Gedanken zu einem leeren Saal

Der von mir geschätzte Ulay (Uwe Laysiepen, geboren 1943 in Solingen), ein Fotograf und Performance-Künstler hatte 1992 eine Ausstellung in New York mit dem Titel Can’t beat the feeling – Long playing record. The Homeless Project.

Für dieses als soziales Experiment konzipierte Projekt nutzte er sein favorisiertes Medium Polaroid-Fotografie um die Ungleichheiten zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung in den USA aufzuzeigen. Er fotografierte einige schwarze Richter und viele schwarze Obdachlose und stellte die großformatigen Bilder in einem Saal weißen oder teils weiß getünchten Symbolen des US-amerikanischen Alltagslebens sowie Auszügen aus Jean Genets Text „The Blacks: A Clown Show“ gegenüber. Bei der Eröffnung der Ausstellung waren die fotografierten Obdachlosen zugegen.

Ich habe über dieses Projekt in dem Buch „Whispers: Ulay on Ulay“ von Alessandro Cassin und Maria Rus Bojan gelesen, durch das sich ein langes Interview von Cassin mit Ulay zieht. Im Gespräch mit Cassin sagt Ulay, dass die Ausstellung nicht gut ankam, da die Amerikaner sie nicht verstanden hätten und eher befremdet gewesen wären, dass ein Europäer ihnen diese Thematik präsentierte, die damals noch nicht so im breiten Bewusstsein gewesen wäre.

Ulay hat mehrmals unkonventionelle Umsetzungen gewählt um soziale Fragen zu thematisieren. Beizeiten medial etwas bekannter war in Deutschland kurzzeitig seine Aktion There is a criminal touch to art – Corresponding to a situation, bei der er 1976 das Gemälde „Der arme Poet“ von Carl Spitzweg aus dem Museum entwendete und in die Wohnung einer türkischen Familie brachte, um auf die Diskriminierung der Türken in Berlin aufmerksam zu machen. Die Springer-Presse titelte prompt „Linksradikaler raubte unser schönstes Bild“.

Die Aktion mit dem Bilderdiebstahl (die gelben Fotos) passte in ihre Zeit und wer sich bemühte konnte die Aussage durchschauen. Damals gab es noch Aktionskunst und bald war die künstlerische Intention klar. Heute wäre so etwas weder möglich noch würde es als etwas anderes als eine kriminelle Handlung verstanden werden. Abgesehen davon wäre gerade in diesen Zeiten die Aussage erstrecht nicht unzweideutig. Was damals durch die Bedeutung des Gemäldes für Inklusion werben sollte, stünde heute für Exklusion.

Was mich inspiriert ist die zuerst erwähnte 1992er Ausstellung in New York.

Die Menschen, die jeden Tag von weither und unter für uns undenkbaren Ängsten und Strapazen hier eintreffen und in Notunterkünften zusammengepfercht werden mussten sich zu nicht unwesentlichen Teilen deshalb zur Flucht entschließen, weil Deutschland ein riesiges Waffenkontigent exportiert. So viel, dass in einigen Ländern Krieg und Gewalt erst möglich werden. Dass Menschen davor fliehen ist eine logische Konsequenz, die oft auch von hilfsbereiten Menschen nicht bedacht wird. Die Konsequenz aus einem Verhalten zu tragen sollte eine normale Schlussfolgerung und Verantwortung sein. Diejenige Verantwortung, die Deutschland militärisch übernehmen müsste wäre Abrüstung, Stopp der Rüstungsexporte und nicht die Unterstützung neuer Kriegsherde.

Wenn man nun in einem großen Raum Bilder von einem Teil dieser Menschen, vielleicht sogar bewusst mit einer Einmalkamera aufgenommen, im Wechsel mit professionellerem Bildmaterial von dem was exportiert wird und dazwischen vielleicht Texte arrangiert – müsste man dann nicht, im Glauben an die Erkenntnisfähigkeit der Menschen, irgendetwas in Gang setzen können?!

