Radio, Blogparade, Lisa und Sebastian

Falls Sie Radio hören können, Interesse, Zeit und Empfang haben: Die kobinet- nachrichten weisen auf ein Interview zu den Zuständen in deutschen Heimen um 10.00h heute bei SWR1 Leute hin.

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Blogparaden-Zwischenstand: 3 Beiträge. Alle gleich zu Anfang eingegangen. Die Parade läuft bis einschließlich 01. Juni. Mehr Beiträge ausdrücklich erwünscht, bitte auch weiter sagen.

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Bei Anja im Heim wohnt jetzt Lisa. Lisa ist ein „Klassiker“ und auch deshalb ist es so traurig. 1986 als Arzttochter – es ist immer dieses Milieu, wirklich… – mit ICP und dazu gehörlos geboren. Sonderkindergarten, Geistigbehindertenbereich einer Gehörlosenschule mit Internat, dann Wohngruppe und Werkstatteingliederung und jetzt Heim, weil die Eltern sich nicht kümmern wollen. Weil sie gehörlos ist hat sie natürlich auch keine Kontaktmöglichkeiten im Heim und wird eher als eine Art lustiger Clown, den kein Mensch ernstnehmen braucht angesehen. Riesige Freude als Anja mir zeigt wo man sie „einfängt“ und sie merkt, da ist eine auf Besuch, die die Sprache kann. Dankbarkeit weil mal jemand fünf Minuten mit ihr spricht und nicht an ihr rumzerrt und -zurrt.

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Das Atelier-Kind hat Sebastian kennen gelernt. Sebastian ist entweder neun oder zehn Jahre alt und Fan vom Hamburger SV. Ziemlich normal, oder?! Unnormal ist: Sebastian ist eines dieser Kinder, die nicht zur Schule gehen dürfen und in Aussonderungssystemen geparkt werden. Sebastian kann sein Fan-Sein nämlich nur dadurch ausdrücken, dass die Speichenschützer seines Rollstuhls – die Plastikschützer an den Rädern, damit man beim Fahren nicht versehentlich in die Spalten greift – mit dem HSV-Logo bedruckt sind. Er kann nicht sprechen und seine Hände sind so steif, dass er sie kaum bewegen kann. Für seine Eltern ist das ein Grund ihn auszusondern, obwohl er mit Assistenz in einer Grundschule gut mitkäme.

Dann muss eben jemand für ihn schreiben, dann muss man eine kleine Rampe improvisieren oder ausnahmsweise einen Schüler auf das größere Lehrerklo lassen. Dann muss man eben einen verpflichtenden Rollstuhlschieb- oder Pausengehdienst unter den Mitschülern organisieren. Die Möglichkeit hat man als Lehrer, es fördert das Sozialverhalten, und auf Aussonderungsschulen ist das seit Jahr und Tag Gang und Gäbe. [Annika und Kerstin zum Beispiel berichten, dass so etwas in den 80er/90er Jahren so normal war wie Tafeldienst, gehfähige Schüler mussten auch kleinere Pflegetätigkeiten wie Essenreichen erledigen. Dasselbe erzählen derzeitige „Sonderschüler“.] Es heißt doch immer, behinderte Menschen hätten Sonderechte, hier ist eines dieser „Rechte“, bitteschön, wenn es alle machen, ist es kein „Sonderrecht“ mehr, aber das will auch wieder keiner haben…

Gleichzeitig den Kindern aber schön ableistisch – nach der ISL-Definition – von Stephen Hawking erzählen…

Mikesch und die Tittenmonster

Mikesch findet: Wenn was kommt, dann kommt alles auf einmal.

Sie ist noch traurig wegen dem Küchenficker, da stellt sich heraus mein Bruder (dieses Jahr 31, also ganz bestimmt alt genug) hat einen Account bei einer Sexseite. So einer Börse wo man Leute kennenlernen kann und sich zum Sex verabreden.

Seine Sache, sollte sie nichts angehen. Sie hat es zufällig gemerkt als sie sich seinen Laptop ausgeliehen hat. [Dass Spionieren nicht okay ist braucht man ihr nicht zu erklären, da reden Sie gegen die Wand.]

Und es macht sie fertig. Weil, dann, dann ist der Diddl-Maus-Junge ja jetzt ein Perverser.

Genau erklären warum sie so denkt kann sie nicht.

