Nach der Kunstpause (unbearbeitet)

Wenn in einer Kunstpause genau das passiert, von dem man aus Erfahrung weiß, dass es fast zwangsläufig so kommt, dann lernt man etwas über das Abschiednehmen.

Ich hatte eines Abends die Idee, die letzten vier literarischen Skizzen aus der Schriftmenschenzeit in ein Konzeptstück einzuarbeiten. Ich wollte ohnehin ein Stück machen über dieses fast kompulsive Schreiben, das mir letzten Endes die Chance gab die Ausdrucksform zu wechseln. Ich konnte schreiben, beherrschte mein Handwerk, aber ich wollte es nicht. Ich schrieb weil ich in nichts anderem so gut war und den Weg kannte. Ich habe die Veröffentlichungen und die Preise immer verschwiegen. Mir waren sie nie wichtig. Und lange Jahre wusste ich nicht warum, hatte sie sogar vergessen. Ich würde sie auch jetzt nicht erwähnen, diesmal aber weil ich generell kein Leistungs- und Konkurrenzdenken mag. Das sagt nichts über mich als Mensch aus. Mich stoßen auch andere Künstler, die als Erstes davon reden wie bekannt und „belohnt“ (in Form von Preisen) sie sind anstatt von sich als Menschen zu sprechen eher ab. Das verbindet sich in mir mit damit etwas verbergen zu wollen. Meine Eltern waren so. Das prägt.

Beim Sichten und Sortieren dieser Stücke fiel mir auf, dass es sich in Wirklichkeit nicht um vier sondern sechs handelt. Jeweils drei in zwei Themenkomplexen. Oft aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlicher Intention. Experimente weil ich Motive hatte, aber nur selten, gerade in dieser letzten Phase, wusste wie sie sich zu einer Gesamthandlung ausarbeiten lassen. Keins dieser sechs Fragmente ist schlecht, besonders die aus dem zweiten Komplex nicht. Sie sind, mit Ausnahme von einem, später entstanden.

Ein Fragment aus dem ersten Zyklus, ich legte es etwa vor drei Jahren ab, gibt fast ein ganzes Kapitel. Es ist stilistisch und sprachlich gut und hat eine Motivdichte. Ich weiß nicht mehr welche Länge ich damals vorsah, aber mit Abstand liest es sich wie der Auftakt zu etwas Längerem. Es führt ein, gibt ein Versprechen.

Dieses Fragment ist beim Arrangieren das Schwierigste. Es gibt ein anderes, das starke Gefühle in mir auslöst weil es mich nochmal in die Entstehungszeit katapultiert, aber dieses eine deutet auf den Punkt nach dem es, das Schreiben, dahin steuerte, dass ich es sein lassen konnte. Wäre ich stilistisch und konzeptionell bei dem geblieben was in dieses Fragment floss, wäre am Ende der Strudel nicht entstanden. Es ist das letzte, das atmosphärisch gut ist. Es ist das letzte, das den Betrachter, ich sage bewusst nicht Leser, vor den Film setzt. Das konnte ich. Darin war ich immer gut. Das Thema dieses Fragmentes gehört zu meinen „Spezialgebieten“. Aber dann musste ich, wie eine Getriebene, den Stil und die Sprache wechseln. Etwas richtig gut zu können machte mir im Rückblick Angst. Der ewige Kampf wäre vorbei gewesen, ich wäre angekommen gewesen. Das wird mir bei genau diesem Fragment besonders deutlich, weil ich weiß, hätte ich es in irgendeiner Form fertig gearbeitet, ich hätte es verwenden können. Als Text, der als Text gelesen wird, nicht im Rahmen eines Konzeptstückes. Ich hätte es damals genauso gekonnt wie ich es jetzt kann. Nur anders. Auch gut.

Als ich nicht mehr Schriftmensch sein musste und meine jetzige Kunstform fand verließen mich für eine Weile fast komplett die Worte. Ich konnte einfachste Dinge nicht mehr formulieren. Ich glaube, dass es Erschöpfung war, nach über zwanzig Jahren Volldampf. Mir fiel das Denken auch schwer, wenn es in Sätzen sein musste. Und ich hatte einen körperlichen Widerwillen gegen das Lesen. Jetzt merke ich, dass es sich langsam löst. Ich kann wieder schreiben und ich kann Sachtexte und vereinzelnd Romane lesen, wenn sie anders sind als das was ich früher gelesen habe. Es ist schön mein selbstgemachtes Altes sehen und lesen zu können ohne den selben Widerwillen zu haben und es gut sein lassen zu können.

Ohne Abschiedsschmerz.

