Vom Streunen (Fragment)

In der Straße durch die ich gehen muss hat jemand die Kleidercontainer besprüht. Mit Bildern, professionell. Eines zeigt einen Menschen mit Häusern auf dem Kopf und heißt Der Stadtmensch. Und ich gehe weiter und denke „Die Stadt zerstört die Erinnerungen“ stand schon in Die Reise.

Manchmal, wenn ich nach außen hin streune, habe ich diese Stadt nach Jahren noch nicht begriffen. Dann suche ich etwas, von dem ich weiß, dass es fehlt und finde etwas, das gestern noch nicht da war. Es ist kein wirkliches Streunen oder ein zielloses Gehen, ich weiß genau wo ich hingehe (aber nicht wo ich auskomme) und das es beim Nachdenken hilft.

Manchmal gehe ich auch einfach um zu gehen und dann passiert das Beste weil mir Dinge auffallen, die so lange bei mir bleiben, dass ich sie mitbringen kann von den Orten, an denen ich gewesen bin. Manchmal begegnen mir Leute. Ich denke an das Kind an der Haltestellte, das interessiert in meinem Kunstcomic mitlas. Eine Schulklasse war gerade aus dem Museum gekommen und dem Mädchen gefielen die Bilder. Die Mitschüler und eine Lehrerin wollten sie wegziehen, aber sie blieb stehen und schaute und ich sagte ihr den Namen des Künstlers und fragte sie ob sie das Haus kennt. In einer nahen Stadt steht ein Haus, das wegen der Fassadengestaltung nach ihm benannt wurde. Weil es sehr bekannt ist, dachte ich, sie könne den Namen gehört haben. Und tatsächlich war die Schulklasse vor Kurzem erst dort gewesen. Nicht in oder direkt an dem Haus, sondern an einem Ort in der Nähe, der sich als Exkursionsziel anbietet. Dabei hat man den Kindern von dem Haus und dem Künstler erzählt. Ich meine mich zu erinnern, dass es in der Nähe ein Krankenhaus gibt. Jedenfalls habe ich in den neunziger Jahren dort jemanden besucht und ich erinnere mich, dass wir am Fenster der Spezialklinik standen und die Besuchte mir den Ort zeigte an dem das Haus mit der Künstlerfassade steht. Damals sah es noch anders aus.

Als ich noch Schriftmensch war bin um des Schreibens willen gelaufen. Weil auch was das anging das Beste kam wenn ich technisch eben nicht schreiben konnte. Ich muss die Hand mit der Mine auf dem Papier spüren. Das geht im Gehen nicht.

(Die Reise ist ein 1977 erschienenes autobiographisches Romanessay von Bernward Vesper (1938-1971).)

Advertisements