Man kann ihr im Gegenzug auch nicht erklären, dass da nichts bei ist, gesetzt den Fall, alles zu dem es kommt geschieht im gegenseitigen Einvernehmen, genauso als hätte man sich offline kennen gelernt. Ganz einfach.

Was für sie ganz schlimm ist:

Das sind alles – es folgt O-Ton – Tittenmonster!

Nun ja, irgendwer muss Fan sein von Lohfink, Katzenberger und Co. Wenn keiner auf diese Art Frau stehen würde, wären sie vermutlich nicht so berühmt.

Nur eine war nicht so. Die hat aber eine böse Nachricht geschrieben, so wie er mit ihr schrieb lässt sie nicht mit sich reden und sie möchte keinen weiteren Kontakt.

Kann auch vorkommen. Und er ist nun mal nicht der Charmeur schlechthin. Zumindest nicht am Anfang.

Aber die Tittenmonster! Also nein, das macht sie jetzt fertig, dass der auf Nutten steht.

Sie hat ein ziemlich verworrenes Verhältnis zu Sexualität im Allgemeinen. Es wäre falsch darauf öffentlich näher einzugehen. Die Herkömmlichen nehmen aufgrund ihrer Materie Bezug darauf. Diejenigen, die dort mitlesen wundern sich wahrscheinlich nicht darüber wie abwertend sie über andere Frauen spricht. Wer hier länger liest und ihren Konflikt mit K.s Trauma kennt, vielleicht auch nicht.

Stadtpoem

Man könnte in die Wohnungen der armen Leute gehen und fotografieren. Bilder zeigen von den Putzlappen mit den Löchern und den schlecht getünchten Wänden oder den zersessenen Möbeln. Vielleicht auch vom Obstsalat oder der Cola in Flaschen, dabei müsste man dann allerdings betonen, dass das schon ein Luxus ist und die Wandfarbe unerschwinglich. Man könnte auch die Mietspiegel ausstellen und mit den Menschen reden, die fünfzig bis sechzig Euro oder noch mehr von ihrem ALG II-Satz zu zahlen, weil es keine Wohnungen gibt, die in den erlaubten Unterkunftskostenrahmen fallen. Oder mit jenen, die Mahngebühren zahlen müssen, weil die zuständigen Stellen eine Energiekostennachzahlung nicht fristgerecht überwiesen haben und denen in Folge für ein oder zwei Monate die Hälfte ihres ohnehin schon geringen Lebensunterhalts fehlt. Über die Strapazen, die es bedeutet immer wieder angemahnt zu werden, mit jedem Mal höheren Gebühren obwohl man die Zahlung damit so etwas eben nicht passiert durch das Amt regeln lässt und da wochenlang versucht den Fall zu regeln, um am Ende mit Verschleppung durch Urlaubszeit konfrontiert zu werden. Und damit gefälligst noch weniger Strom zu verbrauchen obwohl außer dem Kühlschrank kein einziges Elektrogerät dauerhaft in der Steckdose steckt, und das Licht nur im Notfall an ist.

Man könnte so viel, ohne dass sich etwas ändert. Denn das soll es sich nicht. Man könnte so viel, aber der Versuch ist es nicht wert.

Randnotizen

oder: Warum ich keine Etüden mehr lese (beziehungsweise nur noch bestimmter Leute)

Manchmal sitze ich vor dem Bildschirm und denke in Philipps Worten Ich fasse es nicht!, ich begreife das nicht und wenn mich in dem Moment etwas aggressiv macht [weil ich zu sehr darauf anspringe], dann das.

Obwohl es gar nichts mit mir zu tun hat. Die Leute kennen mich nicht, meist auch nicht die Fädenrisse.

[In den Momenten denke ich, dass sie das zum Glück nicht tun. Das ist hier kein Car-Crash.]

Ich kann das auch nicht abschütteln, indem ich mir sage, dass die meisten dieser Schreibenden im Gegensatz zu mir nicht geübt sind. Weder als Schreibende noch im Umgang mit psychisch behinderten, extrem anstrengenden Menschen.

Früher traten manchmal junge Menschen mit Bitte um Korrekturlesen ihrer Fiktionsversuche an mich heran. Wenn ich kann, helfe ich gerne. Um das damals zu können und dabei gerecht zu sein, musste ich auch anderes junger oder unerfahrener Schreibender lesen. Unter anderem Fanfiction.

