Unter Künstlern

S. will von mir wissen ob ich immer noch dieses komische Flüchtlingsthema habe. Das Thema ist nicht komisch und ich bin mit meiner Installation noch nicht fertig. Ein Teil vom Material fehlt, das kann ich aber auch erst im endgültigen Raum benutzen.

S. ist eine von denjenigen Künstlerinnen, die von gesellschaftlichen Zusammenhängen und Politik nichts wissen wollen. Ich verurteile das nicht. Ich verurteile auch nicht S. oder ihre Werke. Viele davon sagen mir nicht zu, aber ich mag auch Werke von van Gogh, Kandinsky, Rousseau, Chagall, Haring oder Warhol nicht. Deshalb sind das nicht gleich schlechte Künstler und einige davon zählen zu meinen Lieblingen. Letzte Woche habe ich ganz alleine in einem Raum mit einem Original von Franz Marc gesessen. Das war herrlich und weil ich ihn und seine „Philosophie“ sehr mag war das für mich etwas sehr Intensives. Trotzdem hat er auch Bilder gemacht, die mir nicht gefallen. S. ist eine von denen, die nicht immer trennen können dazwischen ob man sie selbst oder als Künstler ihr Gesamtwerk oder ein einzelnes Werk nicht mag. Sie ist auch eine von denen, die gern allein von ihrer Kunst leben möchten. Und von denjenigen, die nicht damit klarkommen, dass es Menschen gibt, die ihr deshalb sagen, sie mache Kunstgewerbe und man fände ihre Werke nicht originell. Ich war das nicht und ich kenne die Person, die ihr das gesagt hat nicht. Ich habe wenig mit S. zu tun, sie stellt in einem Haus aus, in dem ich etwas anderes zu tun habe. Doch war sie so fertig wegen diesem Urteil der Person, dass sie sich an den nächstbesten Menschen wandte, der das annähernd verstehen könnte…

S. gehört auch zu denjenigen, die der Ansicht sind, eine Frau müsse schöne Kunst machen, die der Seele schmeichelt (oder so, mir ist der Wortlaut entfallen). Ich bin also für sie wahrscheinlich auch keine Künstlerin. Ist mir aber egal. Meine Sachen sind nicht schön, meine Sachen sollen auch nicht schön sein und sie haben keine schönen Themen. Ich hatte dieses Jahr einen feinen Erfolg mit einem Konzeptstück, das bewusst wie eine Kinderbastelei gefertigt war. Sah schön aus, hatte aber keinen schönen Sinn und hat bei Menschen, die das Ding verstanden haben oder die es in der Hand hatten den einen oder anderen Hebel umgelegt. Ursprünglich hatte ich ein festes Arrangement geplant und wollte nur sinnbildlich etwas darstellen. Ich wusste nicht, dass Kann ich mal halten? und Sieht aus wie ein Glühwürmchen. in Kombination mit dem erklärenden Schildchen solche Lawinen ins Rollen bringen können. Das Ding sollte zum Nachdenken und zur Artikulation anregen, aber ich hatte keine Ahnung, dass es das so täte.

S. versteht nicht warum es auch Künstler gibt, Künstlerinnen zumal, die tatsächlich Themen bearbeiten, bei denen nichts ohne Hintergrund geht. Sie macht eine andere Kunstform als ich und ihre Ansicht ist mir in etwa so egal, wie mir egal ist, dass sie offenbar Probleme mit der Meinung ihres „Verreißers“ hat.

Was mir nicht egal ist, ist die Art wie sie komisches Flüchtlingsthema sagt (und dass sie es komisch nennt). Nämlich in der Art wie das die ganzen besengte- Eltern-Vertretungen, die auf der anderen Stadtteilseite – wo jeder zweite Laden irgendwas mit Esoterik-, Yoga- oder Alternativheilkunde-Zubehör führt -, sitzen auf ihren Faltblättern kundtun.

Und das stört mich.