Gute Menschen

Heute: Der kleine Marschierer

Heute Vormittag war ich im Einkaufszentrum. Da wo ich wohne bekommt man nicht alles. Für einen Freitagvormittag war es überraschend leer, selbst an der Supermarktkasse ging es schnell. Nur am Ausgang bei den Glastüren wurde es etwas voller.

Zwischen all den Leuten, die durch die Türen wollen bildet sich plötzlich ein Spalt. Hindurch marschiert mit festem Schritt und einer Entschlossenheit, die man nur dann haben kann, wenn man sich sicher ist, dass man genau in diesen Moment gehört ein kleines Kind. Ein Junge mit etwas dunklerer Haut und schwarzen Haaren, vielleicht anderthalb Jahre alt. Ich schätze nicht gut.

Ganz frei und ohne Angst.

Er stößt nicht an, er sieht sich nicht um, er will nicht weglaufen wie das Kinder in dem Alter manchmal aus Entdeckungsdrang tun.

Wenn er jemand ansieht, dann lächelt er.

Mit Abstand dahinter, völlig ruhig und ohne Panik, der Vater mit dem Kinderwagen.

Er ruft nicht, er greift nicht ein, aber er weiß ganz genau wo das Kind ist.

Die Leute bleiben fasziniert stehen. Lächeln das Kind und den Vater an. Es wirkt beinahe surreal. Vielleicht weiß ich nicht als einzige nicht wann ich so ein Vertrauen zwischen Eltern und Kind zum letzten Mal gesehen habe. Hier gibt es fast nur noch Helikopter.

Ein zweischneidiges Schwert

Mikesch schreibt mir eine Textnachricht, sie hätte etwas für mich. In einem Onlinekauf hätte sie etwas für meine Sammlung gefunden. Neuware, ein Stück, das ich schon länger suche und ihr woanders schon mal gezeigt hätte. Auf dem Bild im Verkaufsportal sei sogar noch das Originalpreisschild an dem Stück gewesen.

Ich lese das und freue mich.

Und weiß nicht ob ich mich freuen darf.

Weil ein materielles Geschenk ihrerseits – mein Geld nimmt sie nicht – für sie bedeutet, dass etwas „vergessen gemacht“ werden kann, das eigentlich nachhallt und Konsequenzen im Verhalten nach sich ziehen müsste. Es ist eine Form von Freikaufversuch.

Sie weiß, dass das bei mir nicht zieht. Nennt mich nachtragend und starrsinnig. Dann ist auch der echteste Dank ihr nichts wert. Sie kann nicht trennen was was ist.

Bei der Sammlung wird das besonders deutlich. Sie hat nie verstanden was diese Sammlung soll und zeitweise war sie ihr sogar peinlich (weil sie niemanden sonst kennt, der das macht), aber sie hat sich – für mich ein positiver Schock – von Anfang an für diese Sammlung eingesetzt.

Die meisten Stücke dieser Sammlung sind Schenkungen, der Rest Übernahmen.

Als ich die Sammlung begonnen habe und sie genau wie alle anderen mir bekannten Menschen von denen ich ähnliches wusste gebeten hatte, sie möge in einem entsprechend altem Laden an ihrem Wohnort fragen ob sich eventuell noch Restbestände im Lager befänden, die man zu verkaufen bereit wäre ging sie gleich dreimal dorthin und „erquatschte“ (ihre Wortwahl) Stücke, die offiziell nicht mehr existent waren sowie die Anschrift eines weiteren Ladens, der ebenfalls noch ein unverkauftes Reststück hatte. Aus dem ersten Laden dürften etwa 20 Stücke in meinem Besitz sein. Der Großteil, weil sie penetrant war.

Ich habe ihren Einsatz immer wieder betont. Andere Leute waren mit mir über dieses extreme Engagement erstaunt. Ich weiß, dass das etwas Besonderes ist. Da sie bis heute den Grund nicht versteht zumal.

Als ich noch Schriftmensch war hatte diese Sammlung viel mit meiner Kunst und dem Prozess zu tun. Generell hat sie es mit Identität. Es geht im erweiterten Sinne um Arbeitsmaterial.

