Erstkontakt

Die Verkäuferin ist erstaunt. Es ist ja klar, dass in einem Stadtteil in dem gerade ein 600 Menschen beherbergen sollendes Flüchtlings“dorf“ entsteht, zwei Turnhallen belegt und eine Erstaufnahme sind plötzlich viele unbekannte Gesichter zu sehen sind. Zumeist in Gruppen, meistens friedliche Leute. Ein großes Plakat im Laden weist auch auf die Brigitte-Hilfsaktion für Kinder in Syrien hin.

Aber jetzt steht plötzlich so jemand bei ihr im Laden. Die Frau, die so oft Nachschub kauft hat diesen Menschen mitgebracht und erklärt teils auf Deutsch, teils auf Englisch Materialeigenschaften.

Für diesen Jemand, die ja eine Jemandin ist, ist die Wollabteilung ein großes Wunderland. Wie für die Frau, die so oft Nachschub holt und immer einen Zettel in der Hand hat, weil sie auf Bestellung für andere Leute strickt. Die findet hier immer noch was, das sie noch nicht gehabt hat. Aber die kennt sich in diesem Raum aus. Schreibt nur immer die Neuigkeiten auf. Die Jemandin aber, die ist noch ziemlich verwundert.

Die Verkäuferin bekommt mit wie die, die so oft Nachschub holt erzählt, dass der Raum beim ersten Betreten für sie wie Weihnachten war. Weihnachten wo man als Kind viele Geschenke bekommt. Und wie die Jemandin fantasiert, dass es toll aussehen muss wenn man von der bunten Wolle so viel hätte, dass von jeder Färbung was in den Quilt eingehen könnte. Wolle für den Quilt, das wollen die zwei kaufen.

„Wie so eine Zudecke?“ will die Verkäuferin in freundlicher Neugier wissen.

Die, die so oft Nachschub holt summt nickend.

„Aus Resten“, sagt die Jemandin. „Quadrat oder Viereck, wie viel es gibt, und zusammennähen.“

„Gestrickt oder gehäkelt?“

Das muss die, die so oft Nachschub holt übersetzen.

„Stricken“, sagt die Jemandin und bleibt vor dem Plakat stehen.

„Ist das bei Ihnen zu Hause?“ fragt die Verkäuferin.

Die Jemandin erklärt woher sie kommt. Nur wenn sie ein deutsches Wort gar nicht kennt bezieht sie die, die so oft Nachschub holt mit ein.

Als die beiden gehen wollen hält die Verkäuferin die Tür auf. „Ich hab immer gedacht, man kann sich mit denen gar nicht unterhalten und die würden nichts machen. Da sieht man mal was passiert, wenn einer richtig für so jemanden da ist… Das müsste es viel mehr geben. Ich bin jetzt richtig erstaunt.“

Wortlos

Ich habe den Text vergessen. Und das Wort für das wie das heißt was Salma und ich für die Nach-Nach-Belegung vom Saal machen. Seit letzter Woche wird er wieder regulär benutzt, erst die Nach-Nach-Belegung zeigt wieder etwas. Metaphern.

Ich habe vergessen wie das was Salma und ich beitragen werden in Salmas Muttersprache heißt. Oder in der von Mariam. Sie macht auch mit obwohl sie woanders wohnt. Ich nehme ihre fertigen Teile mit, wenn ich etwas bei Mikesch erledigen muss.

Auch das Atelier-Kind macht mit. In seiner Sprache kenne ich das Wort, aber dort gibt es die Redensart nicht.

Ein Bekannter trägt auch etwas bei. Sehr zur Verwunderung von Salma, die noch mehr verwundert war, dass auch viele Frauen, die in Deutschland aufgewachsen sind noch nie einen strickenden Mann gesehen haben. (Sie dachte beim Atelier-Kind, dass Jungen das hier in der Schule lernen.) Der Grund warum er das gelernt hat ist bei ihr im Kulturkreis verboten. Es gibt aber trotzdem Menschen, die so sind. Sie weiß das von Männern, das hat sie in ihrer Arbeit im Krankenhaus gelernt, aber warum soll das nicht auch bei Frauen vorkommen? Nicht alles was nicht erlaubt oder unbekannt ist ist unmöglich.

