vor) mir mehr leid tut als die Eltern.

 


Damit das niemand falsch versteht, ich behaupte nicht, dass die Eltern schuld seien. Das setzt allerdings nicht etwas wie Ursache und Wirkung außer kraft. Und wenn man als Eltern dem Kind sein Leben lang nichts außer Druck mitgibt und keine Chance Bewältigungsmechanismen zu entwickeln, dann ist die logische Folgerung, dass der erwachsene Mensch gestört ist. Und das kann nun einmal dazu führen, dass jemand irgendwann in seinem Leben keinen Sinn mehr sieht und ihm ein Ende setzt. Die Eltern haben in dem Fall den Dauerdruck erzeugt, sie hätten schon in Kindheit und Jugend, aber auch noch als der Sohn erwachsen war, den „Hebel rumreißen“ oder „einen Gang zurück schalten“ können. Sie hätten auch später noch Zeichen sehen können. Vielen Menschen, die in diese Richtung auf ihr Lebensende zusteuen merkt man irgendetwas an. Man könnte wenigstens ehrlich gemeint fragen „Hey, wie geht es dir?“ Die Tochter wiederum ist jetzt ein Kind, das einfach nur durch eine unverständliche Tat einen Elternteil verloren hat.

Interpretations-Arten

Es gibt eine Kooperation von Autor Andreas Glumm und seiner Gräfin, der Künstlerin Susanne Eggert (Text wahrscheinlich von ihm, das Bild von ihr) auf die ich den ein oder anderen Mit-Künstlermenschen in Blockade gern zum Trost hinweise. Sie heißt Was macht die Frau da, Mama? (Den Fall Was macht der Mann da? gibt es aber auch, denken Sie beispielsweise an van Gogh oder in der Literatur David Foster Wallace oder Bernward Vesper, die solche Zustände gekannt haben müssen.)

Letztens mailte ich darüber mit A., deren Dilemma das wohlbekannte ist, dass sie ihre Arbeiten abwertet, weil ihre Kreativität in der Kindheit abgewertet wurde. Sie war nicht gleich die nächste de Saint-Phalle in ihrer Bildhauer-Familie, also war sie unfähig und macht Pillepalle. Das kennen viele Künstler. In ihrem Fall ist das ein bisschen wie in meiner eigenen, wo ich die einzige in der sich mit Kunst nie befasst habenden Familie bin, aber natürlich nur Pillepalle mache so lange ich weder den Nobelpreis bekommen noch im MoMa ausgestellt habe. A. hat alle in der Familie überholt, war aber im Gegensatz zu den anderen auf keiner Akademie. Sie kann in der Sichtweise ihrer Familie also nichts von Wert machen. Familiäre Urteile können auch dann blockieren, wenn man bewusst sicher weiß, dass die, die da urteilen lediglich neidisch sind und dass es um die Sache gar nicht geht, weil die überhaupt nicht verstanden wird.

In der Arbeit von Glumm/Eggert – die das wahrscheinlich gar nicht so „geschwollen“ benannt haben wollen, denn es sind soweit ich beurteilen kann bodenständige Menschen, denen es nicht wichtig ist, dass alles und jedes was im Studio Glumm vorgestellt wird als große Kunst dargestellt wird, ich kann mich natürlich irren – spielt das Wort unartig eine wichtige Rolle. Die wichtigste so wie wir das sehen.

Interessant ist wie interpretierbar das ist. Ich gehe jedes Mal aufs Neue davon aus, dass der- oder diejenige, dem oder der ich einen Link dazu schicke dieselben Schlüsse zieht wie ich. Ich sehe das Wortspiel mit dem deutschen Wort unartig und dem englischen Art, da liegt für mich die Pointe über die sich das Verständnis erschließt.

A. ist bereits die Dritte, die mir sagt, sie interpretiert es so, dass die Künstlerin nicht vor der Staffelei sitzt weil sie auf Teufel komm raus versucht das Ende ihrer Blockade zu erzwingen und sich dadurch in jeder Beziehung erschöpft, was mit Schuldgefühlen verbunden sein kann. Sondern weil die Künstlerin zwar nichts gemacht hat und sich deshalb schuldig und erschöpft fühlt (in A.s Formulierung steht das Wort schuldig zuerst), das allerdings weil sie durch diese „Untätigkeit“ eben nicht gegen die alten Konditionen aufbegehrt hat. Ein artiges Mädchen würde sich nicht anmaßen rumzuschmieren, zu kleksen oder – das ist auch auf Kunstformen außerhalb der Malerei anwendbar – Kinderkacke zu machen, sondern Erwachsen werden, in der Realität ankommen, aus der Traumwelt aufwachen und etwas mit seinem Leben machen statt sich einzubilden man sei wer weiß wer und Zeit zu verschwenden.