Was Mikesch versteht ist: Wenn sie jemandem etwas schenkt, dann ist das ein Zeichen, dass sie die Person mag und das allein muss ein Grund sein, dass man ihr nicht böse ist und ihr alles erlaubt. Das macht sie bei allen, denen sie etwas schenkt. Deshalb sind ihre Geschenke oft über die Maßen.

Letzte Woche ist es bei uns wieder eskaliert.

Wenn sie mir jetzt mitteilt, sie hätte etwas für mich, dann ist freuen, nicht nur über den Gegenstand sondern auch den persönlichen Einsatz, ein zweischneidiges Schwert…

Ich schließe mich an…

Außer der Reihe

…der Perlengazelle. Die Perlengazelle hat unter dem Titel „Ich wünsche mir“ wahre Worte in Bezug auf die besengten Bürger (und andere Rassisten) gepostet. Hier der Link: Ich wünsche mir auf gazelleblockt. (Ich mag keine Reblogs, Sie müssen schon hinklicken.)

Über einen anderen Blog auf dem ich lese fand ich einen Hinweis auf einen Artikel der Journalistin Vera Bunse: Bitte unterstützt Blogger für Flüchtlinge. (Die Initiative findet man hier: Blogger für Flüchtlinge.)

Man muss nicht spenden, und ich persönlich würde wenn ich es hätte und spenden wollte statt einer Berliner Initiative lieber eine Initiative an meinem Wohnort unterstützen. Aber vielleicht reicht es auch einfach, dass wir Artikel schreiben und das Thema benennen.  Das Fellmonsterchen, das Blogthematisch mit mir gar nicht auf der Linie ist (es gibt Gründe warum ich trotzdem gern bei ihr lese) hat das getan, der Maler Volker Wulle hat es umgesetzt und thematisiert. Und andere auch.

Ich verweise noch mal auf Feuer  und Unter Künstlern hier bei mir zum Thema und die weisen Worte von August Macke, die ich schon einmal gespostet habe.

Die Menschen, die in Deutschland im Siegestaumel leben kennen nicht das Schreckliche des Krieges.

Der Dreck, den die besengten Bürger oder die Rassisten, die irgendwo Unterkünfte abfackeln absondern ist auch eine Art „Siegestaumel“. Und die Politik schaut zu und quatscht jetzt heiße Luft.

Es gibt ja Leute, denen mehr an Musik liegt als mir. Ich habe leider das Originalvideo nicht gefunden. Marcus Meyn, Oliver Kreyssig und Heiko Maile spielen im Originalclip eine Geschichte wie sie die Flüchtlinge x-fach erleben.

Camouflage „Strangers Thoughts“ 1988

Kater und Mikesch

Kater springt auf die Küchenarbeitsplatte und reibt den Kopf am Gewürzregal: Mau

Mikesch: Was willst du denn schon wieder?

Kater: Mauuu

Mikesch: Petersilie? Schon wieder? Das Scheißvieh frisst sein Futter mit Petersilie-

Kater hat offenbar Hunger: Mauuuu

Mikesch nimmt die Petersiliendose: Ja, komm. Wer hat dir die Scheiße bloß beigebracht? Petersilie. Alle einen Knall hier außer mir.

Es wirkt im ersten Moment trivial. Aber ganz so oberflächlich ist es nicht.

Nebenbei (für die Seele)

Es ist seltsam etwas in kleinem Maßstab vor zu konstruieren. Ich weiß ehrlich gesagt nie ob es im Großen auch passt. Es ist etwas anderes etwas aus Platzgründen auf einem Zimmertisch oder –boden zu konzipieren und konstruieren als es dann am endgültigen Ort und in größer mit manchmal anderem Material aufzubauen. Zumindest wenn man wie ich kein ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen hat. Auch mein räumliches Sehen wurde in der Kindheit nie geschult, das was ich später nachholen konnte kommt an andere nicht ran.

Noch seltsamer ist für mich das Gefühl etwas in kleinem Maßstab und mit anderem Material nachzubauen. Es sollte ein Experiment mit Empfindungen und Körpergefühl sein. Manchmal mache ich so was, ohne eigentlichen Zweck.