Für Nadia haben wir einen Webrahmen gebastelt. Sie ist immer noch scheu, artikuliert sich kaum und es wird sie schätzungsweise sehr verwundern, dass sich mehrere Menschen und insbesondere zwei Männer von den Helfern dafür engagieren, dass sie eine Ausnahme bekommt und schnellstmöglich umziehen kann. Wenn möglich nicht in eine weitere Flüchtlingsunterkunft, sondern das Frauenhaus. Das wäre in ihrem Zustand wohl die beste Lösung, wenn sie da ein Zimmer alleine hätte und „Ansprechpartner“, insoweit wie das mit der Sprachbarriere geht, wenn schon keine fachliche Betreuung, die an allen Ecken und Enden fehlt. Ob das funktioniert weiß niemand. Salma hat versucht mit ihr über den Beitrag zu sprechen und zu fragen ob sie versuchen will mitzumachen, weil ein bisschen Aktivität manchmal die Erinnerung eindämmt. Dabei hat sie herausbekommen, dass Nadia offenbar weben kennt und mag. Wir haben ihr den Rahmen und Garn da gelassen.

Mikesch in ihrem Neid findet die ganze Sache Blödsinn und kapiert nicht was das soll. Wir haben gesagt sie kann auch mitmachen. In unserem Sprichwort kommt „alle“ vor, das würde auch Mikesch miteinschließen.

Ich muss nicht erwähnen, dass sie nur das Endprodukt haben will?!

Anderer Leute Worte

Immer wenn Paul und ich nicht verstehen was andere quält, wächst uns der Streit über den Kopf. Er wächst schnell, und jedes Wort verlangt eines, das noch mehr poltert. Ich glaube, wir sehen in dem Trinker das, was uns selbst am meisten quält.

– Herta Müller Heute wär ich mir lieber nicht begegnet

[Das ist auch auf andere Suchtformen anwendbar.]

Mikesch, Vincent und die Miezis

Ein seltenes Möchte ich auch haben. statt den kindlichen Trotzanfällen. Weil die Miezi ist so schön und das große Pferd und andere Miezi, die hinter dem Baum ist auch schön, aber Boah, gemein! Du hast das schon auf der Mappe da! (Ich habe eine Sammelmappe mit dem Motiv der „Katze hinter einem Baum“ bzw. „Katze unterm Baum“ [auf der Mappe steht eine andere Bezeichnung als im Kalender] von Franz Marc, haben mir das Atelier-Kind und die Atelier-Kind-Eltern irgendwann letztes Jahr geschenkt).

Schenkt ihr bloß mal wieder keiner.

Dann musst du dir das von jemandem wünschen.

Aha. Gibt’s das auch in kleiner?

Ich glaube. Musst du im Internet schauen.

Ach so. van Gogh mag ich aber auch.

Könnte dir auch jemand schenken. Wenn du das sagst. Man muss das wissen, Mikesch.

Kann man zwei mögen? Bei der Frage steht sie mit dem Gesicht zur Bücherwand. Da stehen neben Titeln zum Blauen Reiter und Macke auch Titel zu Haring, Warhol, Hopper, Ulay, Picasso, Chagall, Kahlo, Ai Weiwei, Beuys, Hundertwasser und van Gogh. Unter anderem.

Aerodynamik

Es gibt dieses tiefe Reden zwischen uns in dem sich alles von selbst sagt. Ich sage nichts, es macht sich selber. Das kommt von innen. Er sagt nichts, denn auch das macht sich selber. Er nennt das dann Aerodynamik.

Wo es doch eher Dynamit ist. Ich würde ihn dann manchmal gerne anspringen. Einfach der Bewegung halber und weil es relativ spontan ist. Und zudem grundehrlich. Nicht böse, grundehrlich. Er weiß wie ich das meine. Er ist für mich kein Feindbild, so wie ich für ihn. Für ihn ist jede Frau wie seine Mutter. Was ein Glück, dass die es nicht mit Arbeitsklamotten sondern Marc O’Polo hatte. [Raten dürfen Sie wegen seiner welcher Berufsgruppe die mal angehörte.] Bloß bin ich auch kein Feindbild per se. Ich bin zufällig weiblich. Das weiß er. Deshalb kann er mich auch zu sich lassen. Manchmal sagt er, er ist neidisch wenn ich sage, dass ich springen will.

Dieser Neid frisst ihn. Ich weiß das. Dieser Neid ist da weil ich als Schriftmensch über zwei Dekaden etwas getan habe, etwas tun konnte, das relativ bewegungslos ist. Er musste immer in Aktion sein. Richtig sitzen kann er bis heute nicht. Das Kind, das mit einer Mutter wie seiner lebt wird sofort zum Erwachsenen. Besonders das Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter. Vielleicht, wir wissen es nicht, nochmal schneller der Sohn.