Hat sonst noch eine/r eine weitere Interpretation? Als Vorschlag möchten Sie die vielleicht auch den Urhebern mitteilen. Ich weiß es nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass das gut ankommt.

Der Fischer

Ungefähr anderthalb Monate nachdem ich die Fädenrisse begonnen habe, habe ich einmal ein Fundstück für meinen Mit-Künstler gepostet. Eine Liveversion. Er liebt dieses Lied. Genauso wie ich Feuerwehrfrau bin ist er der, der bei sich für alles verantwortlich ist. Nur dass mir die „Berufsbezeichnung“ von außen verliehen wurde und er sich die Identifikation mit dem Fischer selbst genommen hat. Sie kam ihm eines Tages, seitdem sagt er, das Lied erzählt von seiner Situation.

Die Philipp-Mama ist nicht wie Mikesch, das Dilemma ist ähnlich: sämtliche Leute, Ärzte und Ämter inklusive, erwarten schlichtweg von ihm, dass er sie irgendwie über Wasser hält. Achten Sie auf die Zeile Too proud to leave I worked my fingers to the bone, dann verstehen Sie die leichteste der vielen Metaphern, die er – und wenn man ihn und den Fall kennt auch andere – sieht.

Kunstworte II: Elfriede Jelinek

Mein Brief an Elfriede Jelinek ist eine Besonderheit in diesem Projekt. Er beginnt mit Anrede und einem Satz in Briefform, fällt dann aber in eine Form wie Jelinek selbst sie in ihrer Prosa verwendet. Das war ein Experiment und ich vermute so wie es viele Menschen gibt, die in Jelineks Texte nicht „reinkommen“ (mein Buchhändler hat das mal so ausgedrückt: „Ich komm nicht rein“), wird auch dieser „Brief“ vielen unverständlich bleiben. Wenn man ihr Werk kennt, findet man möglicherweise die Stellen, die sich auf ihren Einfluss auf mich beziehen.

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Dass wir keine Geschichten haben macht uns grausam

Dass wir keine Geschichten haben macht uns grausam, denn weil wir keine Geschichten haben zeigen wir ihr Bilder. Trügerische Papierfotos und Polaroids aus einer anderen Zeit, sie wird im Kopf den Schritt machen müssen dahin, dass diese Kinder vielleicht in diesem Moment glücklich waren, aber keines davon normal.

Jedes war ein an sich schon kleiner Erwachsener in einer Familienkonstellation, in der die Rollen kraft einer Krankheit vertauscht waren. Einer Krankheit über die niemand sprach, weil die Erkrankten sich nicht für krank hielten. Sie könnten selbstverständlich aufhören, so viel ist das doch gar nicht und du [Fingerzeig auf das jeweilige Kind] bist schuld, wenn du ein liebes Kind wärest, dann müssten sie nicht… Das gilt auch für die Ehepartner, wenn die Frau nicht so verklemmt oder der Mann nicht so kalt wäre, dann müssten sie ja nicht und könnten sofort aufhören… Wenn sie überhaupt zugeben, dass. Es sind immer die anderen während sich zugleich die ganze Welt um sie selbst dreht.

Ein Bild vom Handschuhschenker mit Strampelhosen und Nuckel unter dem Weihnachtbaum 1959. Der Kleine würde später seinem Opa nacheifern und Papa sowieso, aber das ist alles nicht recht, denn er kriegt die ganze Zeit über die Klappe nur zum Reinkippen auf.

S. an Weihnachten 1967 mit dem neuen Puppenwagen, den der Papa gekauft hat weshalb die Mama in der Kirche rumschrie und sich alle in der Gemeinde schämten.

J. Anfang der 60er Jahre mit Schildkröt-Inge im Arm. Von Oma, Mama und Papa waren zu besoffen zum Weihnachtenfeiern.

K. 1972 mit seiner noch halb in Geschenkpapier verpackten Dampfmaschine.

dergl und die dergl-Oma, die mit den Nimm2-Bonbons, um 1988 zusammen auf dem Sofa. Das Kleid von dergl hat einen Glitzerfaden, der heller ist als die Unmengen Lametta, die der dergl-Bruder, noch Kleinkind, im Raum verteilt hat.

T. 1984 auf dem Weihnachtsmarkt mit Weihnachtsmanndouble und Glücksbärchi. Ein paar Tage später schmeißt Papa die Weihnachtsgans durch die Gegend und kleckert alle Besucher voll. Mama läuft heulend weg und lässt T. mit ihren Geschwistern allein zurück.