Es war einmal dazwischen

Post von M. Gleich zwei Nachrichten auf einmal, weil er etwas vergessen hat. Manchmal kommt Monate lang nichts. Und wenn was kommt, dann oft kurzes in der Art von Depeschen, Telegrammsprache, schnell hingeschrieben, fragmentarisch. In der Pflege sind sie chronisch unterbesetzt. Hier zwei ausformulierte Reminiszenzen an den Campus. Diesen verlogen-versprochenen Ort, den es gab und von dem wir immer wieder betrogen wurden. Alle. Immer wieder. Und nochmal. Wie eine offensichtliche Affäre verleugnende Partner. Nur dass wir hingesehen haben. Dass wir uns wehren wollten und uns mit dem was wir zur Verfügung hatten gewehrt haben. Kostenträgergespräche, Mängelmeldungen, Presse. Einige dabei allzeit auf dem schmalen Grad den Platz zu verlieren. Ein verlorener Platz hätte Vertragsbruch mit Sanktion durch die Kostenträger bedeutet.

Reminiszenzen an den Campus. An die Hoffnung, die Pläne und mehr noch an den Spaß, den wir trotzdem hatten. Zuerst in der großen Gruppe und als das Ganze in immer konkurrierende Grüppchen zerfiel in denen. Freundschaften, in denen der ein oder andere aufgefangen wurde, Menschen, auf die man sich verlassen konnte. Wir hatten alles, Scheidung, situationsbedingte „Problemkinder“, psychisch abstürzende Kommilitonen, jemand, die wir alle mochten und die ausschied, weil sie nicht die Hilfe bekam, mit der ihr Kostenträger geködert worden war. Eine ehemalige Grundschullehrerin, die in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung landete. Lehrerinnen sowieso. Es gab noch die, die bis zur Beamtenprobezeit kam als ihre Wunden aus der Kindheit mit Alkoholikereltern aufbrachen und sie in die Klinik brachten. Eine „Ungelernte“, die im Callcenter im Telefonmarketing landete. Und die, die nach einem Unfall Büropraktikerin lernen sollte. Bei uns saß eine Klinikärztin, im Nachbarkurs eine Frau, der man nach Diagnose ihrer MS den Beamtenstatus wegnahm. Wir haben viel gesehen. Das meiste mehrmals. Auch das Gute. Wir hatten Spaß. Trotzdem. Es war gut.

Es gab die Gerüchte von Leuten, die fertig waren und ihre Maßnahmen zurückbezahlen mussten, weil sie mit der Auflage genehmigt worden waren, dass die Person nicht wieder im alten Beruf arbeitet und das die einzigen Stellen waren, die diese Menschen finden konnten. Wir nahmen sie ernst. Wir wunderten uns auch über die Naivität von denen, die erstaunt von Gesprächen mit der Arbeitsagentur meldeten, dass der Agentur egal wäre, in was vermittelt wurde, so lange die Person nur aus der Statistik raus fiele.

Wir wussten auch, es könnte uns treffen. Ich war nicht erstaunt als mir damals nach über hundert erfolglosen Bewerbungen in den ersten Monaten Angebote gemacht wurden, die sich entfernt an etwas, das ich früher getan hatte orientierten. Auch M. kam zuerst klar damit, dass er wie viele kurzzeitig zu seinen Eltern ziehen musste. Was für ihn nicht ging war, dass die Agentur ihn zwang sich wieder auf Pflegestellen zu bewerben, obwohl er – wie alle – aus gesundheitlichen Gründen umgeschult hatte. Jemand anderes landete ebenfalls im alten Beruf und noch jemand anderes wurde gleich in die nächste Maßnahme gesteckt um die berufliche Eignung zu testen, jemand putzte, jemand landete an der Discounterkasse, dann im Callcenter. Allen gemein war, dass in Absagen von der Firma oft auf den Bildungsträger Bezug genommen wurde. Im Sinne von Prinzipiell würden wir Sie gern zu einem Gespräch einladen, aber deswegen nicht. (Zwei Menschen aus dem Betriebsrat, die Menschen bei Beschwerdeangelegenheiten halfen, hatten uns vorgewarnt, dass das passieren könnte.) Mehr erfuhren wir nie.

Und jetzt, sechs Jahre und viele persönliche Entwicklungen später, steht zwischen lauter schönen Erinnerungen ein Satz: Hast du eigentlich mal mitbekommen, ob irgendeiner je in dem Beruf angestellt wurde?