(Natürlich haben die alle gar nichts gegen… Aber wir können halt nicht alle…)


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Gute Menschen (Es war einmal-Edition)

Heute: Die Metallskulpteurin

Manchmal wenn ich den Wagen der örtlichen Tafel sehe denke ich an die Frau mit den Metallskulpturen. Eine Outdoor-Künstlerin in der Nähe der Wieblinger Schleuse in Heidelberg, man kam über die Brücke zum Neuenheimer Feld zu ihr. Ich habe den Namen vergessen und eine Websuche verlief ergebnislos. Ich weiß nicht ob sie noch macht was sie gemacht hat oder ob sie noch lebt. Sie war nicht mehr die Jüngste.

Vor Jahren habe ich eine Schulklasse zu ihr begleitet. Sie begrüßte uns in ihrem kleinen Skulpturengarten und die Kinder konnten beliebig an einigen Werken weiterbauen. Die Klasse lernte im Unterricht etwas über Müll und Schrott, deshalb waren wir zu ihr gegangen. Ich weiß nicht mehr was sie erzählte, nur dass sie sich sehr um die Kinder bemühte. Es kamen wohl häufiger Klassen. Ich weiß noch, die Lehrer fanden, sie sei seltsam angezogen. Die Kleidung wirkte abgetragen und ich merkte, das Zeug kam aus einer Kleiderkammer, aber ich habe das damals auf Funktionalität bezogen. Für diese Arbeit war es prima. Man merkte, dass die Frau kein Geld hatte. Deswegen lief das was sie da machte auch für einige Leute nicht unter Kunst. Auch die Lehrer fragten später Geht die nicht arbeiten?!, als ob es keine Arbeit wäre so etwas her- und für andere Leute, größere Gruppen zumal, bereitzustellen.

Beim Abschied gab sie einer Lehrerin eine Plastiktragetasche mit Schokoladentafeln und sagte zu den Kindern, dass für alle ein großes Stück drin wäre. Wir bedankten uns und gingen. Als wir im Lehrerzimmer in die Tüte hineinsahen stellten wir fest, dass uns tatsächlich so viel Schokolade von dieser Frau geschenkt worden war, das jedes Kind eine halbe Tafel hätte essen können. Die Verpackungen wirkten ramponiert, das Haltbarkeitsdatum war kurz vor Ablauf. Eine Lehrerin wunderte sich damals wo jemand, der kein Geld hatte und so ärmlich gekleidet war solche Unmengen her hatte.

Meine Vermutung war, dass die Tafeln von der Tafel stammten. Ich kannte Menschen, die dort ihre Lebensmittel aufstocken mussten, weil sie sonst nicht über die Runden kamen und ich wusste, das zwar manchmal gute Ware, aber auch manchmal ramponierte Verpackungen dazwischen waren. Ein Artikel über die Skulpturen in der Tageszeitung hatte erwähnt, dass sie oft Kindergruppen bei sich hatte, Anfragen von Schulen und Kindergärten. Diese Prominenz wird ihr die großen Rationen möglich gemacht haben, normalerweise wird rationiert.

Das ist lange her. Es war 2006 oder 2007, heute wird die Qualität der Lebensmittel nicht mehr dieselbe sein. In einem Land, in dem Politiker Verantwortung übernehmen bräuchte man keine Tafeln und Suppenküchen, zumal nicht in einem reichen, in einem jedoch, in dem so gut wie alles dem Profit unterworfen ist werden auch „geringerwertige“ Lebensmittel lieber verramscht anstatt gespendet, während sich die Läden gleichzeitig mit der Spende brüsten. Ich erinnere mich an das Pflicht-Praktikum während der Oberstufe in einer sozialen Einrichtung Ende der neunziger Jahre. Jeden Tag hielt vor dem Gebäude ein großer Laster und brachte Unmengen gute und noch haltbare Ware, Brot, Milch, Obst und Gemüse, manchmal abgepacktes Fleisch, Wurst oder Käse, Milchprodukte und manchmal Süßteilchen von Bäckereien. Wir kochten daraus warme Mahlzeiten für die oft wohnungslosen Frauen und Mädchen und gaben die Süßteilchen als Dessert statt selbstgemachtem Fruchtquark oder Obstsalat aus. Denjenigen, die noch eine Wohnung hatten konnten wir oft etwas zum selbst verarbeiten mitgeben. Einmal, an einem Tag kurz nach Ostern wurde eine fast vollständige Palette mit unbeschadeten, haltbaren Lindt-Schokoladenhasen hereingetragen, die nicht bis zum Stichtag für Osterware verkauft worden waren. Wir verteilten sie an die Mädchen und die Frauen, die Kinder hatten. Der Rest ging an die Notschlafstelle für Jugendliche. Denen gaben wir auch den Karton mit den Chips.