N. Mitte der 80er mit den neuen Diskorollern. Die Eltern hauen sich deshalb, aber das sieht man nicht auf dem Bild.

M. 1989 mit seinem neongrünen Schulranzen. Die geschiedene Mutter lässt ihn den nicht in der Schule tragen, denn der Saufbold hat ihn in der Entziehung gekauft.

S. schaut unglücklich auf ihrem Bild. Die Mutter hatte alles Geld in der Spielhalle verspielt, aber das durfte keiner wissen. Sie tat als ob sie sich freute, erfand Geschenke, die sie nicht bekommen hatte.

Philipp Weihnachten 1992 mit Opa Kurt und dem neuen Mountain-Bike vor dem geschmückten Haus. Die Philipp-Mama liegt drinnen und schläft ihren Rausch aus.

Salmas Reaktion auf die Bilder zu sehen ist ein Gefühl als würde ich dem Jungen mit den Diddl-Mäusen ein Kochbuch schenken und mir einreden, das schlüge ihn nicht.

 

 


Falls Ihnen der Kontext fehlt: Salma sucht eine Weihnachtsgeschichte

 

Sonntag ist wohl ziemlich orange

Es heißt, Adolf Erbslöh hätte das Kind Isabella Nadolny gefragt: „Haben bei dir die Wochentage auch Farben?“ Das habe ich in der Franz Marc-Biografie von Brigitte Roßbeck gelesen. Als ich wie jedes Jahr die Weihnachtspost für eine Frau, die ich vor vielen Jahren in einer Maßnahme kennen lernte (und die dort genauso fehl am Platz war wie ich, aber in so was mussten Sie damals um sich als Umschulungsanwärter zu qualifizieren) fertig mache muss ich daran denken.

Wir schreiben uns nicht oft, nur an besonderen Tagen. Ich habe irgendwann sogar die Geburtstage ihrer Kinder vergessen. Von den älteren habe ich noch Fotos, die jüngste habe ich nie gesehen. Ich weiß auch nicht sehr viel über die Familie. Nur dass die Älteste sich für Kunst interessiert und dass es Probleme mit der Schule gab, denn es ist vielen Leuten in Deutschland nicht nur unverständlich, dass ein als gehandicapt gesehenes Kind das Recht auf einen Schulbesuch, der zu einem anerkannten Abschluss führt hat [einen sogenannten „Förderschulabschluss“ nimmt niemand für voll] – siehe das Atelier-Kind, das von diversen Eltern als Störfaktor gegenüber ihren noch nicht (sic!) gehandicapten Kindern in der Grundschulklasse gesehen wird, weil es eine andere Sprache spricht und mit Dolmetscher kommt. Sondern auch, dass noch nicht gehandicapten Kindern gehandicapter Eltern dieses Recht zusteht. [Aber wir sind ja sowieso unverantwortlich, was wir den Kindern zumuten, außerdem können wir nix und missbrauchen unsere Kinder als Mini-Assistenten…]

Die Älteste, die sowohl eine „behinderte“ Mutter als auch einen „behinderten“ Vater hat und daher natürlich ganz arm dran ist [warum einem immer unterstellt wird man müsste zwangsläufig Interesse an nicht gehandicapten Partnern haben weiß keiner von uns, darüber sprachen wir mal] „darf“ auf die Realschule. Ob den anderen zwei das nach der Grundschule vergönnt sein wird weiß niemand. Man hatte versucht das Mädchen auf die Hauptschule zu drängen [bei den Eltern…]. Es kann auch niemand mit Sicherheit für den Atelier-Kind-Bruder sagen, ob der auf die Grundschule gelassen wird.

[Ich weiß auch nicht was mit mir gewesen wäre hätten meine Eltern nicht für Beschulung auf einer nicht-öffentlichen Schule bezahlt. Mein Vater äußerte mehrmals, er würde mich am liebsten gar nicht auf einer Schule, sondern zu Hause unterrichten lassen, wenn er das finanziell aufbringen könnte. Es landeten zumindest damals nicht wenige leicht bis mittelgradig gehandicapte, normal intelligente Kinder mit besser gestellten Eltern auf Förderschulen. Da kann man das Balg so schön verstecken und sich gleichzeitig in Selbstmitleid suhlen wie sehr man doch gestraft ist. Man weiß gar nicht was man verbrochen hat so ein Kind zu bekommen, man armer, armer Mensch…]

Als ich aber diese Post fertigmache, eine Kunstkarte über die das älteste Mädchen sich wohl freuen wird, ein Bild von Pablo Picasso – ich habe es nicht mit richtigen Weihnachtskarten, ich feiere nicht – und auf den Umschlag ein paar vom Atelier-Kind übriggebliebene Kleber klebe fällt mir die Frage von Erbslöh ein. Sonntag ist wohl ziemlich orange, wäre meine Antwort.