Der Wegweiser

Es gibt Begebenheiten, die fallen einem wunderbar in die Hände. Mir und dem Atelier-Kind zum Beispiel. (Dass es mir gerade Essen zubereitet und ich nicht in meine Küche darf ist zwar nett, aber hier nicht gemeint.)

Am Vormittag finde ich bei einem von mir geschätzten Blogger einen Artikel, in dem er Menschen wie das Atelier-Kind wahrscheinlich unabsichtlich auf eine Art bezeichnet, die mittlerweile als eindeutig diskriminierend verstanden wird. Weil ich nicht glaube, dass er die Leute, die er in seinem Artikel erwähnt hinter ihrem Rücken beleidigen wollte [das wollte er nicht wie aus seiner Reaktion hervorgeht] schrieb ich einen hoffentlich nicht falsch verstandenen [das hat er nicht] Kommentar darüber wie es richtig heißt und dachte mir gleichzeitig, dass ich einmal einen Artikel über das Atelier-Kind schreiben sollte. Das hatte ich nie in Erwägung gezogen, es bedeutet aber nicht, dass es nie dazu gekommen wäre. Allerdings hätte ich wohl die Kultur aus der das Atelier-Kind, sein Bruder und seine Eltern stammen nicht gesondert erwähnt und damit auch nicht seine Sprache.

Bis jetzt wissen Sie über das Atelier-Kind vielleicht folgendes:

… das nicht nur das einzige „Inklusionskind“ im Jahrgang, sondern auch das einzige Kind in der Klasse ist, dessen Eltern so blöde Arbeitszeiten haben, dass nie einer zum Schulschluss da ist (deshalb kommt es zu mir) während alle anderen abgeholt werden.

Das schrieb ich in Woanders. Für mich ist (und wäre es auch wäre ich fremde Leserin, aber das ist meine persönliche Prägung) da lediglich eine „un-normale“ (bewusst so geschrieben) Information drin: Dieses Kind ist nicht das Kind von dergl. Es gibt viele Kinder, deren Eltern nicht zu Hause sind wenn der Unterricht mittags aus ist. Das weicht nicht ab. Er könnte ja auch zum Hort oder in die Hausaufgabenbetreuung gehen. Prinzipiell. In seinem Fall wäre das wegen der Kosten etwas schwierig, aber das spielt keine Rolle. Wenn die Schule mittags oder schon am Vormittag aus ist kommt er zu dergl ins Atelier. Da gibt es was zu Essen, Hausaufgaben und seine geliebten Kinderkunstbücher von Barbara Stieff. Manchmal auch einen genervten Philipp, dann kann man sich gegenseitig nerven. Das scheint ziemlich viel Spaß zu machen. Ich weiß es nicht, der Dolmetscher muss das nicht verstehen. Was ich verstehen muss ist wie man haushoch beim Memory-Spielen verliert und sich dabei mit überlegenem Grinsen „Du kannst einpacken!“ sagen lässt. Wenn man das einmal verstanden hat ist es ganz einfach, man ist auf verlorenem Posten. „Alle“ Grundschüler stellen einen da hin, falls sie Memory mögen. Für das Atelier-Kind gilt: Je komplizierter, je besser und umso blöder schauen die Erwachsenen aus. Wenn die dann am allerblödesten und blöder als es gar nicht geht ausschauen kommt die Krönung: Das Atelier-Kind teilt sämtliche Feiertagswünsche auf einmal mit. Er möchte bitte gerne alle Farben von Kinderkunst-Trio-Memo aus dem Museumsshop haben. (Mama und Papa, dergl, Philipp und J. sind leider schon mit der türkisfarbenen Version überfordert.)

Heute hatten wir abgesprochen, dass wir uns auf halben Weg von der Schule treffen, das Atelier-Kind und ich. Sonst kommt er alleine. Als wir in die Straße vom Atelier einbiegen kommt uns eine Frau entgegen.

„Hallo? Bitte, Entschuldigung“, sagt sie und hält mir einen Zettel mit einer Adresse hin. Sie wirkt nervös, vielleicht hat sie dort einen Termin und ist spät dran.

Ich habe den Straßennamen noch nie gesehen und weiß auch nicht wo in etwa das sein könnte.

Ich kann also nur den Kopf schütteln und sagen „Tut mir leid, ich kenne den Namen nicht.“ Da ich seit meiner Kopf-Operation „etwas anders“ rede kann ich nicht wissen ob ich verstanden werde. Mir fällt das Sprechen schwer, zumindest mit Stimme, das hört man. Wäre sie nicht direkt auf uns zugekommen hätte ich deshalb auch nicht reagiert. Das ist keine Unhöflichkeit meinerseits, es bringt einfach nichts.