Es gibt in dem Bereich, wie in jedem, gute Stücke und schlechte Stücke. Aber auch eine ganz miese Sache, die glücklicherweise aber auch von älteren (meist) Schreibern auf entsprechenden Plattformen immer wieder angesprochen und kritisiert wird: Viele (insbesondere) Schreiberinnen zwischen 14 und 30, also in einer relativ großen Alters- und Zeitspanne, in der Lebenserfahrung gesammelt werden kann, verherrlichen häusliche und sexuelle Gewalt.

Das, was mir derzeit immer wieder mal unterkommt erinnert mich an dieses Phänomen. Vielleicht bin ich wirklich zu literarisch geprägt und habe als Bibliothekarin und Schreibende zu viel gesehen, und gewiss auch die Sümpfe, um die Assoziation nicht zu haben.

Ich freue mich, besonders angeregt durch die Etüden, dass sich viele trauen zu experimentieren, die sonst nie geschrieben haben oder wollten, aber nicht den Mut hatten.

Aller Anfang ist holprig und Anfängerfehler würden mir nie so negativ auffallen, wie das, was jetzt kommt. Offenbar sind ein beliebtes Thema – und das kann ich nachvollziehen, ich mache es ja auch oft nicht anders und ich habe diesen Komplex auch ganz bestimmt nicht gepachtet -, dysfunktionale Beziehungen, entweder zwischen zwei Partnern oder Familienmitgliedern.

Darüber kann man reden, darüber muss man reden.

Das Thema hat auch unendliche Facetten.

Was ich aber nicht verstehe und das hat wie gesagt mit mir zu tun:

Diese Texte enden oft damit, dass der Haustyrann oder das Monsterchen umgebracht wird oder werden soll.

Okay, das ist der einfache Weg.

Aber mal ganz ehrlich, von erwachsenen Menschen über 40, meist noch älter, ist zu erwarten, dass sie wissen, dass bei so ziemlich jeder Thematik vom Leser Rückschlüsse auf den Autor gezogen werden könnten.

Nicht nur vom kundigen Lesenden. Sie können auch eigentlich nicht über wie auch immer geartete nicht heterosexuelle Protagonisten schreiben, ohne dass man Sie für lesbisch/schwul/bi/trans/sonst was hält. Oder so.

Mich stört auch eher die Leichtfertigkeit, als dass ich Schlüsse ziehe.

Diese Leute können nichts für meine Gefühle. Sollen sie auch nicht. Ich will damit auch keinem etwas Negatives. Auch wenn ich mich ungewollt frage Was machen diese Menschen in der Realität? Mikesch ist ein nerviges Riesenkleinkind, sie nennt man nicht umsonst den Terrorsquad, und sie war immer schon macht- und kontrollgeil und hat immer schon gerne die Schwächen anderer Menschen ausgenutzt, das hat nicht ausschließlich mit ihrer Krankheit zu tun. Es haben bestimmt schon einige im Umgang mit ihr gedacht Eines Tages…  und ich hätte auch manchmal gern eine Mondrakete, aber das ist ein Mensch, trotzdem. Auch wenn ich sie nicht verstehe und sie größtenteils empathielos gegenüber anderen ist, sie hat auch Gefühle, es gibt bestimmt auch irgendetwas wofür sie brennt [wenn es auch keiner weiß], da ist mehr als das Monsterchen oder der Terrorsquad. Und genauso so sehe ich das – da bin ich wie erwähnt wohl schon zu geschult nach 25 Jahren – mit literarischen Figuren.

Die Leichtfertigkeit zeigt eigentlich weniger die Pathologie oder Böshaftigkeit der getöteten oder zu tötenden Figur, sondern die geistige Krankheit des angeblich befreiten Charakters, von dem fast nie klargestellt wird, dass er eben selber alles außer befreit wird durch das Töten oder Tötenwollen.

Mich regt das auf, aber für meine Gefühle kann keiner. Ich will auch keinem zu nahe treten.

Aber ich will einen Vorsatz machen, für mich selber: Ich habe sonst alle verlinkten Etüden gelesen, schon weil ich dachte, dass sich jeder über Resonanz freut. Ab jetzt werde ich selektieren. Etüden, deren Autoren ich nicht folge, lese ich nicht mehr. Ich klicke also nicht mehr durch die Links.

Autoren, die ich in dem einen oder dem anderen Reader verfolge nutzen solche Versionen zwar vielleicht auch und regen mich genauso auf, aber dann habe ich die Anzahl der Aufreger für mich reduziert.