Wenn der Neid ihn zerfressen hat spricht er manchmal mit Worten. Auch vor anderen. Sogar das Atelier-Kind hätte die Geschichte kennen sollen. Ich habe sie nicht gedolmetscht, das Kind ist zu jung. Gemeint ist jene von der Peinlichkeit als pubertierender Junge die Versorgung der Mutter zu bestimmten Zeiten, die einem als Junge und Mann nicht eigen sind, sicherstellen zu müssen. Jene vom 13- bis 18-jährigen, der Damenhygieneartikel kauft. Das hat ihn so sehr geprägt, dass er immer wieder darüber reden muss sobald er den Film sieht. Eine andere Geschichte, die mit dem fliegenden Essen hat er dem Atelier-Kind erzählt. Er hat sie sauber aufgeschrieben, so wie sie in Erstleser-Büchern stehen würde und dem Kind den Zettel gegeben. An dem Tag war er sauer weil das Atelier-Kind Marzipan rumwarf. Es wollte Ping-Pong mit den im Auftrag gemachten Kartoffeln spielen.

Er würde gern etwas Bewegungsloses tun, die Kunstform zu etwas Starrem wechseln. Versteht nicht warum ich klettern wollte, warum ich zusammenbaue und konstruiere, auf das Stück Blech gesprungen bin. Das schmeißt er mir manchmal in der Aerodynamik entgegen. Auch wenn er gar nicht will. Grundehrlich. Dann fragt er auch wie man aus sich heraus kann ohne von sich selbst zu sprechen. Biografisch arbeiten ohne es zu zeigen. Und wenn es bemerkt wird ohne sich zu erklären.

Nicht immer, aber manchmal frage ich mich dann wie wir das mit der Keramik machen konnten. Zusammen. Er als Ausführender weil ich den Ton nicht schaffte. Der Sinn dieser Sache war der Klang. Der Prozess, nicht das Ergebnis. Das Ergebnis war ein Scherbenhaufen. Der Rest wissen wollen, ob man akustisch merkt wie man jemanden brechen kann. Ohne Grund schmeißt niemand mit Gegenständen. Es gibt immer ein Gefühl, das man nicht aushält. Für das man vielleicht auch keine Worte hat, weil man sie möglicherweise gar nicht kennt oder verinnerlicht hat, dass man dieses Gefühl nicht zu haben hat. Die versoffene Fotze ist für ihn in der direkten Ansprache Mama. Trotzdem. Immer noch. Er glaubt die Distanz durch den Vornamen nicht herstellen zu dürfen. Besser so einen Bezug als gar keinen. Kein Bezug heißt für ihn keine Mutter.

Neonlicht

Spontan-Fragment/Gedankenstrom

Es hat etwas ganz Eigenes, diese große Stadt mit ihren großen Häusern in der Dämmerung. Für mich zumindest. Morgens, wenn ich zu mir zurückfahre. Ich kenne diese Stadt schon lange, viel länger als die, in der ich wohne. Als ich noch in Heidelberg lebte habe ich Mikesch dort manchmal besucht. Damals gab es dort Dinge, die mich zumindest inspiriert oder interessiert haben. Manchmal ging ich nur so durch einen fremden Stadtteil spazieren. Vom Gefühl her war damals noch alles anders dort. Jetzt, sieben bis fünf Jahre (oder andersherum?) Jahre später erschlägt sie mich schon durch die Trambahnscheiben. Riesige Bunker aus Glas und riesige Bunker aus Licht, alles glitzert und blinkt, ich habe das Gefühl, das gab es früher nicht. In meiner Stadt ist es überschaubar. Aber dort: Ein riesen Panoptikum von Hauptbahnhof in dem jede einzelne Front einen anschreit und ein unnützer Laden an den nächsten gereiht ist, das große Bankhaus hat noch größere Leuchtschrift, das Theater sieht aus wie früher und ist doch anders. Durch die nassen Scheiben verschwimmen die Lichter der Autos. So sehr, dass ich nicht nachdenken kann. Die Wagonbeleuchtung ist grell. Draußen in den Straßen ist dort wo mal Wohnraum war Café und Gentrifizierung, Yogaläden und in jedem zweiten Haus irgendein marktkonformes Kreativdings, kreative Kommunikation, kreative Möbel, Kreativtherapie. Am Straßenrand dicke Autos. Irgendwann bin ich bei einem Besuch hier mal durchgelaufen. Es war mal eine schöne Gegend. Ich fand einen Spielplatz mit einer uralten Rutsche. Damals war ich noch Schriftmensch, ich blieb stehen und notierte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das heute noch ginge. Der Spielplatz wird da sein, die Rutsche vielleicht sogar auch, aber dazu die Helikopter-Mütter. Die, von denen ich mir zwar wünsche mal eine „normale“ zu treffen, von denen ich bisher aber immer nur boshafte bis neidische Blicke und diskriminierende Kommentare bekommen habe. Wie kann eine wie es wagen ein Kind zu haben? Das ist doch unverantwortlich. Da schau, die Kinder sind auch behindert. und Aber eigentlich ganz hübsch ist die ja. Aber kannst du dir vorstellen, dass die einer nimmt? Lauter dummes Zeug. Da brauche ich gar nicht erst sagen, dass das nicht meine leiblichen Kinder sind. Ich will auch keine. Ich möchte keine Familie. Ich bin die Tochter meiner Eltern, irgendwann wird das getriggert, womöglich durch Nichtigkeiten, das tue ich keinem an. Da bin ich rigoros verantwortungsvoll und –bewusst.

