Zwei Filme für das Atelier-Kind

Eigentlich habe ich die DVDs nur wegen einer Folge erworben. Ich hatte gehofft dem Atelier-Kind eine bessere Erklärung über die, die einmal das Mikesch-Mädchen gewesen ist geben zu können wenn ich ihm Mein Freund Arno zeige.

Mein Freund Arno ist ein Kurzfilm aus der Kindersendereihe „Bettkantengeschichten“ und erzählt die Geschichte von Gerhard und seinem Freund Arno, dessen Mutter Alkoholikerin ist. Zu Beginn lernt man Maren, die Tochter des erwachsenen Gerhard kennen, die mitbekommt wie sich die Eltern ihrer Freundin Rieke lautstark streiten und der von Rieke deshalb die Tür vor der Nase zugeknallt wird. Maren ist sauer, denn der Besuch war abgesprochen und generell verhält Rieke sich in letzter Zeit merkwürdig. In der Schule sagt Rieke nie etwas und weint wenn sie aufgerufen wird. Das erinnert Gerhard an seinen Schulfreund Arno, der auf einem Klassenfoto fehlt, weil er aus dem Bild gegangen ist. Arno wie Rieke zeigen „normales“ Verhalten von Kindern aus Familien mit „Geheimnissen“ (es wird nicht aufgelöst was bei Rieke los ist), aber für andere sind sie natürlich verhaltensauffällig.

In diesem Kurzfilm von 1987 sieht man unter anderem das von Alkohol beeinflusste Verhalten der Mutter in der Öffentlichkeit, für das Arno sich vor Gerhard und allen anderen Leuten schämt. So wie das einige erwachsene Leute wegen dem Verhalten von Mikesch tun. Sie fing an Tabletten zu nehmen als ihr zweiter Ehemann vor einigen Jahren nüchtern wurde. Ich hätte gerne einen Film zur Thematik von Medikamentenabhängigkeit gehabt, aber so etwas scheint es in Deutschland für Kinder nicht zu geben. Auch zu anderen Suchterkrankungen konnten mehrere Stellen nur auf Medien von vor der Jahrtausendwende verweisen.

Mein Freund Arno wäre beinahe ideal um dem Atelier-Kind den Dergl-Vater, der seit seiner Jugend aktiver Alkoholiker ist, in „guten“ Phasen zu erklären, aber um den geht es nicht. Man könnte mit dem Film auch die Walburga-Mutter (O-Ton Walburga im Rückblick als Erwachsene: blöde Saufziege, die ihre eigene Brut für Fusel verkaufen würde) oder die Philipp-Mama (O-Ton: die doofe, versoffene Fotze) erklären. Am Ende des Films gibt es eine Szene in der Arno in einem Moment in dem er merkt, dass nichts was er macht die Situation vor der Eskalation retten kann seinen Druck und seine Wut artikuliert und seine Mutter vor dem Lehrer als „Du gemeines Miststück! Du Luder!“ beschimpft.

In der ganzen Zeit davor wird gezeigt unter welchem Stress der zehnjährige Junge wegen der Krankheit seiner Mutter steht. Arno kann nicht spielen oder Sport machen wie andere, er muss einkaufen, putzen, sich um seine Geschwister kümmern und dazu noch bei anderen Leuten Taschengeld verdienen, weil das Geld nie reicht. Er kann niemanden rein lassen oder zum Geburtstag einladen (Gerhard ist der einzige Gast), weil sonst die Krankheit der Mutter bemerkt werden würde. Eine Nachbarin beschwert sich in Gerhards Beisein bei Arno, dass die Mutter nachts im Hausflur laut war. Die Momente, in denen er verschnaufen und von einem Rennrad träumen kann sind kurz. Richtig „runterkommen“ kann er nie, er ist immer in Alarmbereitschaft.

Der Film ist damals wie heute auch deshalb mutig weil er eine Konstellation entgegen dem verbreiteten Konstrukt zeigt. In diesem Konstrukt gibt es fast ausschließlich trinkende Väter und es sind immer Mädchen, die letztendlich dafür sorgen, dass es im Familienleben weitergeht. Hier kümmert sich ein Sohn um seine Mutter.

Ein früherer Film von 1983 oder 1984, den ich auf den DVDs fand heißt Serab ist fremd. Serab, die mit ihrer Familie aus der Türkei gekommen ist, hat im Kindergarten nicht so richtig Anschluss und will deshalb irgendwann von sich aus nicht mehr mitspielen. Die Kindergärtnerin tröstet sie und erzählt, dass sie selber auch einmal fremd gewesen ist. Edith, ihr Bruder Dieter, ihre Mutter und ihre Tante mussten im Krieg in eine andere Gegend in Deutschland fliehen und erwischten gerade noch den letzten Zug. Damals war sie noch ein Kind. Sie konnten fast nichts mitnehmen, auch Ediths Puppe Hannelore nicht. Die Frau, der sie zum Wohnen zugeteilt wurden wollte die vier nicht haben.

Edith erzählt Serab, dass die Frau für die vier Leute nur ein ganz winziges Zimmer bereitstellte, immer schnüffeln kam (Edith und Dieter haben sie erwischt) und auch die Leute im Dorf nicht nett waren. Viele haben den Flüchtlingen unterstellt gierig zu sein und klauen zu wollen. Ediths Mutter hat oft geweint.

Es gab natürlich auch nette Leute. Eine Nachbarin hat den Kindern Erdbeeren geschenkt und kam dann auch noch und schenkte der Familie Federbetten und Möbel. Dafür war kein Platz weil das Zimmer so klein war.

Einmal, als die Mutter von Edith und Dieter die Frau bei der sie wohnten wegen der Schnüffelei zur Rede stellte hat Edith blitzschnell gehandelt und die Tür zum Nachbarzimmer aufgestoßen. In das Zimmer durften sie nicht rein, aber die Frau bei der sie wohnten ging jeden Tag durch das Zimmer der vier dort hinein und kam kurz danach wieder heraus. Die Kinder fragten sich warum. Hinter der Tür lag ein riesiger leerer Raum und darin einziger Sack Hühnerfutter. Die Frau, die die Familie nicht haben wollte, hatte so versucht sich darum zu drücken Flüchtlinge aufnehmen zu müssen. Sie hatte versucht mit dem winzigen Raum für die vier zu erreichen, dass sie von alleine wieder gingen. Das kommt Serab, die kein Flüchtlingskind sondern die Tochter von Gastarbeitern ist, bekannt vor.

Ich wage es und bezweifle, dass auch dieses Thema heute noch so umgesetzt werden würde. Zumal als Teil einer Kindersendung und nicht als Lehrmittel.

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