Fundstück

Wäre ich Mikesch, dann würde ich jetzt verlangen, dass Sie mir augenblicklich bestätigen wie toll ich bin. Ich meine wirklich toll, genial, super, grandios.

Brauchen Sie nicht.

Ich war aber gut. Beziehungsweise mir ist etwas Gutes passiert. Erinnern Sie sich an die Geburtstagsmusik für Walburga und was ich ihr eigentlich schenken wollte im letzten Jahr? Ich fand damals das Album mit dem Lied und das Nachfolgealbum.

In dem Laden, in dem ich letzten Monat Herrn Sperber fand fiel mir heute genau die Single, die sie hatte in die Hände. Eventuell in einer anderen Version, aber genau wie sie sich erinnerte in Schallplattengröße (deshalb hatte sie Single und Album verwechselt). US-Import, das heißt vor 32 Jahren gab es vielleicht irgendwo im Großraum Düsseldorf ein Mädchen oder einen Jungen, die oder der in etwa genau so alt wie Walburga damals und genau so verknallt in den Sänger wie Walburga war und möglicherweise das Taschengeld eines ganzen Monats, wenn nicht sogar mehrerer Monate, dafür hingeblättert hat.

[Die wird sich freuen.]

Der Gedanke ist faszinierend. Meine Eltern hätten mich gelyncht. Ich durfte nicht mal normale Maxi-CDs haben, weil die unnütz seien. Ich musste immer die Alben nehmen, auch wenn ich sonst kein einziges Lied des jeweiligen Interpreten mochte.

Und entspannend nachdem ich dem Stiefvater stundenlang vergeblich zu erklären versucht habe, dass es heute okay ist wenn Mikesch weint und schon den ganzen Tag Falco hört. Das war eben die Musik, die meine Eltern früher mit den anderen beiden zusammen gehört haben.

 

Tschüss dann!*

Was bleibt von einem Menschen?

Ich erinnere mich an die Farbfotos meiner Kindheit, schon damals irgendwie verfärbt, meine Eltern und die beiden anderen als junge Leute in einer Achterbahn, beim Campen, im Zoo. Mein Vater und der Mann mit Motorrädern. Meine Mutter erzählend, sie seien alle vier beim Falco-Konzert gewesen.

Wir sind irgendwann mal Schlauchboot gefahren. Ich hatte Angst, denn ich war und bin Nichtschwimmer und habe dann irgendwie meinen Hut verloren. Der Mann holte ihn wieder. Da war ich schon in der Schule, meine ich.

Als ich ungefähr dreizehn war schenkten die beiden mir einen Übersetzungscomputer und einen Taschenrechner. Texas Instruments, gute Dinger. Den Taschenrechner habe ich noch. Ich war dabei, der Mann hat ihn in einer Filiale von Foto Porst gekauft.

Dann traf man sich zufällig in einer fremden Stadt Mitte der Nullerjahre. Ich aß Currywurst an einem Stand und er war mit seiner neuen Frau unterwegs. „Wusste ich doch, das ist die dergl.“ Die Frau hat noch „Wie?“ gefragt, weil der den Namen so sagte wie meine Eltern ihn gesagt haben. Die Frau, die nicht aus Deutschland kam, kannte den Namen nicht.

Noch einmal sah man sich damals, etwas später. Wir stritten, er fand meine Kleidung studentisch und meinen Dialekt zu ausgeprägt, ich weigerte mich in sein Auto zu steigen. Er wollte eine Prestigefahrt. Ich muss nicht nur weil die Gelegenheit da war einmal im Leben mit so einem Auto gefahren sein.

Dann einmal noch, aber wann? Ich weiß es nicht mehr. Es kam wohl mal eine Mail, er sei dann und dann in meiner Stadt im Urlaub gewesen. Ich habe nicht verstanden warum er das nicht vorher gesagt hatte. Ich hätte ihn nicht sehen wollen, aber ich kannte Leute, die Touristentouren machten, vielleicht hätte ich Plätze organisieren können.

Dann nie wieder.

Es ist in Ordnung, wir hatten nichts miteinander zu tun. Auf der Straße wären wir grußlos aneinander vorbei gegangen, wenn wir im selben Landesteil gelebt hätten.

Aber Mikesch ist traurig und muss weinen. Sie hat heute erfahren – und es mir gesagt -, dass der Küchenficker nicht mehr lebt. Schon länger nicht mehr.

 

*Hat er immer zum Abschied gesagt.