Mich macht diese große Stadt unruhig. Ich will hier weg. Aber ich muss mit der Tram vom Mikesch-Stadtteil bis zum Hauptbahnhof. Anders komme ich nicht auf meine S-Bahn. In einer Kurve denke ich an Mannheim. Ich bin früher in Heidelberg gern mit der OEG gefahren. Die machte eine Rundfahrt durch mehrere Städte. Mannheim – Edingen-Neckarhausen-Heidelberg-Dossenheim-Viernheim, glaube ich. Manchmal nachmittags wenn ich erschöpft war und nichts zu tun hatte fuhr ich von Heidelberg los und hatte kein Ziel. Mein Freund M. und ich fuhren irgendwann einmal rund. Mir gefiel wenn man in der Dämmerung von Edingen-Neckarhausen durch Seckenheim und schließlich nach Mannheim direkt kam. Ich habe eine Weile in der Nähe vom Collini-Center gearbeitet. Es tat mir gut wenn die Bahn auf diese Türme zu fuhr, das hatte immer was von Freiheit und gleichzeitig zu Hause. In meiner idealen Balance wohne ich an einem anderen Ort als ich arbeite und mein Umfeld habe. Ich brauche das weil mein Zuhause mir ein sehr schützenswerter Raum ist, etwas, das ich wirklich ganz für mich haben muss. Jetzt habe ich nur noch einen Abklatsch davon mit der Stadtgrenze zwischen mir und Mikesch. Das ist nicht immer gut. Da wo ich wohne ist alles mit einer anderen Großstadt verbunden und wenn immer was ist muss man dort hin oder gleich weiter nach woanders. Mir fällt auf wie lang ich nicht zu Hause war. Es fehlt die Zeit und das Geld, eine Feuerwehrfrau meines Grades hat keinen Urlaub. Es reichte nicht mal für eine Stippvisite, außerdem bräuchte ich mindestens zwei oder drei Übernachtungen. Am ersten Abend, in der ersten Nacht würde ich wohl früh ins Bett fallen und schlafen. Einfach nur schlafen. Im Wissen, dass Mikesch mich nicht „kriegen“ kann. 300 km sind nicht mal eben zurückgelegt. Egal was sie täte, ich wäre nicht da. Nicht verfügbar. Ich wäre völlig unfähig etwas zu tun. Das müssten alle einsehen und weil das Amt von so einer Abwesenheit wissen müsste, bräuchte ich das Nicht-Da-Sein nicht vor irgendwem zu rechtfertigen. Morgens wäre ich dann vielleicht endlich mal wach und hätte auch länger als bis drei oder vier Uhr gelegen. Dann würde ich mir in Heidelberg beim Gundel was zu frühstücken kaufen oder in Mannheim ams.-Brezel oder Golden Brezel und dann würde ich ganz in Ruhe am Neckar sitzen, vielleicht noch die Orte abklappern, an denen die Clique sich damals traf, bevor wir in sämtliche Richtungen verstreut wurden. Auch wenn die Städte wahrscheinlich gar nicht mehr sind wie ich sie in Erinnerung habe. So wie diese große Stadt hier können sie nicht geworden sein.