Mikeschs Mackes

Sie lernt erst langsam, dass sie ihre Wünsche äußern muss, damit sie jemand erfüllen kann. Den größten Teil ihres erwachsenen Lebens war es so, dass sie erwartete, dass jeder in ihrer Umgebung diese Wünsche unausgesprochen kannte und sich danach verhielt. Geschah das nicht, wurde sie wütend. Wahrscheinlich hat sie die Erfüllung unausgesprochener Wünsche im Fernsehen gesehen. Das war ihr immer näher als das reale Leben. Die Menschen in ihrer Umgebung lügen, das Fernsehen nie.

Nicht jeder weiß, dass dieser Realitätsverlust Teil ihrer Krankheit ist. Die meisten versuchen durch irgendeine Form von Anpassung an sie mit ihr umzugehen so lange sie ruhig ist. Sie kann normal auftreten, verleugnen ist leicht.

Nach der Sache mit dem Mikesch-Mädchen gab es noch eine Situation in der sie emotional reagierte. Diesmal nicht als früheres Kind, sondern als Erwachsene. Wo man merkte, dass sie weiß, dass sie eigentlich gar nicht der Mensch ist, der sie gerne sein möchte.

Es war Dezember und ich zeigte ihr in einem Kalendergeschäft Bilder vom Blauen Reiter, weil ich kurz vorher einen Kalender mit Tunis Bildern von Macke geschenkt bekommen hatte.

„Weißt du, ich finde so Bilder auch schön, aber mir schenkt nie einer was.“

„Dann musst du den Leuten sagen, was du haben möchtest.“ Mit ihr muss man dann reden wie mit einem Kind. „Wenn du gefragt wirst, was man dir schenken soll oder worüber du dich freuen würdest, dann musst du sagen ‚Ich möchte ein Poster oder einen Kalender von…‘ Wenn du zum Beispiel noch mehr Sachen mit den Tieren haben möchtest, dann sagst du von Franz Marc. Der hat das Bild gemalt, das auf dem Magnet, den du dir im Museum gekauft hast, drauf ist.“

„Mein Fuchs! Und hast du mir nicht noch ‘ne weiße Katze und ‘ne Kuh mitgebracht? Die hält aber nicht.“

„Da kann ich nichts für. Weil du mir gesagt hast, dass du noch mehr solche Magnete haben möchtest. Da wusste ich Bescheid und konnte was mitbringen als ich im Museum war.“ Anders versteht sie das nicht. „Wenn keiner davon weiß, kann dir keiner so was mitbringen.“

„Wenn ich sage, ich will Bilder haben, dann kommt immer ‚Was willst du damit?‘“

Und darauf hatte sie keine Antwort. Die Reaktion hatte ihr keiner gezeigt. Deshalb konnte sie diesen Wunsch nicht äußern. Das hätte mit ihr selbst zu tun gehabt und nicht mit der Fassade, von der jeder, der es will merkt, dass sie nicht echt ist.

Kurz nach diesem Gespräch war mein Stiefvater zu Besuch. Ich bat ich ihn eines der Bilder in meinem Tunis-Kalender für sie abzufotografieren. Mit der expliziten Aussage, dass sie das Bild im Laden gesehen hat und schön fand. Sie kann ihm nicht davon erzählt haben weil sie auch mit ihm nicht redet. Schon gar nicht über Gefühle. Würde der ihr tatsächlich die Frage nach dem Warum? stellen, hätte er mich ebenfalls fragen müssen. Warum ich das für sie will. Von anderen Leuten bekommt sie fast nie Geschenke.

Innerhalb von zehn Sekunden und ohne Nachfrage wurde die Kamera gezückt.

Weil ich damals noch nichts zu Weihnachten für sie hatte bestellte ich in einem Buchladen ein Postkartenbuch mit August Macke-Motiven. Ich war für niemanden die, die ihr das aufgeschwatzt hatte.

Das eine „Ich finde die Bilder schön“ gegenüber der einen verständnislosen Person (die von ihr immer wieder überidealisiert wird) soll trotzdem nicht leicht gewesen sein.

Unter Künstlern

R. sagt, sie ist traurig. Eigentlich ist es Enttäuschung, in die sich Trauer mischt, weil eine Idee unwiederbringlich gestorben ist. R. ist Malerin, wäre gern in die Kunstmarktwelt eingestiegen und hätte gern von ihrer Kunst gelebt und dabei das Gefühl einer Gemeinschaft mit anderen kunstschaffenden Menschen gehabt. Sie schaffte es sogar in einen Verband. Und macht jetzt immer wieder die Erfahrung von Neid, Missgunst, Abwertung und Hahnenkampf. Und dass vorhandenes Kapital und Elitebildung mehr zählt als Können, Talent und Individualität. Dass nicht der, der wirklich gut und mit Leib und Seele im Fluss ist weit kommt, sondern der, der sich zu verformen und anbiedern, kurz zu prostituieren, weiß, so dass er dem Markt nützt.