Atelier-Kind sieht auf den Zettel.

Einsatz Atelier-Kind:

„Ich weiß, ich weiß! Da wohnt XY. Da muss man da lang und dann links und dann in die …“

Die Frau schaut ihm auf die Hände. Er ist schneller als ich dolmetschen kann. Das kann in jeder Sprache passieren.

[Die Deutsche Gebärdensprache ist wie jede Gebärdensprache eine eigenständige Sprache und die Muttersprache der Gehörlosen.]

Stand-by ist ein zermürbender Zustand

oder: warum ich nicht fertig werde

Manche Dinge kann man nicht zweimal schreiben. Wenn man den falschen Knopf drückt so wie ich gestern, dann sind sie weg und nicht mehr aufzufinden, weil der falsche Knopf eben nicht der Speichern- sondern der Löschknopf war. Das hier ist eine Rekonstruktion. (Die nicht an das Original herankommt.)

Im Original hatte ich über diese Szenen geschrieben, die in Filmen und vielleicht auch Büchern so gern als romantisch wahrgenommen werden: Der Punkt, an dem völlig fertige Menschen zusammenklappen, oft auf einem Sofa, und für einen Moment lang alles abgeben. Das Junkie-Paar, das in dem Moment einander mehr als den Stoff zu lieben scheint, der Trinker oder die Trinkerin, der oder die in dieser Erschöpfung beschließt aufzuhören. Der Punkt, an dem die jeweilige Person klar im Kopf zu werden scheint und versteht, dass ihr Verhalten sie dahin gebracht hat wo sie jetzt ist. Ich habe das nie verstanden. Ich habe immer nur die abgrundtiefe Erschöpfung mit dem winzigen Moment Ruhe bevor alles von vorne beginnt gesehen. Schon bevor ich mich damit beschäftigte, dass ich meinen Vater wahrscheinlich nie nüchtern gesehen habe, mein Stiefvater da war, ich chronische Schmerzen bekam oder Mikesch mit ihrer Tablettenfresserei anfing.

Vielleicht habe ich als junger Mensch die falschen Filme gesehen. Vielleicht war ich schon als junger Mensch zu sehr in der Realität. Das war auch im Schriftmenschentum so. Zwei meiner Mitschüler bis zur Mittleren Reife fanden sich recht bald in der Drogentotenstatistik. Die wollten nicht rebellieren oder gegensagen, die kamen in der Welt außerhalb nicht zurecht. Nicht an öffentlichen Schulen, nicht im Leben. Ein dritter, Apothekersohn, wurde in der Offizin seiner Eltern gefunden. Da hatte er leichten Zugang zu Betäubungsmitteln.

Das mit dem Schulsystem kann ich verstehen. Ich habe mich in der Oberstufe ein paar Mal blamiert, weil ich Dinge nicht kannte oder so anders gelernt hatte, dass sie niemand verstand. Ich weiß noch, dass ich die Ziffer 1 anders als gewohnt schreiben musste, weil ein von oben nach unten gezogener Strich dort nicht als Zahl galt. In Klausuren bekam ich für meine gewohnte 1 Rotstift.

Ihr kamt halt von unter einer Käseglocke. Aber wer hatte uns die denn übergestülpt? Die wären auch dafür zuständig gewesen uns den Rest der Welt zu zeigen. Die Eltern der drei toten Mitschüler waren nicht die einzigen, die später eine unerfreuliche Quittung bekommen haben. Wer keine Hilfe bekommt in einem System, in dem er sich nicht zurechtfindet versucht seine Ordnung wieder herzustellen. Man kann nicht alles kaufen.

Vielleicht weil ich das wusste und für mich klar hatte woher es kam hatte ich in dem Pflichtpraktikum in der Oberstufe nur wenig Probleme. Meine Einrichtung war eine für größtenteils wohnungslose Mädchen und Frauen. Einige davon hatten Suchtkrankheiten. Manche davon vertrauten mir mehr als anderen, denn wir kamen aus ähnlichen Familien und hatten alle nicht wie erwartet an unsere Eltern „geliefert“. Ich habe oft eine gewisse Verbindung gespürt. Ich war nicht anders, meine Voraussetzungen waren die gleichen. Ich habe vielleicht einfach nur Glück gehabt.