Als ich noch Schriftmensch war hätten allein diese Scheiben mir schon etwas gegeben. Weil ich Atmosphären konnte. Das war wichtiger als Szenen und Konkretes. Die blendenden Lichter hinter der Regenschicht sind sehr atmosphärisch. Damit hätte ich was machen können. Und wahrscheinlich hätte ich es sofort getan, als ich noch Schriftmensch war hatte ich fast immer ein Notizbuch. Ich bin wohl der einzige Mensch in den meisten von mir genutzten Verkehrsmitteln, der nicht auf ein Stück Elektronik starrt. Ich habe auch fast keine. Den E-Reader, den Mikesch mir im (ernsthaft) guten Willen vor einigen Jahren schenken wollte habe ich dankend abgelehnt. Sie glaubte, damit wäre es einfacher bei so vielen Büchern. Ich bin aber nun mal Papiermensch. Ich mag Bücher und Hefte aus Papier. Ich mag Stifte und Kladden. Früher hatte ich viele. Die meisten meiner Texte sind handschriftlich in Kladden entstanden. Auch diejenigen, die später an Verlage oder Magazine gingen. Derzeit habe ich zum ersten Mal seit dem großen Kollaps Ende 2014 ein Quasi-Text-Projekt, es geht um Text und er muss zusammenhängen, er ist auch größtenteils Fiktion, aber er ist keine Prosa. Dieser Text entsteht in Schulheften, die aus einem Readymade-Multiple-Projekt übriggeblieben sind. Ich weiß nicht warum ich auf die Scheiben sehen kann ohne daran zu denken. Ich muss nicht verstehen warum mich etwas nicht mehr verrückt macht wie in Schriftmenschenzeiten. Vielleicht ist das auch ein Rest vom Kollaps. Am Anfang konnte ich noch nicht mal mehr Einkaufslisten. Und als ich dieses Blog begonnen habe, fünf Monate später, bin ich noch ziemlich rumgeeiert. Verglichen mit früher tue ich das jetzt auch, aber ich sehe das nicht als Bruch sondern als Stilwechsel. Vielleicht kann ich solche Sachdinge gut obwohl mich die Prosa so fertig gemacht hat. Manchmal denke ich sogar, wenn ich mein jetziges Quasi-Text-Projekt durchstehen kann, dann kann ich vielleicht auch ein anderes altes (Abort Ende 2014 mit dem Kollaps) irgendwie retten. Ich hatte Anfragen dieses Jahr für genau die Thematik. Ich würde nur nicht im Auftrag arbeiten wollen. Zu Auftragsarbeiten habe ich keinen Zugang und etwas, zu dem ich keinen Zugang entwickeln kann, kann ich auch nicht realisieren.

Jetzt interessiert mich das alles nicht. Ich sehe nur auf die Scheiben, will nach Hause und sehe diese furchtbar verfremdet-futuristische Stadt von der ich mir denke, dass ich froh bin, dass ich wenigstens da nicht wohnen muss und die mir schon im Betrachten die Luft abschnürt. Die letzte Schule, in der ich arbeitete lag am Stadtrand. Zwei Haltestellen hinter der Grenze in einem Wohngebiet. Ich habe immer darauf geachtet nicht auf Ausflüge mitzumüssen, bei der anderen bin ich einen Umweg gefahren um möglichst nicht durch solche Gegenden zu müssen. Wenn es da geregnet hat, dann war alles in der Bahn dunkel.

Gute Menschen

Heute: Die Frau mit dem Fahrrad

Sie werden seltener meine guten Menschen (was sicher auch daran liegt, dass mir derzeit generell nicht allzu viele Menschen begegnen), aber gestern früh habe ich sie gesehen.

Wahrscheinlich jeden Morgen fährt sie die Strecke mit ihrem Fahrrad. Ich weiß nicht wohin oder weshalb. Wenn ich früh zum Einkaufen gehe kommt sie mir entgegen. Wenn ich die richtige Zeit abpasse. Sie trägt immer den roten Helm, der bei ihr nicht wie auf den Kopf gezogen (wie es sein sollte) sondern lose oben auf den Kopf drauf gesetzt wirkt. Ich weiß nicht warum das so ist. Wir haben nie miteinander gesprochen oder wären uns woanders begegnet, ich glaube, ich bin nur einmal mit dem Wagen zur Seite gegangen, damit sie vorbei konnte.

Jedes Mal wenn sie mich seither sieht lacht sie und grüßt.

Nachdem ich sie nun mehrere Monate nicht mehr gesehen habe, freut mich das besonders.