Realität

Ich kenne die Frau, die unten im Mülleimer nach Flaschen sucht. Das ist K., Mitte 50, mit über 30 Jahren Berufserfahrung, bevor sie wegen ihres Alters ausrangiert wurde. Manchmal wenn wir uns auf der Straße oder im Bus begegnen wechseln wir ein paar Worte. Sie erzählt dann vom 1-Euro-Jobs und sinnlosen Bewerbungen und ich spreche manchmal von der, die einmal das Mikesch-Mädchen war und nicht so viel älter als K. ist oder meinem Stiefvater, der nach einem Arbeitsunfall mit Langzeitausfall beinahe auf der Straße gestanden hätte. Zig Jahre Berufs- und Auslandserfahrung, Fremdsprachenkenntnisse und als Spediteurssohn schon mit der Materie aufgewachsen sind wertlos. K. hilft das, Realitätsabgleich. Sie ist eine von vielen und „Best Ager“ eine idiotische Floskel. Wenn wir sprechen, wissen wir beide, dass das mit den Flaschen grotesk ist. Man muss nur über die Ampel gehen um da hin zu kommen wo die wohnen, bei denen eine Hose den Gegenwert von mindestens den Nebenkosten auf „unserer“ Seite des Stadtteils hat. Die Hauptstraße als Trennungsstrich. Hier, wo beinahe zu festen Zeiten Rentner und andere Arme den Mülleimer durchsuchen und da, bei denen, wo ein Bleistift so viel kostet, dass man woanders drei für den gleichen Betrag bekommt.

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