Ich habe viele Namen vergessen oder erinnere mich an Namen zu denen ich keine Gesichter mehr sehen kann, aber manchmal denke ich noch an Judith und Nadine. Mit Judith, die alkoholkrank war, verbindet mich eine besondere Erfahrung, an Nadine muss ich manchmal denken, wenn ich mich selber dem Fertigsein nähere.

Nadine war so alt wie ich und der ungeliebte Zwilling. Sie hatte mit elf oder zwölf mit Heroin begonnen. Als ich sie kennenlernte war sie ein Alt-Junkie. An dem Punkt war sie körperlich so fertig vom Stoff, dass ich nicht glaube, dass sie noch lange gelebt hat. Ich weiß noch, dass es schwierig war dieses Mädchen als Mensch wahrzunehmen. Das tat weh, weil ich besonders bei ihr gemerkt habe, dass sie eben nicht „nur“ ein User war. Weil trotzallem auffiel, dass sie noch ein Mädchen war. Ich erinnere mich, dass sie irgendwann das kleine Radio im Essraum aufdrehte weil ihr Lieblingslied gespielt wurde. Das hatte ich auch schon mal getan. Alle anderen Mitarbeiterinnen auch. Bei den anderen Klientinnen mit Suchterkrankung konnten wir uns oft sagen, dass wir uns nie ähnlich verhalten würden.

Ich kann sie noch sehen wie sie auf der Treppe vor der Einrichtung sitzt und nicht aufstehen will, weil sie keine Bleibe für die Nacht hat. Die Notschlafstellen kosteten 6,50 DM. In dem Moment hatte sie alles, was ich meine. Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit, Wissen es gibt keine Ruhe. Nur ein winziges Fenster, dann geht alles von vorne los. Im Film hätte man bei ihrem Anblick gedacht Die hört jetzt auf, stellt sich morgen der Polizei und geht in den Entzug.

Mich saugt kein Stoff aus. Und trotzdem kenne ich dieses Fertigsein. Wie erklärt man nächtelang Randale wegen einer Salami?! Warum muss man in der Früh öffentlich ausdiskutieren, dass es dabei nur ums Haben ging, Mikesch hätte die Wurst sowieso nicht gegessen?! Wie soll man eigentlich etwas beurteilen wenn man nicht dabei war und das andere sich nicht vorstellen können?! Es ging darum, dass ein anderer etwas hatte und sie nicht. Das gleiche hatten wir die Woche über schon mal, einmal mit der Jacke ihrer Nachbarin (warum hat die so eine Jacke und Mikesch nicht) und einmal mit meinem neuen Steppbett (warum bekommt dergl ein Steppbett geschenkt und Mikesch nicht). Und warum fragt man sich immer wieder dasselbe, warum sie nicht lernt?! Warum muss man das immer wieder und jeden Tag neu erklären?

Ich merke wie die Leute mich morgens auf dem Nachhauseweg ansehen. In der Bahn und beim Umstieg. Ich wirke krank. Ich schlafe nicht viel, weil ich dauernd hin und her muss und hier alles stehen und liegen bleibt. Möglicherweise denkt der ein oder andere, ich nähme etwas. Möglicherweise habe ich nach außen hin gerade diese „romantische“ Abgerissenheit. Stand-by ist ein zermürbender Zustand.

Gute Menschen (Saalprojekt-Edition)

Heute: Salma

Manchmal, wenn meine Schmerzen zu stark werden setze ich mich auf den Boden. Das hilft auch nichts, aber es gibt mir einen Moment lang Sicherheit. Ruhe. Dann kann ich es besser aushalten. Im Saal gibt es eine Ecke hinten beim Fenster, in die passe ich gut. Weil ich mit dem Kopf nicht nach vorn kann lege ich ihn in den Nacken. Zwei Minuten stop motion.

Fünf.

Nicht dass ich zählen würde.

In gefühlter Minute sieben setzt sich jemand neben mich. Jemand anders sagt noch, dass man mich nicht anfassen soll. Ich werde aggressiv wenn mich jemand anfasst, besonders in den starken Phasen.

„Frau hat Schmerzen.“

„Muss man operieren und mit Draht.“

Müsste man. Macht aber keiner bei Kassenpatienten wie mir. Ich kann nämlich nicht zuzahlen, mir keine Orthesen für 500€ erlauben und die Diagnose so wie sie gestellt wurde findet sich nicht im ICD-10, kann also nicht abgerechnet werden. Das was wirklich nützen würde gibt es ohnehin nur für Privatpatienten.

Durcheinander gesprochenes.