Das sagen die einem wohl schon auf den Kunstschulen.

Weiß ich nicht. Ich war nie auf einer und wollte da auch nie hin. Ich habe immer gewusst, wenn ich meine Kreativität in den Hauptberuf stecke geht sie ein. Ich wollte nie davon leben, ich wollte einen völlig unkreativen Beruf als Ausgleich.

R. will von ihrer Kunst leben. Sie hat sich das gut vorgestellt und ist auch ein ganzes Stück weit gekommen, hat ausgestellt und das ein oder andere verkauft. Dann kam der harte Boden. Bilder werden nicht in Galerien genommen, weil keiner, der seine Werke auch privat verkauft aufgenommen wird. Bilder, die in Galerien sind und verkauft wurden kommen zurück, werden ihr übergeben mit der Forderung kostenlos der Galerie etwas Neues zu überlassen, sonst würde sie ausscheiden.

So ist der Markt. Das versteht sie nicht. Sie hatte eine andere Vision. Sie wollte mitmischen, aber nicht um den Preis der Selbstaufgabe. Sie wollte Austausch und Inspiration und bekommt Negativität.

Ich kenne das von Walburga. Walburga ist meine beste Freundin, hat zeitweise in ihrem kreativen Sektor mitgemischt, viel erfahren und gelernt, mit dem was sie konnte und wollte Geld verdient und musste einpacken als der Bereich von „Kreativen“ von irgendwelchen Eliteakademien, die alle die gleichen biederen Ideen haben (sagt sie) und überdies mindestens zehn Jahre jünger waren, überschwemmt wurde. Kein Platz mehr für Leute, die mit der Seele dabei waren, nicht nach dem Markt schielten und eigene, ausgefallene Ideen hatten. Sie hatte Top-Referenzen. Aber sie bekam keine Aufträge mehr, denn sie hatte ihr Können aus Inspiration und einer Handwerksausbildung aufgebaut und nicht nach Schema F im bezahlten Unterricht eingepaukt.

Als ich noch Schriftmensch war hätte ich möglicherweise nicht mit einem ganzen Band in einem seriösen Verlag unterkommen können. Wenn ich gewollt hätte (zeitweise tat ich das).

R. versteht nicht wieso.

Weil ich weder Germanistin noch Theaterwissenschaftlerin bin. Ob ich vielleicht sogar in besserer Qualität geschrieben hätte, wäre unwichtig gewesen. Ich habe nichts mit Sprache oder Dramaturgie studiert, ich habe keine finanzkräftigen Eltern im Rücken, ich lasse mir nicht von irgendwelchen Lektoren in meine Texte pfuschen und ich lasse mich nicht verkaufen.

„Aber… gerade weil du nicht… müsste da doch…“

Nein.

Dann merkt sie, dass es überall gleich ist. Es geht nicht um Talent oder Authentik, es geht um das und den, das und den man verkaufen kann.

Traurig ist es dennoch.

Kunstpause

Eine Kunstpause ist etwas Seltsames. Ich kannte das Wort aus dem Sprechkontext für die Momente in denen ein Sprecher im Gesprochenen der Spannung halber für ein paar Sekunden still ist. Ich habe es nie als Kunst und Pause auf mein Tun bezogen. Trotzdem dachte ich genau dieses Wort als ich beschlossen habe eine Woche nichts zu tun. Keine Kunst. Hier ließe sich auch das Wort Kunststück entfremden. Jedes Werk oder Ding, jede Sache ist gleichzeitig ein Stück. Das Reinterpretieren und Umdeuten von Worten ist mir während der Schriftmenschenzeit unter die Haut gekrochen. Jetzt ist es ein Automatismus.

Ich habe also beschlossen eine Woche nichts zu machen. Das ist seltsam. Das Gefühl hinter diesem Beschluss. Weil ich weiß, dass eben deshalb, weil ich sage Ich mache nichts sich irgendwas beinahe von selbst entwickeln wird. Und weil ich das weiß, sollte ich das eigentlich öfter so halten. Weil es nicht geht. Weil ich mir das was ich tue nicht ausdenke, kann ich nicht nein sagen. Es kommt auch nicht und klingelt und fragt ob ich es reinlasse. Es ist da. Und in dem Moment in dem etwas, irgendwas da ist macht es sich selber.

Und eigentlich ist dieses Sich selber machen auch eine Art Pause. Weil ich eben nichts dazu tun muss. Außer durchhalten.

