Zirkusnummern

Das Atelier-Kind hat mir einen Bogen dunkelblaues Transparentpapier mit gelben Sternen drauf geschenkt. Weil ich Weltraummotive mag. Für meine Nachtlichter. Die standen sonst einfach so in der Gegend rum. Jetzt stehen sie in der Gegend rum und tun das wie Tischlampen (findet das Atelier-Kind.)

Mein Mit-Künstler und unser zeitweise genervter zeitweiser Mit-Mittagessen-Esser findet, sie seien jetzt Laternen.

Das findet er gar nicht gut.

Was wiederum das Atelier-Kind nicht gut findet. Immer wenn Philipp die Lampen auseinander baut, weil sie ihn nerven, baut das Atelier-Kind sie wieder zusammen.

Bis Philipp aufgibt. Er reibt sich die Nasenwurzel, dann mit der Handfläche das Auge.

„Irgendwas ist mit ihm“, sagt das Atelier-Kind. „Sein Verhalten ist heute komisch.“ [So in etwa heißt der Satz in der Sprache vom Atelier-Kind, ich weiß ihn nicht besser zu übersetzen.]

Pause. Atelier-Kind arbeitet an seinem Plan der neue Kandinsky zu werden. Laut seiner Lehrerin kein Ziel für Jungen und überdies nicht wirtschaftlich, daher zu unterlassen.

Philipp stiert in eine Ecke. Stand-by.

Ich trinke meinen Tee.

„Hast du mal eine gehabt?“

„Was?“ frage ich.

„Ja, Laterne. Ich durfte zwar mitbasteln, aber nie mitgehen. Dabei habe ich mich immer so angestrengt, dass alles ordentlich wird. Die anderen Kinder haben mich immer ausgelacht, was ich eine doofe Mutter habe, die mich nicht Laterne gehen lässt. Ich Knaller. Musste sie auch mal zur Schule für, da durfte ich dann erstrecht nicht. Das war unter ihrer Würde.“

Es passiert etwas, das ich nicht sehen kann. Mein Bruder – in seinen Überlebensmechanismen auch zwischen Sündenbock und Maskottchen – hat genau so gesprochen als er vor Jahren zum ersten Mal mit einem Stück aus meiner Sammlung konfrontiert wurde. Das war nicht Wut und keine Abwertung. Es ging um etwas, das er nicht artikulieren konnte. Das Gefühl hatte in dem Moment keinen Namen und nur Sarkasmus als Ventil.

Ich musste an dem Tag wegen irgendetwas zu Mikesch nach Hause und weil sie keinen Stift hatte und etwas aufschreiben musste gab ich ihr mein Mäppchen. Ein altes von Scout, passend zu meinem Ranzen von früher.

Mein Bruder sah das und gab einen abwertenden Kommentar.

Ich glaube, es war Mikesch, die darauf sagte, dass bei mir im Atelier sogar noch der Ranzen stünde mit dem ich damals zur Schule gegangen bin.

„Echt?“

„Ja.“

Blick auf das Mäppchen. „Voll die Jungsfarbe.“

Dann behauptete Mikesch, er selbst hätte zur Einschulung einen Scout-Ranzen mit Raketen drauf gehabt. Der Junge, der der mit den Diddl-Mäusen werden sollte mochte keine Raketen. Und er hatte keinen Scout-Ranzen.

Weil der mit den Tieren auf dem Stoff und dem Clown im Etikett für Mikesch zu mädchenhaft war bekam er einen mit ähnlichem Motiv und viel blau drin von einer Billigfirma. Das war für die Eltern zwar peinlich, aber immer noch besser als das Risiko einzugehen, dass ein Mädchen in der Klasse das von ihm favorisierte Scout-Modell tragen würde. Das könnte man nicht mal eben erklären.

Als mein Bruder das richtig stellte sah er immer wieder auf das Mäppchen. “Ich hatte von allen die wenigsten passenden Sachen… Und den billigsten Scheiß. Alle außer mir hatten Scout!“

Exakt die Art, in der das damals gesagt wurde schwebt über den Laternen im Raum.

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