Dann erklärt unser Dolmetscher, was der irakische Arzt aus 50 cm Abstand zu sehen glaubt. So präzise hat mir das noch kein deutscher Arzt erklärt, der näher dran war oder hin gefasst hat.

Dann gibt die Frau, die zuerst gesprochen hat mir einen Becher. „Nicht trinken! Nur riechen!“ Dann schreit sie: „Tuch!“

Die Frau heißt Salma. Ich muss noch mal fragen wo sie herkommt. Das habe ich vergessen. Salma, ihr Mann, ihre Söhne und ihr Schwager gehören zu den Menschen, die beim Saalprojekt helfen. Salma hat im Krankenhaus gearbeitet. Sie hat bei der ganzen Arbeit immer genau im Blick wem es wie geht und wer was kann. Einige Helfer sind krank, sie haben die Grippe, oder haben Verletzungen, die von zu Hause oder der Flucht herrühren. Hier sind so viele Menschen und es ist so viel zu tun, dass sie mich eigentlich gar nicht wahrnehmen sollte.

Trotzdem hat sie irgendwie Inhalationslösung organisiert. Damit es ein bisschen besser wird und ich weiter machen kann. Ich danke.

Kennen Sie Odranek?

Die Odranek ist eine Erfindung von Enno und eine Verwandte vom Odradek aus der Geschichte von Kafka. Sie besteht überwiegend aus Stöckchen und verfilzten Wollfäden und weigert sich unabhängig vom Wetter meinen Balkon zu verlassen. Dass es sich um ein Weibchen handelt erkennt man daran, dass ihre oberen Fäden vorwiegend fuchsia sind. Das männliche Filzgebinde von heute trüge das wahrscheinlich nicht und hätte sich um die olivgrünen Fäden bemüht.

Ich weiß nicht wann oder wie Enno sie gebaut hat, aber egal wo ich sie hinwerfe, wenn ich zurückkomme, ist sie wieder da. Wahrscheinlich würde er sie sogar im Hausmüll finden. Oder sie ist wie ihr Verwandter in Die Sorge des Hausvaters einfach nur „außerordentlich beweglich und nicht zu fangen“.

Ich stelle mir vor, dass sie „Hier!“ sagt, wenn ich sie nach ihrem Wohnsitz fragen würde.

Das hieße dann aber auch, dass sie noch da ist wenn hier irgendwann längst schon andere Menschen wohnen.

Ich muss auch wirklich nicht alles verstehen

Mir hat heute jemand gesagt, ich sähe aus wie Marian Gold in den 80er Jahren. Mir nicht viel aus Musik machend musste ich den Namen recherchieren.

Die Person hat Unrecht.

Erstens habe ich keine so dunklen Haare.
Zweitens keine kurzen.
Drittens versuche nicht mit Mitte dreißig auszusehen wie Anfang zwanzig. Der Typ ist wahrlich zwei Jahre älter als meine Mutter.

(Der dunkelhaarige Mensch. Bei dem Typ mit den langen Haaren – ab dem dritten Bild oder in der Standaufahme ohne Abspielen rechts – hätte ich eine unterstellte Ähnlichkeit noch verstanden.)

Es gibt diese Momente

Mikesch freut sich.

Eine ganze rosafarbene Tüte voller bunter Schals, Pantoffeln und Taschen für sie alleine!

Sind das aber schöne Sachen.

So was hat bestimmt gar kein anderer außer ihr.

Die Wolle hat sie nämlich noch nie im Verkauf gesehen und außer dergl strickt sowieso kein Mensch auf Rahmen. Wie geht das überhaupt?

(Wurde ihr zig mal erklärt und hat sie auch schon selber probiert.)

Jetzt hat sie was ganz Eigenes.

(Nicht zum ersten Mal.)

Ich weiß nicht warum ich das sehe und dabei an das Erzählstück aus Herta Müllers Niederungen im gleichnamigen Erzählband denken muss wo das Mädchen in der Stadt das rosarote Eis bekommt. Der Vergleich hinkt.

Woanders

Außer der Reihe

Ich mag keine Werbung. An meinem Briefkasten klebt so ein nettes apfelgrünes Schild (Farbe der Wohnungsgesellschaft), ich registriere mich so gut wie nie irgendwo online, nutzte für Kommentare etc. eine alte Adresse, die ich für nichts anderes mehr nutze, habe einen Ad-Blocker und ich finde Werbung sowieso überflüssig. Sogar mit einer offenen Blogroll hadere ich derzeit noch, weil ich so viele verschiedene Blogs abonniert habe, die so viel verschiedene Themen haben und ich dann auswählen müsste wer thematisch dahinein passt und wer nicht (was keine Wertung wäre), wen ich also im erweiterten Sinne bewerben würde.