Das war nicht hier. Auch das mit der Künstlerin nicht. Der Wagen hier ist winzig, er bekommt kaum was mit. Ich weiß von einer gelernten Verkäuferin, die als 1€-Jobberin Rationen für die Tafel-„Kunden“ zusammen stellen musste, dass nur selten genug kommt und das manchmal gerade die, die es am Nötigsten bräuchten leer ausgehen.

Wenn sie davon erzählt hat musste ich auch an die Wieblinger Künstlerin denken. Und in Gesprächen gerade mit Künstlerinnen fällt mir immer wieder eine Naivität auf in Bezug darauf, dass das Geld doch schon irgendwo her komme, notfalls durch Partnerschaft, und dass es eigene Verantwortung sei, sich genügend und hochwertige Materialien zu beschaffen, Lebensmittel wird es doch spätestens bei der Tafel geben und da müsse man nicht hin so lange man nicht obdachlos sei. Ich spreche oft wie eine Schallplatte gegen dieses falsche Denken an und weise darauf hin, dass es auch unter Künstlern gar nicht wenige gibt, die das Existenzminimum persönlich zu spüren bekommen. Ich kenne Mit-Künstler, die ihre Wohnung verloren haben. Auch solche, die ihre Wohnung noch haben, denen aber wegen anderer, nicht zu vermeidender Kosten weniger als 300€ zum Leben im Monat bleiben. Ich meine mich zu erinnern, dass der Skulpturenpark durch einen Wohnwagen abgeschlossen wurde. Vielleicht hatte die Frau mit den Metallskulpturen da drin ihre Wohnung.


[Falls zufällig weitere (ehemalige) Heidelberger unter den Lesern sind und jemand anhand der Beschreibung weiß welche Frau gemeint ist und wie sie heißt, wäre ein entsprechender Kommentar schön. Ich bin mir absolut nicht sicher, aber ich glaube, der Vorname begann mit M und könnte Marli(e)s oder Marie-Luise/Marieluise oder Marlen(e) gewesen sein. Mich würde interessieren was aus ihr geworden ist.]

Der große Kreisel

Die, die einmal das Mikesch-Mädchen gewesen ist sagt, sie will ins Museum. Das heißt im Klartext, ich muss mitkommen. Nicht weil sie den Leuten erzählt, dass ich hin wollen würde, glaubt, sie könnte damit gute Beziehung simulieren oder nur weil sie niemanden kennt, der gern in Museen geht, sondern deshalb weil es diese dumme rechtliche Angewiesenheit gibt. Sie lässt Situationen gern so eskalieren, dass am Ende der Sicherheitsdienst da steht und sie sich als Opfer fühlen kann.

Ich kann und will ihr nicht verbieten ins Museum zu gehen. Ich will nur nicht mit. Soweit ich weiß muss man Taschen sowieso abgeben. Die Ausstellung ist gut besucht, irgendjemandem wird sie auffallen, wenn sie sich daneben benimmt. Ich könnte auch nicht mehr machen als der jeweilige Mensch. Allerdings ist die Bühne nur halb so schön wenn dergl nicht dabei ist.

