Von Prompten

Gepromptet sollte ich werden. L. dachte, das wäre eine gute Idee, weil ich gerade einige andere Sachen aufgrund der Sturzverletzungen nicht weiter verfolgen oder beenden kann und weil sie weiß, dass mich die Untätigkeit nervös bis aggressiv macht.

Im letzten Jahr, als ich selber noch Schriftmensch war habe ich für L., die schreibt, manchmal korrekturgelesen oder Verbesserungsvorschläge gemacht, wenn sie mich darum gebeten hat. Betalesen nennt sie das. Im Gegenzug dazu hat L., die, wäre ich in etwa dann Mutter geworden wann meine Eltern glaubten man hätte zu heiraten, meine Tochter sein könnte mir bei der Ausformung eines jugendlichen Charakters geholfen. Das fand ich auf mich allein gestellt sehr schwierig. Bei uns hatte man keine Jugend. Nicht zu Hause, nicht auf der Schule, ich hatte also schon im entsprechenden Alter keinen Bezug dazu und als Erwachsene erstrecht nicht.

[Es gibt eine Stelle in Reisende auf einem Bein von Herta Müller, an der die Protagonistin Irene gefragt wird warum sie mit Kindern nicht umgehen kann. In etwa so ist das bei mir mit Jugendlichen. Nur eben nicht weil sie noch wachsen würden, sondern weil sie Erfahrungen machen können, dürfen und müssen. Bei uns musste man alles sofort und makellos können.]

L. hat sich nun also überlegt, dass dergl, die ja nun so lange nicht in Prosa gemacht hat und sich gerade wieder visueller Poesie angenähert hat, weil sie einen fiktionalen Text schreiben konnte, der in ein Konzeptstück einfließt, doch bevor sie verrückt wird wieder eine Geschichte machen könnte.

Die Idee ist nicht schlecht. Und ganz bestimmt gut gemeint. Was L. nicht mitbekommen hat und auch nicht mitbekommen konnte ist, dass die Thematik nicht mehr stimmt. Ich kann heute mit ihren Wörtern, selbst wenn ich abstrahiere und das darf ich, nichts mehr machen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch in dem ich sie fragte warum diese ganzen Dystopien, die ihre Generation so gut findet (sie auch) in der Zukunft spielen müssen, damit sie Anklang finden. Sie bräuchte sich nur in Deutschland umzusehen. Klischees hinter sich lassen. Zum Beispiel mit ALGII-Empfängern reden. Das ist nicht ihre Welt, passiert aber genau jetzt vor ihrer Nase und kann von Menschen wie ihr genau jetzt im Kleinen geändert werden, in dem sie solche Menschen wahrnimmt. Nicht Alles Hauptschüler und Hauptschüler sind grundsätzlich dumm und asozial, Selber Schuld und Wer Arbeit will, der findet auch welche (ein Blick auf die Homepage der Agentur widerlegt das), sondern einfach mal mit den Leuten reden und sich dabei im Klaren sein, dass es gerechtfertigt ist wenn die einem nicht sofort vertrauen. Weg von der Vorstellung, die sie hatte, dass die eine wie sie grundsätzlich beneiden. (Einige tun das sicher, aber es gibt in jeder Gruppe von Menschen Menschen, die verschieden sind.) Hin zu der Vorstellung, dass unser System so angelegt ist, dass prinzipiell jeder Bürger ALG II-Empfänger ist, da mit wenigen Ausnahmen jeder, unabhängig von Bildung oder vorherigem Status, da hinein rutschen kann. Leute mit Doktortitel kleben darin fest. Künstler, von denen sie glaubte, das ginge nicht, en masse. Akademiker sind sowieso nicht immun. Mütter. Leute in Arbeit mit zu wenig Lohn.

Sie nahm meine Vorschläge an und entwarf ein Szenario, das in naher Zukunft spielen sollte. In L.s Szenario lebten die ALG II-Empfänger so wie heute die Flüchtlinge leben müssen. In Zeltlagern, Turnhallen und ähnlichem. Es gingen gegen sie hetzende Mobs auf die Straßen. Bei ihr hießen die nicht „besorgt“, was sie auch nicht sind.

Damals bat sie mich ihr eine Rolle zu schreiben. In etwa die, die ich auch ihr als Person gegenüber hatte. Sie wollte eine erwachsene Person drin haben, die alles gesehen hatte und wusste was wirklich passierte. Die sollte einer Teenagermutter (auf L.s Gymnasium gibt es, sagt sie, relativ viele Schwangerschaften), die der Ansicht war, dass sie selbst natürlich nie in die Situation kommen könnte, da sie versorgt sei (könnte L. bei den Bionade-Biedermeiern abgeschaut haben, ich weiß es nicht), das Gegenteil erklären, weil sie – was die Mutter aber nicht wusste – ein Schleuser war, der Essen und Medikamente in die Unterbringungen schleuste, was in L.s Szenario illegal war.

Selbst wenn ich noch könnte, das könnte ich nicht schreiben. Die Realität hat diese Gedanken in einigen Aspekten überholt. L. braucht sich nur umzuschauen. Es sind lediglich andere Mitmenschen betroffen.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s