Ich kenne mich ohnehin noch nicht so gut im Bloggerleben aus. Das liegt auch daran, dass das Internet für mich nicht denselben Stellenwert hat wie für viele andere Menschen. Mir sind ungelogen reale und gefestigte Freundschaften zerbrochen weil nicht akzeptiert werden konnte, dass ich nicht bei sozialen Netzwerken mitmache und da auch nicht mitmachen will.

Vor Kurzem habe ich zum ersten Mal an einer Blogparade teilgenommen. Ich schrieb einen Beitrag von dem ich durch Diskussionen in anderen Blogs wusste, dass einige meiner Leser sich ohnehin dafür interessierten, für den ich aber bis dahin nicht den richtigen Rahmen gefunden hatte. Ich erklärte wie es zum Angewiesensein zwischen Mikesch und mir gekommen ist und dass das einen nicht nur fertig sondern auch in gewisser Weise fremd macht. Das ist auch das Thema dieser Blogparade: Fremdsein.

Das Landlebenblog aus dem Odenwald – ist in der Nähe von Heidelberg und der geneigte Leser hat mitbekommen, dass ich daher hierhin zugezogen wurde -, sammelt seit 01. September und noch bis Ende des Monats (30. September) Beiträge zum Thema Ich war fremd. Das muss nicht örtlich bedingt sein, es gibt auch innere Fremdheit.

Ich sprach hier schon von Mariam, die obwohl sie jetzt fremd ist und ausgerechnet neben der nur nicht fremden Mikesch wohnt, mich nach meiner Fremde gefragt hat und offline begegne ich, wenn man nur ins Gespräch kommt lauter Leuten mit lauter eigenen und nicht immer offensichtlichen Fremden:

Meiner Nachbarin (62) und ihrem Schäferhund, die nach der Scheidung vom Westerwald hier hin kamen, weil sie hier eine Schwester wohnen hat, die ihr einziger vom Ehemann unabhängiger Kontakt war.

Dem Sohn (18) meiner anderen Nachbarin, der keine betriebliche sondern eine rein schulische Ausbildung macht und damit auf Unverständnis und Häme bei Gleichaltrigen stößt. Außerdem dessen und deren Hündin, die vor zwölf Jahren aus einer spanischen Tierrettung nach Deutschland geholt wurde, vor ihrer Zeit in der Tierrettung misshandelt wurde und immer noch mit anderen Hunden und Menschen fremdelt.

Meiner Nachbarin in der Nebenwohnung, die vor einigen Tagen 90 Jahre alt wurde und aufgrund der Nähe zur Notunterkunft derzeit viel an ihre eigene Flucht denken muss.

Dem Mann, der ehrenamtlich in Kindergärten vorliest und immer wieder seltsame Reaktionen erntet, weil das eine Frauendomäne ist.

Der Straßenzeitungsverkäuferin.

Dem Atelier-Kind, das nicht nur das einzige „Inklusionskind“ im Jahrgang, sondern auch das einzige Kind in der Klasse ist, dessen Eltern so blöde Arbeitszeiten haben, dass nie einer zum Schulschluss da ist (deshalb kommt es zu mir) während alle anderen abgeholt werden.

Einem Bekannten von mir, der stricken kann und deshalb im Handarbeitsladen angestarrt wird.

Einer Bekannten von mir, trockene Alkoholikerin, die auf einer Party mit Sektausschank „daneben stand“ und sich alle fünf Minuten erklären musste.

Walburga, die früher in Berlin gewohnt hat und jetzt in Norwegen lebt.

Meinem Bruder, der als Fan von Schalke 04 in entsprechender Montur letztens in einem Zug voller Dortmund Fans mitfahren musste.

Dem auf ALG II angewiesenen Grafiker, der zur Tafel muss.

Der ausrangierten Verkäuferin (53), die Flaschen sammeln muss, weil das Geld nicht reicht.

Dem ausgebildeten Krankenpfleger, der auf der Arbeit schlechter behandelt wird, weil er nur Leasing ist.

Katrin, die mindestens fünfzehn Jahre älter ist als alle ihre Kolleginnen. Und sich als Kind ausgeschlossen fühlte weil sie in einer Schulklasse mit lauter Scout-Ranzen-Trägern die einzige mit Amigo-Ranzen war.

Silvio, dem Scheiß-Ossi.

Haben Sie auch eine Fremde von der Sie erzählen möchten? Das Landlebenblog sucht noch Beiträge.