Eigentlich würde ich die Ausstellung auch gern sehen. Nur nicht nach dieser Woche und nicht mit Mikesch. Mikesch sagt, sie will den Eintritt ausgeben. Ich wäre also eingeladen. Und will trotzdem nicht. Das versteht sie nicht.

Ich will nach einer Eskalation bei der sie mich körperlich verletzt hat nicht. Das hat nichts mit Strafe zu tun. Ich falle aus. Ich stehe jetzt nicht zur Verfügung. Ich muss wortwörtlich meine Wunden lecken.

Andere, die in dieser Woche irgendwie geschädigt wurden lassen sie schon wieder ankommen. Tun als ob nichts wäre und beschweren sich hinterher bei mir was Mikesch sich eigentlich einbildet nach dem was vorgefallen ist. Sie bildet sich ein, dass sie sich das erlauben kann. Aber was soll man denn machen? Grenzen setzen, Konsequenzen ziehen.

Meine sehen normalerweise so aus, dass ich ihr wenn es sein muss im Fünf-Minuten-Takt sage „Benimm dich oder ich gehe“ (sie weiß, dass ich ernst mache, wir hatten das schon). Sie ist wie ein kleines Kind. Man müsste ihr im Museum sagen, sie darf nichts anfassen und die Sachen im Museumsladen muss sie kaufen. Als ich zuletzt dort war, vor einigen Monaten, führten sie viele Artikel mit Motiven von August Macke und Franz Marc. Das gefällt ihr gut, meine Karten hält sie angeblich in Ehren, vielleicht will sie jetzt eine Tasse oder einen Schirm haben. Sie nimmt niemals kleine Sachen. Es muss immer der größte und beste Gegenstand sein, das hat sie sich auch fünfzehn Jahre nach ihrer ersten Ehe nicht abgewöhnt.

Und jetzt gehe ich nicht. Ich komme nicht mit. Alleine geht sie nicht, also kann sie sich nichts kaufen. Wenn sie sich nichts kaufen kann ist sie traurig und weil sie Gefühle nicht aushält, muss sie natürlich… Wem das nicht passt, der soll auf dergl schimpfen…

 

Die Filmemacherin (Fragment)

Eigentlich bist du Filmemacher, schreibt mir Walburga. Weil ich nur sähe und nie läse. Weil ich genau deshalb Atmosphären kann. Walburga kennt mich gut, sie weiß wie früher Texte entstanden sind und dass ich so etwas nie in Sätzen oder wenigstens Worten, sondern immer in Bildern oder Szenen im Kopf hatte. Kurzfilme, die im Kopf funktionierten, und die ich dann, teilweise mühsam, in Text übersetzen musste, damit ich sie ausdrücken konnte. Deshalb habe ich mich am Ende in die Sprache verstrickt. Aus Bildern kann man Metaphern machen, aus Filmszenen muss man wohl Teppiche weben. Das konnte ich auch gut. Zeitweise und je nach Sache und Kontext sehr gut. Nur meistens nicht lange am Stück und anstatt mich auf das zu konzentrieren, was ich konnte ging ich von Kurzprosa zu langen Texten. Dabei habe ich selbst nie bemerkt, dass das keine kleine Leistung ist für jemanden, der nicht in Worten denkt. Und sich auch das mühsam beibringen musste. Kommunikation oder Reflexion, Ausdruck und Verständigung gab es bei meinen Eltern nicht. Es gab wenige Worte und die konnten alles und zugleich gar nichts bedeuten, nicht mal auf die Tonart konnte man sich verlassen.

[Deshalb mag ich die Dergln. Sie sind ein Volk von Außerirdischen, die 1981 von Sepp Strubel für ein Puppenspiel der Augsburger Puppenkiste erfunden wurden und die zwar in verschiedenen Tonlagen und –arten, aber nur mit diesem einen Wort unter einander kommunizieren. Alles kann mit dergl kommuniziert werden. Durch die unterschiedliche Sprechweise weiß man aber zu jedem Zeitpunkt im Spiel was gemeint ist. Als ich dieses Spiel vor einigen Jahren zum ersten Mal sah war ich sofort fasziniert. Hätte ich das in meiner Kindheit gesehen, hätte es mich arg verstört.]