Neue Socken für den Teddy

Sie weiß, dass es mir absolut egal ist wenn sie einen Affen schiebt. Egaler wie dass ich nicht weiß ob das bei Tablettensüchtigen überhaupt so heißt. Ich kenne das Wort von Heroinkonsumenten, es ist der Zustand mit Entzugserscheinungen. Den gibt es bei allen Arten von stoffgebundenen Suchterkrankungen.

Wenn sie so weit ist wird sie besonders jammernd und maulig. Das führt meistens dazu, dass die Situation eskaliert, weil die Leute sich provozieren lassen. Weil sie das weiß wird sie extra penetrant und sucht Streit, dann hat sie in ihrer Logik einen Grund was zu nehmen, weil sie die andere Person und deren Bosheit nicht aushält.

Bei mir nicht. Sie nervt mich. Aber sie weiß, ich gebe gleichwertig zurück. Und zwar sachlich ohne sie anzugreifen. Ich schreie nicht, ich beleidige nicht, ich sage „Lass das sein“ oder „Lass mich in Ruhe“. Und wenn sie ein Äffchen schiebt, dann schiebt sie ein Äffchen. Da brauche ich gar nicht drauf eingehen. Ich lasse sie merken, dass ich Bescheid weiß, aber ich beschuldige sie nicht. Das kann sie nicht aufschaukeln. Das ist böse genug aus ihrer Sicht.

Weil das eine öffentliche Situation ist und sie es trotzdem versucht – das wäre ja die große Bühne und alle wären sich einig, dass sie ganz arm dran ist – und es mir überdies schlecht geht, ich habe Kopfschmerzen, erzähle ich ihr von der Filzwolle.

Ich hatte versehentlich Filzwolle gekauft und sie zu einem Paar Socken verstrickt. Dass die beim Waschen stark einläuft habe ich erst auf der Banderole gesehen. Ich strickte die Socken also entsprechend größer und hatte nach dem Waschen zwei Patschen in der Hand, die mir gerade so eben über die Ferse reichten. Nicht schlimm, ich konnte sie im Hausschuh tragen. Beim zweiten Waschen liefen sie erneut ein. Ich hatte nicht gewusst, dass das jedes Mal passiert, schon gar nicht bei 30°. Also gab ich sie einer Freundin für ihren fast siebenjährigen Sohn. Dem passten sie jetzt gut und er wollte ohnehin auch so welche.

Allerdings wurden sie dreckig.

„Dann hat A. sie gewaschen und dann passten sie M.“, erzähle ich. M. ist der jüngere Sohn, ein Kleinkind.

Sie grinst. Freundlich. „Und wenn sie die nochmal wäscht“, sagt sie ganz ruhig, “dann passen sie dem Teddy.“

Gute Menschen

Heute: Der Busfahrer

Er ist immer zu allen gleich freundlich, grüßt jeden, der zusteigt persönlich mit „Guten Tag“ und ebenso jeden, den er als gelegentlichen Fahrgast auf der Straße erkennt während er aussteigen und die Ampelanlage umschalten muss. Wenn er merkt, dass ein ihm bekannter Gast aussteigt, dann ruft er einen Abschiedsgruß nach hinten oder wünscht, wenn es gerade Freitag, Samstag oder Sonntag sein sollte, ein schönes Wochenende. Die Uhrzeit ist dabei egal. Ich hatte das nachmittags im Stoßverkehr im vollen Bus im heißen Sommer und ich hatte es morgens um kurz nach sechs als ich noch jeden Tag in die Schule zur Arbeit fuhr. Egal wie ich drauf war und wie das Wetter war, ob die Straße plötzlich wegen eines Unfalls gesperrt war, der Bus defekt oder sich eine Minute vorher ein anderer Fahrtgast über einen bestimmten sehr unhöflichen Kollegen auf derselben Linie beschwert hat. Dieser Mensch ist freundlich. Immer. Seit Jahren. Und man merkt, es ist echt. Das kommt von innen. (Und es steckt an.) Er freut sich auch beim Fahren. Vielleicht weil die Strecke zum Teil sehr schön ist. Vielleicht wollte er als Junge schon Busfahrer werden. Vielleicht auch wegen was ganz anderem. Wenn ich zu Fuß unterwegs bin und mir kommt ein Bus seiner Linie entgegen und er sitzt drin muss ich grinsen. Wenn ich an der Haltestelle stehe und er kommt, denke ich „Wie schön“ und manchmal wenn ich sehr müde bin „Hurra“, weil er weiß wie ich das meine wenn ich dann einfach nur zur Begrüßung nicke.