Mir hat „Plight“ von Joseph Beuys nie Angst gemacht. Ich habe es zwar nie verstanden und mir fehlte in meiner Wahrnehmung lange der Aspekt, dass das Objekt wahrscheinlich schallisoliert ist, aber es machte mich nicht ängstlich. Vor den sich bewegenden Teppichrollen in Bau- und Einrichtungsmärkten wird mir anders, weil sie sich bewegen, aber nicht wenn ich Bilder oder Videos dieser Filzrollen sehe. Die bewegen sich nicht und was sich nicht bewegt, das kann mir nichts tun. Im Gegenteil weckt dieses Objekt in mir eher ein Gefühl von Geborgenheit. Das ist so. Das muss nicht verstanden werden.

Und weil es nicht verstanden wird und es mir schwerfällt kognitiv wirklich anzunehmen, dass es andere verängstigt, wollte ich es in kleinem Maßstab nachbauen. Aber nicht wirklich. Sondern so wie es mir Angst machen würde und anderen dafür nicht.

Dann ist es auch kein Beuys-Nachbau, dann ist es etwas eigenes. Und es ist nicht für andere Leute gedacht. Das kommt nirgendwo hin, das bleibt hier.

Das was hier bleibt sind sich bewegende, marmorierte Filzrollen in zwei Modellräumen arrangiert. Ich weiß noch nicht wie viele. Weil es ein Privatprojekt ist mache ich weiter bis kein Material mehr da ist und so lange wie ich Lust habe und wann.

Interpretation ist mir egal.

Der Sinn auch.

Wenn Ihnen das zu still war:

Man muss das nicht mögen. Ich weiß auch nicht was ich davon halte.

Von der Müdigkeit

„Fixer-Kind wär einfacher“, sagt er müde und ich verstehe das.

Es gibt diese Tage an denen bei aller gewonnener Distanz und bei aller eigenen Genesung Sätze wie

Ich versteh das nicht, Sie sind doch ein Mann, nehmen Sie ihr die Pulle ab und gut ist. Der würd ich geben den ganzen Tag saufen. Oder sind Sie feige?!

(zu ihm) oder

Jetzt tu mal nicht so als ob ein Psycho schwer wär. 24/7-Job, ha ha!

(zu mir) einen fertig machen können. Noch immer. Trotz allem. Auch nach über zehn Jahren Selbsthilfegruppen und Therapie.

Auch wenn ich nicht unbedingt glaube, dass es einfacher wäre. Deren Probleme sind nur anders gelagert und in einer anderen Art und Weise hart. Vielleicht würde es auf uns im ersten Moment einfacher wirken, weil es anders ist. Aufwiegen ist so verkehrt wie sinnlos.

Ein erwachsenes Fixer-Kind bekäme vielleicht nicht unbedingt viel mehr Verständnis, aber ihm würde vermutlich nicht unterstellt, es könne etwas am Zustand der Mutter ändern, es wolle nur nicht oder sei zu ängstlich. Bei einem Fixer-Kind würde auch die Distanz verstanden, weil ein Drogen konsumierender Mensch etwas Illegales tut. Jeder versuchte Eingriff des Kindes wäre gleich als Grauzone erkennbar. (Und auf die Warnungen eines erwachsenen Fixer-Kindes würde vielleicht auch bei medizinischen Belangen gehört.)

Und natürlich das Bild bei uns: Man säuft, weil man will und Tabletten nimmt man weil man krank ist. Wir Dummköpfe, dass wir das nicht sehen.

Und wenn die wirklich krank sind, dann muss man ihnen doch helfen und besonders nett und hilfreich sein. Nicht so wie wir.

Schon klar.

Wie, die hat ihren Arbeitgeber beklaut? Wie, aus dem Badezimmerschrank von K. fehlt eine Schachtel seit sie da auf dem Klo war? Wie, Gericht? Wie, Gesundheitsamt? Wie, die ist auf den C. losgegangen? Das ist doch so eine nette Frau.

Ja sicher. Ganz bestimmt.

Doch, ich verstehe was er meint.