Walburga kommt aus einer ähnlichen Familie wie ich. Walburga und ich sind beide die bösen, aus dem Familienskript ausgestiegenen Töchter. Die Egoistinnen, denen die Familie nichts wert ist. Das ist genauso Schnittstelle wie, dass beide von uns einen Weg zum Reden und zum Mitteilen gefunden haben, nicht nur unter uns oder in den Gruppen für erwachsene Kinder von suchtkranken Menschen, sondern auch in der Kunst. Walburga arbeitete viele Jahre im Filmmetier, ihr Name war auch im Abspann von Produktionen für das Fernsehen zu sehen. Sie weiß was sie redet. Und sie kennt mein Schriftmenschentum, dessen Ende und den Wechsel woanders hin. Daran hat sie mitgearbeitet, insoweit, dass sie oft das Wissen zur Umsetzung hatte, wenn ich nur wusste wie ich etwas haben will, aber nicht wie ich da hinkomme.

In all der Zeit, über all die Jahre gewöhnt man sich unter einander an teilweise seltsamen Ausdruck. Ich kann plastisch gut beschreiben. Wenn ich ihr aktuelle Begebenheiten aus meiner Familie mitteile, kommt oft Monate später auf eine andere und ohne Bezug zur ursprünglichen Situation als Replik oder Ableitung, dass die entsprechende, ihr unbekannte Person sich doch jetzt, in der neuen Situation, so und so verhalten müsse. Sie kann auf diese Art nicht kommunizieren. Sie schreibt ungefiltert das was man im Internet „Rant“ nennen würde und es bleibt dem Leser überlassen was davon welches Gewicht hat. Sie hatte nie einen sprachlichen Schwerpunkt, sie war immer plastisch-haptisch und ging damit ins Filmische. Ich habe das visuelle oder atmosphärische Beschreiben vielleicht irgendwann in über zwanzig Jahren Sprache automatisch erlernt. Ich habe nie daran gedacht, dass es die Art ist, in der vielleicht ein Filmemacher sehen würde. Mich hat auch Film als Medium nie intensiv interessiert, so dass ich mich in der Materie auskennen und diese Sichtweise daraus ableiten könnte und ich hatte lange Probleme mit Fotografie, weil ich Bilder in Kindheit und Jugend nicht interpretieren durfte. Das hätte meine intellektuelle Überlegenheit meinen Eltern gegenüber verraten.

Ich glaube, dass Walburga Recht hat. Wenn ich mir meine eigene Wahrnehmung ansehe, dann kann ich erkennen wie sie zu ihrer Meinung kommt. Die Schlüsselszenen waren bei mir nie so wie typisch in Prosa, ich machte sie oft an einem Gegenstand fest und man musste die Umgebung oder den Umstand dazu verorten können, um den Sinn zu verstehen. Bei mir geht so was automatisch, weshalb das für mich eine normale Erwartungshaltung darstellte. Ich wusste aber durch Reaktionen, dass andere das nicht so konnten.

Weil es bei mir automatisch geht hatte ich wohl schon im Schulkunstunterricht einen Hang zu Installationen und Environments, die damals nicht allzu viel zählten und von denen ich bei letzteren nicht wusste, dass sie so genannt wurden. Diese Medien habe ich viel besser verstanden und in Bezug zu mir setzen können als Bilder oder Skulpturen, die ich erst zu interpretieren hätte lernen müssen. Ich habe es mir mit meiner Beuys verehrenden Oberstufen-Kunstlehrerin nicht nur wegen meiner als Klausurstück vorgelegten Installation, die ihr zu wenig Beuys-bezogen war verdorben. Mein innerer Film zu den Sachen, die sie uns zeigte war generell sehr anders als ihr eigener von dem wir nicht abweichen durften. Noch anders als der des Mitschülers, der offen bekannte, dass er in Bildern egal von wem nie etwas sehen konnte, man ihn also auch nicht nach Interpretationen fragen sollte, weil eine Farbfläche für ihn genau das und nichts weiter sei. Ich weiß nicht ob er vielleicht auch aus einer ähnlichen Familie wie ich kam, obwohl das nichts ist, dass Mitgliedern „solchen“ Familien eigen ist.

Wenn Walburga mir nun schreibt, ich sei eigentlich Filmemacher, dann ist das ein Stück Anerkennung und Richtungsgebung. Ich weiß, dass sie ohnehin verstanden hat wie sie die Dinge sehen muss, damit sie funktionieren, aber es heißt auch, dass der gleiche Film, den man dazu braucht auch bei anderen entsteht.

Gute Menschen

Heute: Der vermeintliche, anonyme Klaus Nomi-Fan

Mir liegt nicht viel an Musik. Ich habe in meinem Erwachsenenleben vielleicht zwei Handvoll CDs gekauft. Downloads habe ich gar nicht. Ich mag keine Kulisse nebenbei, das stört mich bis da hin, dass es mich nervt. Ich brauche dazu Ruhe.

Nun kam ich vom erfolglosen Versuch der Materialbeschaffung in einer Nachbarstadt und verpasste sowohl die Bahn, die von der innerstädtischen Station zum Hauptbahnhof, wo ich hätte umsteigen können, als auch diejenige, die in seltenerem Rhythmus zum Hauptbahnhof meines Wohnortes fährt. Etwas, das mich noch mehr stört als nebenbei laufende Musik ist Dauerberieselung durch Bildschirme und auf dem Steig gab es gleich drei davon. So beschloss ich also die zwanzig Minuten Wartezeit für die Direktbahn zu nutzen und nicht am Gleis zu stehen, sondern rasch in dem Einkaufszentrum oben drüber etwas nachzusehen. Wo ich wohne gibt es ein sehr überschaubares Exemplar und in dessen Elektro- und Medienfachhandel führen sie etwas Bestimmtes nicht.

Wie ich nun also in der nachbarstädtischen Riesen-Version des Elektro- und Medienfachhandels die entsprechende Abteilung suche (alles nicht so überschaubar wie bei uns) komme ich an der mit den Tonträgern vorbei und will eigentlich nur zu Abkürzungszwecken durch den Gang gehen als ich aus dem Augenwinkel etwas bei „N“ bemerke.

Irgendjemand in dieser Stadt kennt Klaus Nomi.
Irgendjemand in dieser Stadt hat eine CD von Klaus Nomi in der Fachabteilung dieses Elektro- und Medienfachhandels bestellt.

Für gewöhnlich kennt keiner Klaus Nomi. Das bedeutet auch, dass es arg unwahrscheinlich ist, dass der Fachhandel das Album ohne Nachfrage bestellt hat. Nomi, der eigentlich Sperber mit Hausnamen hieß, ist 32 Jahre tot und hat in Deutschland nie den Durchbruch geschafft. Wenn ich das in Gesellschaft anstelle beschwert sich mindestens einer, ich soll das Gejaule ausmachen.

Es muss also jemand danach gefragt haben und sich entweder anders entschieden haben oder der Handel hat gleich zwei Exemplare bestellt und eines einsortiert.

Das freut mich aber doch.

[Wenn Sie klassische Musik mögen, suchen Sie bitte irgendwo seine Version der Arie aus Samson und Delilah von Saint-Saens oder von Schumanns Der Nussbaum. Mögen Sie keine klassische Musik, dann versuchen Sie Simple Man oder Nomi Song. Wenn Sie mit der Countertenor-Stimme nicht klar kommen, versuchen Sie es mit Can’t Help Falling In Love With You, das singt er durchgängig in Tenor. ]


Ich las schon vor langer Zeit, dass Glumm und seine Gräfin den Nomi wenigstens kennen. Die können also bestätigen, nehme ich an, dass es den wirklich vor Urzeiten gab.